Die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz war mehr als das tragikomische Scheitern eines linkischen Kandidaten. Zu beobachten war die sukzessive Selbstauslöschung eines Mannes, dem alles genommen wurde: seine Fähigkeit zur Zuspitzung, sein Humor, seine Begeisterung. Stattdessen herrschte das Diktat der Zahlensklaven.

In Markus Feldenkirchens beeindruckender Schulz-Story, jenem Buch, das weit mehr ist als das Porträt eines manchmal ungeschickten, meist aber einfach glücklosen Kanzlerkandidaten, gibt es eine Szene, in der Schulz für einen TV-Werbespot noch einmal einen Satz einsprechen soll. Es ging darum, dass er beim ersten Studiobesuch "mansche" statt "manche" gesagt hatte. Eine Stunde geht dafür ins Land, dass am Ende die Worte, befreit von deplatzierten würselenischen "Sch"-Lauten, fehlerfrei über die Fernsehbildschirme flimmern.

Einmal, inmitten quälender Diskussionen über "sch" und "ch", sagt der Tontechniker hinter der Scheibe den Tontechnikersatz schlechthin: "Jetzt noch einmal für mich, ich bin doch auch Perfektionist." Am Ende steht ein garantiert akzentfreies "manche". Es ist jetzt alles perfekt, aber von dem Mann, der sich hier abmühte, von seinen Eigenheiten, ist nichts mehr übrig.

Dieser Moment hat symbolische Kraft. Es ist der Moment, in dem die Technik den Sieg vom Platz trägt. Sie dient nicht mehr dem Menschen oder der Kunst, sondern umgekehrt, der Kandidat wird zum Diener der Technik. Es geht um Fehlerfreiheit, Reibungslosigkeit und Korrektheit. Das Technische siegt über das ständig geforderte Authentische.

Dieses Problem weist weit über das Phänomen Martin Schulz, weit über die Politik hinaus. Es weist auf einen tiefenpsychologischen Defekt der Gegenwart, auf den Gottesdienst des Technischen, auf die Umkehrung der Machtverhältnisse, die den Kandidaten zum nützlichen Idioten eines Dogmas macht, das Perfektion mit Fehlervermeidung verwechselt.

Das Jahr der Schulz-Kandidatur ist ein Jahr der sukzessiven Selbstauslöschung des Kandidaten. Wir sehen einen Mann, der mit der Unschuld des Unbefangenen startet, der mit dem startet, was Nietzsche die "Unschuld des Werdens" nennt, der sich beruft auf sich selbst, auf sein Können, eine jahrelang erlernte Profession. Wir sehen einen Mann, der um seine Stärken weiß und um seine Schwächen. Wir erleben einen Kandidaten, dem im Lauf dieses Jahres alles genommen wird, was ihn ausmacht: seine rhetorische Gabe und Fähigkeit zur Zuspitzung, sein Humor, seine Themen, die Rolle des Fremden im Berliner Betrieb, genau die fruchtbare Distanz, welche die anfängliche begeisternde Nähe zu den Anhängern erst ermöglichte. Wir erleben, wie dieser Mann aufgrund von Umständen, für die er mehr oder meist weniger verantwortlich ist, sich immer stärker von sich selbst entfernt. Nach und nach lässt er zu, vollkommen verunsichert und navigationsunfähig, wie sich Armeen von Experten, Beratern und Besserwissern um ihn herum bilden, die sich selbst zu unmündigen Sklaven der Demoskopie machen – scheinbar dem folgend, was der Wähler will, was der Wähler versteht, was man ihm zumuten kann und wo er aussteigt.

Hier wird der Berliner Betrieb, angeblich so weltfern und isoliert, plötzlich zum Spiegel unseres täglichen Erlebens. Man könnte den Kanzlerkandidaten Schulz ersetzen durch einen Arzt in einer Klinik, einen Journalisten einer Zeitung, einen Autor, der in einem Publikumsverlag publiziert, ja vielleicht könnte man ihn ersetzen durch einen Aktivisten, durch letztlich jeden euphorischen Geist, der an der Durchbrechung der Grenzen des Selbstverständlichen arbeitet und sich nicht begnügen will mit dem, was als richtig gilt, nur weil es bewährt ist.

Claus Peymann hat einmal gesagt, Kunst und Demokratie seien nicht vereinbar. Kunst sei immer die Verwirklichung eines Einzelnen. Sie ist nur dann gut, wenn sie radikal, einseitig, extrem ist, wenn sie sich traut, in die Irre zu gehen, und ihre Möglichkeiten ausschöpft. Es mag paradox klingen, aber Gleiches gilt auch für die Politik: Kanzlerkandidatur und Demokratie sind nicht vereinbar. Ein guter Kanzlerkandidat hat im besten Falle eine Idee, und er sucht sich den Apparat, der ihn unterstützt, der Bedingungen des Gelingens schafft, der zuhört und aufnimmt, weiterdenkt und ein System schafft, das Freiheit bedeutet, nicht Angst und Einschüchterung. Er muss, dem Künstler verwandt, zuspitzen, radikal sein.

Martin Schulz war umstellt von einer Armada der Gutmeinenden, von braven Söldnern des Faktischen, die mit der Akkuratesse eines Steuerfahnders Umfragen, Zahlen, Daten und Fakten auswerteten; er hat sich zum Gefangenen von Zahlensklaven gemacht, die ihren endgültigen und tödlich faktischen Beweis der Notwendigkeit von allem erbrachten. So entsteht ein lähmender Kreislauf: Irgendwann verbreitet man die Unsicherheit, gegen die man sich selbst immunisieren wollte.