Am Vorabend der Ausstrahlung des Echo 2017 sendete das Neo Magazin Royale einen bitterbösen Beitrag zum Thema deutschsprachige Popmusik. Die sei "seelenlose Kommerzkacke", sagte Moderator Jan Böhmermann, mit eigentlich nur vier Themen: Menschen, Leben, Tanzen, Welt. Mit einem gleichnamigen Song parodierte Böhmermanns Produzententeam die profitorientierte Wahl von Text und musikalischen Mitteln im Deutschpop – ein Machwerk, dessen Lyrics fünf Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo aus Werbeslogans, Tweets, Kinderreimen und Kalendersprüchen beliebig zusammenstellten. Tatsächlich landete der Song in den iTunes-Charts auf Platz eins, in den offiziellen Charts erreichte er Platz zehn. Für diese Satire bekommen die Macher des Fernsehbeitrags jetzt den Grimme-Preis. Wir haben die beiden Komponisten des Songs, Alex Werth und Niko Faust, zum Frühstück getroffen und über die Banalität des Deutschpop gesprochen.

DIE ZEIT: Jan Böhmermann sagt, Sie hätten den Song Menschen, Leben, Tanzen, Welt in einer halben Stunde geschrieben. Ist das wahr?

Alex Werth: Ja, das stimmt. Zumindest der grobe Aufbau war schnell gemacht, also die Hook line – die Haupt-Melodiephrase –, das Akkordschema über F-Dur, B-Dur, d-Moll, C-Dur und die einzelnen Songteile. Die detaillierte Ausproduktion und der Text kamen dann im zweiten Arbeitsschritt.

ZEIT: Sprechen Sie damit der deutschen Popmusik ihren Kunstcharakter ab? Seht her, was ihr macht, kann ich in 30 Minuten...

Werth: Nein. Wir wollten damit nicht sagen, das Handwerk anderer Songwriter sei ein Kinderspiel.

Niko Faust: Man muss es auch ein bisschen feiern, um es parodieren zu können. In dem Sinne ist es vielleicht eher eine Hommage als eine Parodie. Ich hätte außerdem gar nicht den Anspruch, dass Popmusik reine Kunst sein muss.

ZEIT: Sondern?

Faust: Gut gemacht. Also eher Kunsthandwerk mit einem Schuss Genialität. Würden die anderen Popmusiker vermutlich gar nicht leugnen.

ZEIT: Was ist mit dem Vorwurf, die Popmusik der letzten zehn Jahre sei einfallslos und austauschbar?

Faust: Dass Popmusik als repetitiv wahrgenommen wird, ist prinzipbedingt. In der Musikindustrie gibt es oft den Wunsch, erfolgreiche Konzepte zu kopieren. Das erzeugt eine Kontinuität, die man durchaus als langweilig bezeichnen kann. Man kann deshalb aber nicht pauschal über die ganze Popmusik sagen, sie sei langweilig.

ZEIT: Was ist sie dann?

Faust: Für mich ist Popmusik eine bewusste Reduktion der Mittel, eine bewusste Einfachheit und dadurch Zugänglichkeit auf der Oberfläche mit beliebig viel Tiefe darunter. Es gibt viele Popsongs, die tolle Elemente und Tiefe enthalten und trotzdem sehr eingängig sind. Zum Beispiel Britney Spears’ Toxic, der noch immer als einer der cleversten Popsongs gilt.