DIE ZEIT: Die Finanzkrise ist jetzt zehn Jahre her, und es steht nicht gut um die zwei großen deutschen Banken: Die eine liegt ziemlich am Boden, die andere gehört immer noch teilweise dem Staat. Eine gute Zeit, um abzutreten, oder?

Klaus-Peter Müller: Den idealen Zeitpunkt findet man wahrscheinlich nie. Aber ich bin zufrieden mit dem Zeitpunkt meines Ausstiegs als Aufsichtsratschef der Commerzbank. Die Bank ist auf gutem Weg. Die Beteiligung des Staates liegt bei circa 15 Prozent, nicht übermäßig hoch. Alles, was wir selbst in der Hand hatten, haben wir zurückgezahlt. Die Richtung stimmt.

ZEIT: Warum kommen ausgerechnet in Deutschland die Banken so langsam wieder auf die Beine?

Müller: Ganz einfach: Weil wir Minuszinsen und kaum Margen haben. In anderen Ländern haben die Banken hingegen höhere Zinsmargen. Sagen Sie uns, wo wir da das Geld verdienen sollen?

ZEIT: Wieso ist es in anderen europäischen Ländern anders? Die Zinspolitik der EZB ist überall gleich.

Müller: Nehmen Sie Italien. Dort bekommen die Banken zum Nullzins Geld und können damit Staatsanleihen kaufen, die zwei, drei Prozent abwerfen. Darüber haben italienische Banken wieder Gewinne gemacht.

ZEIT: Warum kaufen Sie nicht einfach selbst italienische Staatsanleihen?

Müller: Das macht aus Risikosicht für uns keinen Sinn.

ZEIT: Sie wollen die ganze Misere der deutschen Banken mit den Zinsen erklären: Mario Draghi ist an allem schuld?

Müller: Nein, so einfach mache ich es mir nicht. Aber wir hatten früher Zinsmargen von drei bis vier Prozent, rechnen Sie das mal hoch auf hundert Milliarden! Das ist richtig viel Geld, das uns fehlt. Das ist keine Jammerei, das ist der Status quo.

ZEIT: Gibt es nicht einen anderen Grund dafür, dass es deutschen Banken so schlecht geht: nämlich dass man in der Finanzkrise die Bankenrettung nicht so gut gemacht hat wie etwa in den USA?

Müller: Das sehe ich anders. Ja, die Amerikaner haben, nachdem sie die ganze Krise ausgelöst hatten, etwas sehr Kluges getan: Sie haben jede Bank gezwungen, zwischen 10 und 50 Milliarden Dollar vom Staat anzunehmen. Das hat dafür gesorgt, dass schon einen Tag später die Geldmärkte voll funktionsfähig waren. In Europa wusste hingegen keiner: Fällt die Nachbarbank morgen um? Diese Diskussion haben die Amerikaner gar nicht erst entstehen lassen. Das haben sie gut gemacht.

ZEIT: Also waren die Amerikaner doch schlauer als die Deutschen?

Müller: Es geht nicht um die Deutschen. Kein anderes Land hat es so gemacht wie die Amerikaner.

ZEIT: Sie waren damals Bankenverbandspräsident. Da gab es schon Leute, die es den Amerikanern nachmachen wollten. Der damalige Finanzminister Peer Steinbrück wollte das unter keinen Umständen. Der damalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ebenfalls nicht.

Müller: Ackermann hat davon profitiert, dass der amerikanische Staat die Versicherung AIG gerettet hat. Das hat ihm Milliardenverluste erspart.