Warum mag man die denn jetzt? Man mochte sie im Buch doch nur bedingt, warum ist das hier, im Theater, anders? Diese Hazal Akgündüz, die einen immerzu beleidigt, die weint und lügt und klaut und flucht, für die alle Deutschen dumme Kartoffeln sind und Abiturienten sowieso die Schlimmsten, "Leute, die Abi machen, labern alle nur Scheiße und haben fettige Haare". Diese Hazal Akgündüz, die ihre türkischen Eltern hasst, weil mit dem Taxifahrervater nichts mehr los ist und die Mutter ständig nur Çay will und dass Hazal zu Hause bleibt, diese Hazal, die in einer berufsbildenden Maßnahme festhängt und heimlich mit Mehmet aus Istanbul skypt und die so frustriert ist, dass sie eines Nachts am Berliner Ostkreuz einen Studenten vor die U6 prügelt. Er stirbt, sie lebt, aber was ist das für ein Leben? Man mag sie, das ist leider die Antwort, weil man Mitleid hat. Aber Mitleid hilft ihr nicht. Mitleid will sie nicht. Mitleid hat sie mit sich selbst schon genug. Besser wäre, man verstünde sie.

Das versucht Ellbogen, das Stück von Alexander Riemenschneider nach dem Buch von Fatma Aydemir.

Man muss daran erinnern, wie kontrovers der Roman der taz-Redakteurin Aydemir 2017 besprochen wurde, weil er so viel auf einmal verhandelt: die U-Bahn-Schubser, den türkischen Putsch und eine in Tradition gefangene Heranwachsende mit gewaltiger Wut. Mehr Wut, als mancher Rezensent zu verstehen bereit war. Man bemängelte dramaturgische Schwächen und fehlende Empathie. Gelungen sei der Stoff, bisweilen aber mache es sich die Autorin zu einfach. Dazu eine Passage aus dem Theaterstück? "Lust. Oder Hass. Oder Migrationshintergrund. Geil."

Der Sound, der den Roman getragen hat, lässt das Theaterstück fliegen. Die Beleidigungen, çüș, Schatz, du bist eine Muschi, aber schwör mal. Die ganzen In-die-Fresse-Sätze, man muss sie hören, damit aus ihnen eine Welt entsteht.

"Wenn wir einen Thorsten vor die U-Bahn werfen, wollen sie plötzlich wissen, wer wir sind", sagt Hazal. Ein Wahnsinnssatz. Davon gibt es einige. Und es gibt einen Toten, Beweise, die Flucht und ihr Grinsen.

Alle reden nur über Flüchtlinge, reden wir doch auch mal wieder über Deutschtürken – das Angebot hat Fatma Aydemir mit ihrem Roman gemacht. Sind doch auch Geflüchtete. Waren sie jedenfalls mal. Vor drei Generationen. Erfühlte Realität versus deutscher Pass. Aber was, wenn man mehr sein will als Gast und Arbeiter? Wenn man tanzen will und kiffen und trinken und vögeln und am achtzehnten Geburtstag ins Berghain? Sie lassen Hazal nicht rein. Die Türsteher nicht und die Deutschen sowieso nicht. Daran geht sie kaputt. Deshalb wird Thorsten zum Opfer, auch wenn er vorher schon ein Opfer war, mit seinem Jutebeutel, dem dummen Grinsen und der ekligen Studentenfrisur, so sieht Hazal das.

Die Adaption am Schauspielhaus lässt alles weg, was im Buch zu viel war. Sie ist besser als das Buch, noch besser, muss man sagen. Was der Haupt- und einzigen Darstellerin geschuldet ist, der genialen Katherina Sattler. Die spielte schon im Sommernachtstraum und im Geheimen Garten großartig, aber hier ist sie allein. Mit sich, mit Hazal, mit diesem Drang nach Freiheit und den Einengungen, an denen der Drang erstickt. Eine One-Woman-Show, fast ohne Requisite, auf der Bühne ausgestreut wird nur mit Glut vermengte Asche. Sattler tanzt, schwitzt, schlägt und zweifelt sich durch neunzig Minuten, erst als stille Rebellin im Batikstrasstop, dann als Ballettröckchen-Kifferfee mit Diadem und Zauberstab.

Am Ende kippt die Handlung über zum Bosporus. Und während Hazal Berlin so schrecklich deutsch fand, ist ihr Istanbul viel zu türkisch, in Berlin durfte sie nie raus, in Istanbul ist sie zu oft draußen, und der Eindruck, dass es für diese Ramponierte, Verwundete, Unverstandene keinen Ort gibt, an dem sie glücklich werden kann, bleibt kleben wie das Lametta an Sattlers Stirn. Hilfe kommt keine. Aber Hilfe wollte Hazal auch nie. Nur eine echte Chance.

Bislang ist nur eine weitere Aufführung am 26. April geplant. Sie ist zurzeit ausverkauft