Sie ließen mich warten. Dann wurde ich ins Chefzimmer befohlen. Um einen langen Tisch saßen sechs Uniformierte. Der Oberste herrschte mich an: "Bürger, Sie haben eine Eingabe an das Wehrkreiskommando Berlin-Mitte geschrieben. Sie verweigern den Ehrendienst mit der Waffe, aus Glaubensgründen. Ich verspreche Ihnen: Der nächste richtige Krieg wird Ihnen den Jesus-Quatsch austreiben. Bürger, Sie marschieren! Wegtreten!"

Ich marschierte nicht, sondern lief – zu Manfred Stolpe, dem Konsistorialpräsidenten der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ...

Das geschah 1982. Ich war damals Vikar der Kirchgemeinde Berlin-Buch. Ein Vikar ist ein Theologe zwischen Studium und Pfarramt. Er übt: Predigt, Konfirmandenunterricht, Taufe, Beerdigung. Er prüft: sich selbst. Meine Selbstprüfung ergab, dass ich doch kein Pfarrer werden wollte – nicht aus Glaubensgründen, sondern wegen Einzelgängerei. Ein Pfarrer ist immer im Dienst, ständig erreichbar, kaum je für sich allein. So sollte ich leben?

So kannte ich es von daheim. Mein Vater war Pfarrer in einem Dorf am Ostharz. 1920 geboren, hatte er seine gesamte Jugend in der NS-Diktatur verbracht, vom gläubigen Hitlerjungen bis zum desillusionierten Wehrmacht-Funker. Der Krieg verbrannte seinen Führerglauben, aber verschonte sein Leben. Er hatte nicht getötet. Diese Bewahrung und die Schuld der deutschen Maximalverbrechen empfand er als Pflicht. Er suchte Christus, studierte Theologie und widerstand fortan jedweder Ideologie. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, in diesem Sinne erzog er seine Kinder. Glücklicherweise hatte ich Lehrer, die mich das nicht büßen ließen. "Christoph gehört nicht der Pionierorganisation an", schrieb mir die geliebte Frau Schmädig ins Zeugnis. "Er stand jedoch nie abseits, wenn es galt, gemeinsam zu schaffen."

Das war in den sechziger Jahren. Die Volkskirche lebte noch in der DDR, wenngleich geschwächt. Das Glockengeläut gehörte zur dörflichen Symphonie wie Hufschlag und Hahnenschrei, das Brüllen der Kühe, das Kreischen der Säge. Im Mai zogen die Konfirmanden durchs Dorf. Bei Hochzeiten spannten wir Kinder Stricke vor dem Kirchportal, bis drinnen der Schlusschoral erklang, die Vermählten erschienen und der Bräutigam Münzen warf. Nicht nur zu Heiligabend, auch am Totensonntag war die Kirche voll. Vater verlas von der Kanzel die Jahresliste der Verstorbenen. Noch einmal hörten die Bauern die Namen ihrer Entschlafenen und beteten den 90. Psalm: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."

Der 16-jährige Christoph Dieckmann – Abitur und Studium wurden ihm vom DDR-Regime verweigert. © Hans-Joachim Dieckmann

Alles wurde anders in der Bergbau-Stadt, in die wir 1968 zogen. Sangerhausen war völlig säkular. Die Kupferkumpel glaubten nicht an Gott oder Marx, sondern an Lohntüte und proletarischen Genuss. Dieser Gewohnheitsatheismus ist unverändert typisch für den Osten. Kirchliche Bindung beschränkt sich auf bürgerliche Restmilieus.

Anders als die Nazis und die Deutschen Christen offerierten die SED-Machthaber keine staatsreligiösen Perversitäten, um die Kirchen "gleichzuschalten". Religion galt ihnen als Aberglaube – gnädigstenfalls, mit Marx, als "Opium des Volkes" und "Blume an der Kette der Entrechteten". Dieser Daseinsgrund entfiel im Sozialismus, demnach war, gemäß der "wissenschaftlichen Weltanschauung" des Marxismus-Leninismus, das Ende der Religion gewiss. Anfangs schikanierte der Staat die Kirchen, um den Tod der Religion zu beschleunigen. Deren Sterben zog sich freilich unterminierbar hin. Also wurden Christen nicht weiter verfolgt, sondern subaltern integriert. Sie blieben jedoch bedenkliche Elemente, die von den Schalthebeln der Gesellschaft ferngehalten werden mussten. Die evangelische Kirche sollte sich auf Innerlichkeit und Kult beschränken. Die katholische hielt sich ohnehin von staatlichen Belangen fern.

Christsein war also in der DDR kein Zufall, sondern Haltung und Entschluss. Ich verweigerte FDJ und Jugendweihe, folglich verwehrte mir die Genossin Kreisschulrätin Abitur und Studium mit dem unvergesslichen Satz: "Sie tun nichts für das Volk, da tut die Volksmacht auch nichts für Sie." Besser erging es der Pfarrerstochter Angela Merkel. Kühl kalkulierend, ging sie in die FDJ und durfte studieren. Ich empfing einen Trostbrief des Magdeburger Bischofs Werner Krusche: Wie mir ergehe es vielen, die zu Jesus stünden, doch unser Herr wisse auch für mich einen Weg.

Der Weg erwies sich als Labyrinth. Ich lernte Filmvorführer, zog mit den Kinokisten über die Dörfer und beglückte die Bauern mit dem Geflimmer der Ferne. Dann tauschte ich Technik für Theologie und studierte an kirchlichen Hochschulen in Leipzig und Berlin. Als ökumenischer Medienreferent erlebte ich, wie in den achtziger Jahren die SED-Republik verrottete. Dem Mauerstaat entlief das Volk, zunächst nach innen. Viele kritische Geister, durchaus kirchenfern, suchten in sakralen Räumen weltoffene Diskussionen und freie Sprache, ohne Zensur. Die kirchlichen Synoden wirkten als Schulen der Demokratie.

Es kam das Entscheidungsjahr 1989. Der friedliche Herbstumbruch wurde bisweilen als protestantische Revolution bezeichnet. Viele Protagonisten waren Pfarrer, und dass "die Wende" ohne Blutvergießen gelang, verdankte sich auch kirchlicher Vermittlung. Das Prinzip "Keine Gewalt!" bedurfte jedoch der Vernunft des gesamten Ostvolks, besonders jener, die die Waffen streckten. Zum Sieg der Kirche wurde 1989 nicht. Die Atheisierung des Ostens blieb ein dauerhafter Triumph des SED-Regimes. Die evangelische Kirche sank zurück in ihre milieugebundene Marginalität. Als oppositioneller Schutzraum wurde sie nicht länger gebraucht. Christsein kostete nun nichts mehr; es bildete den zivilreligiösen Grundstock der "westlichen Wertegemeinschaft". Flugs wurde die Ost-Kirche, wie die DDR der BRD, der übermächtigen EKD angeschlossen und hatte sich deren Regularien zu fügen. Das bedeutete auch Militärseelsorge. Welch Rücksturz!