Um die Jahrtausendwende tobte schon einmal eine "Kampfhunddebatte", damals galten Pitbull-Terrier, Rottweiler, Dobermänner als Beißmaschinen. Dringend, so hieß es, müsse die Gefahr gebannt, sprich: eingeschläfert werden. Nun wird wieder diskutiert, denn ein Staffordshire-Terrier-Mischling namens Chico, dessen Vorfahren im Mittelengland des 17. Jahrhunderts für die Rattenjagd gezüchtet wurden, hat seine Besitzerin und ihren erwachsenen Sohn totgebissen. Doch keine Spur von der damaligen Panik. Im Gegenteil: Die Fotos, wie der nach den tödlichen Bissen in Obhut des Tierheims genommene Chico mit gesenktem Kopf durch seine Zelle streift, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt, lösten eine massive Solidaritätswelle aus. Man könnte meinen, hier solle ein politischer Gefangener aus den Klauen des Polizeistaats befreit werden.

Vor dem Hannoveraner Ordnungsamt protestierten aufgebrachte Hundefreunde für ein Gnadengesuch, da Chico entweder unschuldig sei ("Es könnte sich auch um einen inszenierten Mordfall handeln", ließ sich die Demo-Anmelderin zitieren) oder zumindest schuldunfähig: habe der Hund doch eine schwierige Kindheit gehabt (wenig Auslauf). Innerhalb kürzester Zeit schmetterten mehr als 250.000 Menschen ihr J’accuse unter eine Petition, die fordert: "Bitte lasst Chico leben! Gebt ihm eine Chance!"

Es gibt gute Gründe, die Todesstrafe, wie das Wording der Chico-Unterstützer im Internet lautet, abzulehnen. Sind wir doch nicht im Frankreich des Jahres 1386, als ein Schwein, das einen Säugling totgebissen haben soll, vor das berühmte "Tribunal von Falaise" gestellt und schließlich dem Galgen übergeben wurde. Und ist es auch schon ein paar Jahre her, als in der Bibel notiert wurde: "Wenn ein Rind einen Mann oder eine Frau stößt, sodass sie sterben, dann muss das Rind gesteinigt werden." Dennoch bleibt zu fragen: Warum machen Hunderttausende das Leben eines womöglich gemeingefährlichen Hundes zu ihrem Anliegen? Während die zerfetzten Kinder in Syrien bloß Achselzucken hervorrufen, deren einziger Fehler es war, dort geboren zu werden, wo das Assad-Regime seit Jahren Fassbomben abwirft.

Spiegelt sich darin, Tierliebe vor Nächstenliebe, eine gewisse Zivilisationsmüdigkeit? Im Internet fallen Unterstützer von Chico mit Morddrohungen gegen das Veterinäramt auf. Wer in Kommentarspalten den Tierfreunden widerspricht, kann froh sein, wenn er nur Torfkopf genannt wird. Fast kommt es einem so vor, als fungierte Chico als Projektionsfläche für eine Sehnsucht danach, wieder im Einklang mit den eigenen, entfesselten Instinkten durch die Welt trotten zu dürfen. Ohne lästiges Abwägen und Rücksichtnehmen, das den Menschen abverlangt wird, seit die Aufklärung die Idee gebar, dass der Mensch ein Gesellschaftswesen sei und von der Natur entfremdet.

Das revolutionäre Potenzial der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, jeder (damals leider nicht gemeint: jede) sei frei und gleich, bestand gerade im Postulat einer Gattungsdifferenz: Kein Mensch dürfe mehr behandelt werden wie ein Tier. Wo jedoch das Versprechen, dass es jeder schaffen könne, mit der Erfahrung kollidiert, in der täglichen Konkurrenz hoffnungslos zu scheitern, wird "das wilde Tier" wieder attraktiv. Die romantisierte Vorstellung ungebändigter Zeiten kehrt zurück – wenn schon survival of the fittest, dann richtig.

Chicos Besitzerin hatte ihn übrigens angeschafft, nachdem ihr Mann aus dem Gefängnis entlassen wurde, in dem er saß, weil er sie mit einem Beil attackiert hatte. Eine Frau weiß sich nicht anders vor häuslicher Gewalt zu schützen als durch einen abgerichteten Hund, den zu erziehen sie offensichtlich nicht in der Lage war (seit der Beilattacke saß sie im Rollstuhl). In den Foren des Internets heißt es dazu, die "Fotze" habe den brutalen Tod verdient ("Selber schuld, wenn dieser Untermensch Chico kein schönes Leben ermöglicht"). Unter anderem als Reaktion auf zahlreiche Morddrohungen gab das Tierheim Anfang der Woche bekannt, dass Chico nicht eingeschläfert werde.