Es ist schon eine kuriose Umkehrung der Verhältnisse. Früher, wenn gelegentlich ein Theologe, Bischof oder Pfarrer aus der Reihe tanzte, kamen die bösen Briefe aus Rom. Zurechtgewiesen wurden die Missetäter dann von höchster Stelle, meist vom Chef der Glaubenskongregation. Heute ist es andersherum: Die Beschwerdebriefe kommen aus der Provinz, richten sich nicht gegen Einzelne, sondern gegen die Kirchenspitze und werden zuletzt auffällig häufig aus Köln versendet. Vor anderthalb Jahren manifestierte der inzwischen verstorbene Kardinal und ehemalige Kölner Erzbischof Joachim Meisner zusammen mit drei Kollegen Zweifel am Lehramt von Papst Franziskus.

Vor Tagen trudelte abermals Post aus Köln im Vatikan ein. Diesmal beschwerte sich Meisners Nachfolger Rainer Maria Kardinal Woelki zusammen mit sechs anderen deutschen Bischöfen über eine Handreichung der Deutschen Bischofskonferenz. Derzufolge sollen in Ausnahmefällen künftig auch mit Katholiken verheiratete Protestanten in katholischen Messen die Kommunion empfangen dürfen. Die sieben Bischöfe zweifeln nicht am päpstlichen Lehramt, sondern an der Autorität ihrer Kollegen. "Wir bitten Sie um Hilfe angesichts der von uns gehegten Zweifel, ob der in diesem Dokument vorgelegte Lösungsentwurf mit dem Glauben und der Einheit der Kirche vereinbar ist", schrieben sie am 22. März an den Vatikan.

An Franziskus ist die Post diesmal nicht gerichtet. Das macht es dem Oberhaupt der katholischen Kirche leichter; der Papst muss nicht reagieren und niemand kann sich später über sein Schweigen aufregen. Adressaten des Briefes sind Kurt Kardinal Koch, der Präsident des päpstlichen Ökumenerats, sowie der seit bald einem Jahr amtierende Präfekt der Glaubenskongregation und Nachfolger Gerhard Ludwig Müllers, Kurienerzbischof Luis Ladaria. Hätte der papstkritische Müller heute noch das Sagen, wäre die Lage komplizierter. Ladaria und Koch gelten zwar als dogmatisch felsenfest, aber eben auch als ausgesprochen loyal zu ihrem Chef.

Auch den päpstlichen Juristen vom Rat für die Gesetzestexte wurde das Schreiben zugestellt, da auch die Interpretation des kanonischen Rechts eine Rolle spielt. Wie es im Vatikan heißt, wollen sich die drei Stellen untereinander abstimmen. Anders als im Fall der von vier Kardinälen vorgelegten Dubia ist also mit einer Antwort zu rechnen. Am vergangenen Freitag waren Ladaria und ein Vertreter des Rats für die Gesetzestexte bei Papst Franziskus in der Privataudienz, der Brief war da schon im Vatikan angekommen. Dass auch Franziskus Bescheid weiß, davon ist auszugehen. Nun müssen Koch und Ladaria die Aufgabe bewältigen, zwischen Kirchenrecht und päpstlichem Willen abzuwägen. Denn der Fall betrifft den Grundkonflikt des Pontifikats: Wie ist lehramtliche Entwicklung möglich, ohne geltendes Kirchenrecht zu brechen?

Das Kirchenrecht erlaubt die sogenannte Interkommunion nur unter sehr strengen Voraussetzungen, von "schweren geistlichen Notlagen" ist dort die Rede. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche direkte und indirekte Einlassungen des Papstes zum Thema. Sie machen klar: Die Handreichung der Deutschen Bischofskonferenz ist ganz in seinem Sinne. Das gilt zum einen für die in der Praxis längst positiv beantwortete Detailfrage der Zulassung zur Eucharistie nichtkatholischer Christen, aber auch für das grundsätzlichere Thema, ob eine Bischofskonferenz zu einer Glaubensfrage eigenständige Richtlinien formulieren darf oder auf von Rom genehmigte, global gültige Regelungen warten muss. Solche allgemeinen Regeln verlangen implizit die sieben Bischöfe um Woelki und stehen damit in der Tradition der beiden Vorgänger von Franziskus, als der Vatikan sich an Machtworten und ihrer verbindlichen Geltung labte.

Heute ist die Marschroute eine andere, in Rom wurden spätestens seit dem nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia vom Frühjahr 2016 die Weichen so gestellt, dass Problemlösungen einzelner Bischofskonferenzen durchaus erwünscht sind und Gewissensentscheidungen aufgewertet wurden. Franziskus will aus Furcht vor einem Schisma den Wandel nicht von oben herab verordnen. Vielmehr hat er die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Veränderungen erst lokal oder regional greifen und später auch global voranschreiten können. Die Bischöfe, die mit Zweidrittelmehrheit für die Handreichung stimmten, sind damit brave päpstliche Erfüllungsgehilfen.