Victor ist ein zynischer, 39-jähriger Multimillionär, der es vom normalen Investmentbanker zum Miteigner der Frankfurter "Birken Bank" gebracht hat. Er ist das negative Abziehbild eines verkorksten, verwahrlosten Bankers, wie ihn vielleicht nur das Jahr 2018 schreiben kann: ein Mann, verdammt zum Reichtum, aber nicht zum Glücklichsein. Er ist die Hauptfigur von Alexander Schimmelbuschs neuem, brillantem Roman Hochdeutschland. Der 1975 geborene Autor weiß, wovon er schreibt: Bevor er 2006 sein Roman-Debüt Im Sinkflug publizierte, hat er in Washington, D. C., Volkswirtschaftslehre und Germanistik studiert, in New York gewohnt und anschließend in London als Investmentbanker gearbeitet. Auf diese Weise hat er die Klaviatur der Finanzökonomie zu spielen und zu verstehen gelernt.

Diese ökonomische Expertise merkt man dem Text an. Das Buch ist mehr fabulierender Essay als Roman, eine dystopische Überhöhung des modernen Finanzkapitalismus und zugleich eine Prophezeiung, wie er kollabieren könnte.

Schnell zeigt sich: Victor ist so dehnbar wie das System, in dem er reich geworden ist. Er ist eine flexible Persönlichkeit, ein zynisches Arschloch mit Porsche, Scheidungskind und liebloser Affäre. Einer, der weiß, dass er sein Geld nicht verdient hat, sondern von den Mechanismen der Finanzökonomie wie ein Glücksritter profitiert, in der wenige sehr viel und viele sehr wenig haben. Und dass der Zufall über das Leben entscheidet. Die Idee nach selbstbestimmtem Handeln gehört zu den großen Marktillusionen, die Victors Biografie schonungslos offenbart.

Irrwitzige Fabulierkunst

Recht schnell wird durchsichtig, dass dieser Zyniker sein Leben nicht länger ertragen kann. Er ist saturiert, gelangweilt, halb depressiv und läuft mit einem inneren Wunsch nach einer stinknormalen bürgerlichen Realität durch die Welt. Archetypisch dafür stehen Victors Vapiano-Besuche, wo er die Freuden des Kleinbürgertums halb neidvoll, halb abschätzig beobachtet und genießt. Mit anschließendem Brühwürfel-Geschmack im Mund. Die Sehnsucht nach einer einfachen Sahne-Pasta, hergestellt im Verfahren serieller Systemgastronomie, ist der humorvolle Anfang vom Ende seiner sicheren Existenz: "Nie zuvor war ihm so präsent gewesen, dass seine Privilegien nicht zu rechtfertigen waren. Dass sie allein darauf basierten, dass aus Folge einer Reihe von Zufällen ein System entstanden war, in dem die Tätigkeit als Berater höher vergütet wurde als etwa das Blasen oder das Schreiben oder die Unterwasser-Korbflechterei."

Victor will ausbrechen. Einen Schlussstrich ziehen. Einen Roman schreiben. Oder noch besser: die Welt revolutionieren. Vielleicht auch deshalb, weil er nichts mehr zu verlieren hat. Sein Ekel vor seiner neureichen Existenz mündet in einer überraschenden Verschiebung, die wie bolschewistische Selbstzerstörung wirkt: In einem Augenblick kompletter Abgestumpftheit schreibt er ein Manifest, in dem er die Grundsätze des modernen Finanzkapitalismus attackiert. Darin fordert er, den Sozialstaat auszubauen, den Bildungssektor zu verstaatlichen, die Reichensteuer zu erhöhen und eine Vermögensobergrenze von 25 Millionen Euro pro Bürger einzurichten. Also kräftig umzuverteilen und Wohlstand für alle herbeizudiktieren. Denn: "Deutschland war ein Land der Dichter und Denker und kein Land der Milliardäre und Jachtbesitzer." Der Banker wird damit zum Kritiker seiner selbst, zum Revoluzzer, Antikapitalisten und kühnen Umsturz-Fantasten.

Hier kippt der Text vollends ins Genre der Populismus-Satire. Denn nicht nur der linken Polemik bedient sich Victor, er kombiniert seine radikalen Reformvorschläge mit plumper Islamkritik. Victors bester Freund Ali, ein Bundestagsabgeordneter der Grünen (eigentlich die deutscheste aller deutschen Parteien), hört vom Manifest, das sein Freund in 30 Minuten zusammengeschustert hat, und erkennt dessen Potenzial. Ali heckt den Plan aus, den Text als Wahlprogramm vorzustellen und dafür eine eigene Partei zu gründen: die Deutschland AG, eine Art AfD von links. Ziel ist nicht weniger als der Einzug ins Kanzleramt.

Der Roman exerziert in irrwitziger Fabulierkunst, wie es Ali und Victor gelingt, mit ihrem marktschreierischen Programm die Herzen der deutschen Wähler zu erobern und die konventionellen Parteien damit ins Abseits zu manövrieren. Selbst Merkel muss den Hut ziehen. Nach der Wahlschlappe tröstet sie eine BMW-Erbin, die nun um ihr Vermögen fürchtet, kompromissbereit mit den Worten: "Nu fangse mal nich an zu heulen."

Der Roman streift den Ausblick auf die Zukunft nur peripher. Im Grunde geht es in dem Buch um eine pointenreiche Konfrontation mit der fragilen und blutleeren Moderne, in der es keine sinnhaften Erzählungen und Deutungsangebote mehr gibt – zumindest jenseits von resignierter Moderne- und Kapitalismuskritik nicht. Das liest sich nicht nur gut und stilsicher. Es ist auch ein intellektuelles Erweckungserlebnis und nebenbei ein großer, fulminanter Spaß. Ein Roman, der es schafft, dass man sich vor der finanzökonomischen Gegenwart im Schmunzel-Modus gruselt. So viel ist nach der Lektüre klar: Typen wie Victor müssen keine Fiktion bleiben. Wenn die Zeit reif ist, ergreifen sie ihre Chance.

Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland. Roman; Tropen, Stuttgart 2018; 214 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €