DIE ZEIT: Nach langem Widerstand unterstützt der Bauernverband nun doch ein staatliches Tierwohl-Siegel. Woher rührt Ihr Gesinnungswandel?

Joachim Rukwied: Wir verbessern die Haltungsbedingungen seit Jahren. Gemeinsam mit dem Lebensmittel-Einzelhandel haben wir die Initiative Tierwohl auf den Weg gebracht. Nun hat sich die Bundesregierung ein staatliches Label in den Koalitionsvertrag geschrieben. Auch da wollen wir Taktgeber bleiben.

ZEIT: Und welchen Takt bevorzugen Sie?

Rukwied: Wir schlagen drei Qualitätsstufen vor: auf der ersten einen gesetzlich festgelegten Mindeststandard, auf der zweiten die erhöhten Anforderungen der Tierwohl-Initiative, schließlich einen Premiumstandard, der zum Beispiel dem Label des Deutschen Tierschutzbundes entspricht. Separat sollte ein Ökostandard erhalten bleiben. Stufe null ist alles unterhalb des gesetzlichen deutschen Standards.

ZEIT: Lassen Sie sich auf das staatliche Siegel nicht vor allem ein, weil sonst Aldi, Lidl und Co. mit ihren eigenen Labels dirigieren?

© Werner Schuering/imagetrust

Rukwied: Uns geht es darum, Transparenz zu schaffen. Die Handelsketten mit ihren vielen unterschiedlichen Ansätzen stiften eher Verwirrung.

ZEIT: Diese Verwirrung ist nicht zuletzt eine Folge Ihres Zögerns. Dabei sagen viele Landwirte seit Langem: Wir bauen jeden Stall, sagt uns nur endlich, was ihr wollt! Hätten Sie nicht gleich auf den Staat setzen müssen?

Rukwied: Sie vergessen: Beim Bau eines Stalls geht es um hohe Investitionen. Da legt sich eine junge Familie oft im Zuge des Generationswechsels mit Anfang 30 auf Tilgungen über drei Jahrzehnte fest. Diesen jungen Landwirten können wir nicht nach drei Jahren sagen: Leider finden wir schon wieder eine andere Stalltechnik besser. Wenn wir die Betriebe erhalten wollen, brauchen wir lange Übergangszeiten.

ZEIT: Gerade weil Entscheidungen in der Landwirtschaft so langfristige Folgen haben: Warum signalisieren Sie Ihren Mitgliedern nicht viel entschlossener, wohin die Reise geht? Wegen der Umweltfolgen muss zum Beispiel der Tierbestand in Deutschland schrumpfen. Das hört man aus Ihrem Munde nicht.

Rukwied: Bei der Zahl der Tiere ist entscheidend, ob wir eine Kreislaufwirtschaft haben. In einigen Regionen ist dann kein Zuwachs mehr möglich – in anderen schon.

ZEIT: Was meinen Sie mit Kreislaufwirtschaft?

Rukwied: Kreislaufwirtschaft heißt, dass die Zufuhr der Nährstoffe, also etwa der Gülle, dem Nährstoffbedarf der Pflanzen entspricht.

ZEIT: In Niedersachsen, wo gerade die Güllegruben überlaufen, kann davon keine Rede sein. Die Nitratbelastung des Grundwassers steigt.

Rukwied: 80 Prozent der deutschen Flächen sind bei den Nitratwerten im Grundwasser im grünen Bereich. Es stimmt: Auf rund 20 Prozent der Flächen müssen wir noch mehr tun. Aus Regionen mit starker Tierhaltung, wie zum Teil in Niedersachsen, sollte die Gülle deshalb in nährstoffarme Ackerbauregionen transportiert werden. Zu Briketts getrocknet, könnte sie künftig auch als Gartendünger vermarktet werden.

ZEIT: Schuld an der Überdüngung war die strategische Entscheidung für eine Exportwirtschaft im großen Stil. War das ein Fehler?

Rukwied: 70 Prozent unserer Produkte werden in Deutschland vermarktet, 20 Prozent in europäischen Nachbarländern, 5 Prozent auf den Weltmärkten. Richtig ist: Diese 5 Prozent darf man nicht unterschätzen. Außerhalb Europas liegen die Wachstumsmärkte – eben auch Zukunftsmärkte. Wo immer wir mit unseren Produkten Chancen haben, sollten wir sie nutzen.

ZEIT: Russland hat die Schweineimporte gestoppt, und China baut längst selbst die größten Kuhställe der Welt.

Rukwied: Da stehen bis zu zehntausend Tiere drin!

ZEIT: Sollte Europa dann nicht konsequent auf Qualität setzen statt auf Masse?

Rukwied: Unsere Lebensmittel haben heute eine so gute Qualität, wie es sie noch nie gab.