Wenn ein Sachverhalt kompliziert genug ist, kann man darüber alles Mögliche behaupten – einfach weil die Richtigstellung so kompliziert würde, dass niemand sie versteht. Das Thema ist aber wichtig, es geht um das größte Umweltschutzvorhaben der Stadt und einige Hundert Millionen Euro. Versuchen wir es also.

In der vergangenen Woche hat das Hamburger Abendblatt bekannt gemacht, wie viel das Fernwärmenetz der Stadt aus Sicht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO wert ist: zwischen 550 und 725 Millionen Euro. Bislang gehört das Netz der Stadt zu einem Viertel, ein Volksentscheid verlangt aber einen vollständigen Rückkauf. Dafür hat sich die damalige SPD-Regierung 2012 mit dem Mehrheitseigner Vattenfall auf einen Mindestpreis verständigt: 950 Millionen Euro.

Würde die Stadt die Fernwärmeversorgung nun komplett kaufen, müsste sie demnach mehr bezahlen, als das Gekaufte wert ist. So weit ist der Sachverhalt unstrittig. Ärgerlich sind die Fehlinterpretationen und Legenden, die daran anknüpfen.

Legende Nummer eins kommt von rechts und besagt, es seien die Grünen mit ihren Plänen für eine ökologische Fernwärmeversorgung, die den Wert des gemeinsamen Wärmeunternehmens ruiniert hätten. Der unterirdische Wärmespeicher und die Nutzung von Abwärme aus der Industrie – das sei alles viel zu teuer. "Der Wertverfall des Fernwärmenetzes ist durch grüne Ignoranz verursacht", behauptet die FDP.

Das ist Unsinn. Die Zahlen, die nun bekannt wurden, beziffern den Wert des Wärmeunternehmens unter der Voraussetzung, dass es so weitergeführt wird, wie Vattenfall es anstrebt und wie es auch die FDP für richtig hält: ohne die umweltfreundliche Technologie der Grünen, dafür aber mit Anschluss des Kohlekraftwerks Moorburg an das Wärmenetz. Weil das Geschäft mit dem Brennstoff Kohle aus Sicht der Gutachter zunehmend weniger profitabel wird, billigen sie dem Unternehmen einen niedrigen Wert zu.

Über die Pläne zum ökologischen Umbau ist damit nichts gesagt. Die Wirtschaftsprüfer sollen auch diese Variante der Hamburger Fernwärmeversorgung bewerten, in der kommenden Woche werden die Zahlen erwartet.

Die zweite Legende kommt von links und besagt, die damalige SPD-Regierung habe mit Vattenfall schlecht verhandelt und einen viel zu hohen Mindestpreis festgelegt.

Auch das ist nicht belegbar. Nach dem Volksentscheid für den Rückkauf konnte die Stadt Vattenfall nicht einfach enteignen. Sie konnte allerdings Druck ausüben, weil damals die Konzession für das Stromnetz auslief. Diesen Druck hat der Senat genutzt, um Vattenfall zugleich das Wärmenetz abzuhandeln. Auch damals war es ein Gutachter, der den Mindestpreis festlegte. Dass Wirtschaftsprüfer den Wert heute deutlich niedriger einschätzen, ist kein Skandal, sondern Folge der schnellen Veränderung der Energiemärkte.

Eines zeichnet sich allerdings ab: Die Umweltverbände haben den Bürgern vor fünf Jahren mit ihrer Kampagne für den Rückkauf des Wärmenetzes zu viel versprochen: Günstige, umweltfreundlich hergestellte Fernwärme für die Kunden und gleichzeitig ein glänzendes Geschäft für die Stadt Hamburg – beides zusammen wird es kaum geben. Umweltschutz ist nicht umsonst. Das hätte man sich denken können.