Jedes Jahr Ärger beim Musikpreis Echo! Die Unruhestifter 2018: Gangsta-Rapper Kollegah und sein Mitstreiter Farid Bang, die zusammen für ihr Album JBG3 nominiert sind, unter anderem in der Kategorie "Album des Jahres" (nominiert werden stets die fünf meistverkauften Alben des Jahres, und JBG3 war ein Megaseller: 30 Millionen Streams. Der Titel steht für "Jung, brutal, gutaussehend", wer wär’s nicht gern?). Der Vorwurf an die beiden: Antisemitismus.

Die XXL-Version des Albums enthält einen Song, auf dem Farid Bang sich für seine Erfolge beim Muskeltraining selbst lobt, und zwar so: "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen". Zum anderen zeigte die ARD gerade eine sehenswerte Doku über Antisemitismus in der deutschen Hip-Hop-Szene: Im Film Die dunkle Seite des deutschen Rap geht es unter anderem um das Kollegah-Video Apokalypse aus dem Jahr 2016, wir sehen dort einen Mann mit Davidstern-Ring als Drahtzieher einer geheimen Banken-Weltverschwörung. Kollegah antwortete auf den Vorwurf in einem Instagram-Video, oberkörperfrei: "Das Pentagramm und Hexagramm sind magische Symbole, die weit über die Anfänge des Judentums zurückdatieren."

Als Bild das Thema aufgriff und den Echo dafür kritisierte, die beiden nominiert zu haben, meldete sich Kollegah bei Instagram in immer weiteren Videos zu Wort. Zuerst rief er seine Fans auf, endlich die Macht der Mainstream-Medien zu brechen und sich nicht weiter "verarschen" zu lassen; dann bot er jedem Journalisten 25.000 Euro an, der "objektiv" über eine "Pizzagate" genannte Verschwörungstheorie berichtet, der zufolge Hillary Clinton mit einem Kinderpornoring zusammengearbeitet hat. Und dann, aber da war eh schon alles irre, lud Kollegah als Versöhnung alle Juden kostenlos zu seinen Konzerten ein.

Half allerdings nichts. Denn von weit weg sieht es nun so aus: Während besorgte Politiker vor "importiertem Antisemitismus" warnen, tragen muslimische Straßen-Rapper ihre Judenverachtung offen zur Schau, machen sogar Geld damit. Belohnt werden sie mit einer Einladung zu Deutschlands wichtigstem Musikpreis. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Farid Bang hat sich inzwischen bei einer Auschwitz-Überlebenden für seine Zeile entschuldigt. Vermutlich spürt er als Künstler selbst, dass diese Geschmacklosigkeit durch keine Doppelbödigkeit gedämpft, durch keine Pointe gedeckt war. Man muss dem marokkanischstämmigen Rapper aber deswegen keine politische Agenda unterstellen.

Kollegah hingegen ist ein besonderer Fall: Der 33-Jährige entspricht nicht dem Klischee, das konservative Kritiker von Gangsta-Rappern haben. Bürgerlich heißt der Sohn einer Deutschen und eines Kanadiers Felix Blume, er wuchs im Hunsrück auf und studierte Jura in Mainz. Sein Stiefvater war Muslim, Kollegah konvertierte als Teenager.

Eine Islamisierung des Abendlandes geht von ihm jedoch nicht aus. Wenn er seine Video-Ansagen gegen die verlogenen Mainstream-Medien mit dem Satz "Wir sind das Volk" abbindet, meint er nicht die Umma. Und wenn er über Pentagramme fachsimpelt oder erklärt, warum die Evolutionstheorie lückenhaft ist ("Aus Chaos entsteht niemals Ordnung über die Zeit", "Wie soll, mal ganz klar gesagt, ein Fisch zu einem Leguan werden? Indem er immer aus dem Wasser springt?"), spricht hier kein Morgenland-Wahnsinn aus ihm, sondern das älteste Ressentiment des Abendlandes: der gesunde Menschenverstand.

In der Figur Kollegah kann sich jeder Ich-lass-mich-doch-nicht-verarschen-Deutsche wiedererkennen, aber als der exotisierte Andere. Kollegah nennt sich selbst den "Boss", er predigt nicht die Scharia, sondern eine Philosophie der Bosshaftigkeit (Boss-Transformation heißt sein Fitnessprogramm, von dem man eine "Boss-Aura" bekommt). Und wenn es ums Ressentiment geht, unterscheidet sich dieser neue Boss eben nicht vom alten deutschen Untertan – vom politisch interessierten Jürgen aus der Fußballmannschaft, der Israel für ein Apartheid-Regime hält; oder vom Jura-Professor, der im Bordbistro auf Fahrgäste lauert, die er über Zinsknechtschaft belehren kann.

Und bevor Kollegah jetzt das nächste Instagram-Video aufnimmt: Nein, kein Systemjournalist will ihm Judenvernichtungsgedanken andichten. Und nein, er soll ruhig einen Echo bekommen; immerhin haben die Preisverleiher inzwischen auch den Boykott der umstrittenen Südtiroler Rockband Frei.Wild aufgehoben, der linke Kritiker immer noch Nähe zu nationalistischem Gedankengut vorwerfen. Stattdessen jetzt zwei muslimische Rapper auszuschließen, womöglich noch aus genau den falschen Gründen, das wäre seltsam gewesen.

Denn wenn ein sprachgewitzter, hochbegabter Akademiker aus Rheinland-Pfalz sich Antisemitismus nur dort vorstellen kann (oder will), wo man Juden schon vergast, ist das ein deutsches Problem, kein importiertes.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio