Man hatte sie für Götter gehalten, unnahbare stoische Wesen. Was scherte es sie, dass man sie Deppen nannte, Literaturignoranten, männerbündelnde Wiederholungstäter, die Jahr für Jahr bei der Wahl des Literaturnobelpreisträgers den Falschen erwischten. Seit 1901! Meist gewannen Männer. Wenn Frauen, auch die falschen. Weltweites Bashing ist eine Nobel-Alltagserfahrung. Man stellte sich vor, wie die 18 Mitglieder der Schwedischen Akademie in ihrem Palais in der Altstadt Stockholms auf ihren nummerierten Stühlen saßen und diskret mit den Zähnen knirschten, während das Feuilleton Häme twitterte. Bis auf letztes Jahr, da wurde Kazuo Ishiguro ausgezeichnet, ein in England lebender poetischer Japaner – Idealfall. Keinerlei Kritik. Es war die Ruhe vor dem Sturm, der sich Ende 2017 andeutete, Fahrt aufnahm, mit Vorwürfen wie Geldschieberei, Geheimnisverrat und (#MeToo) sexuellen Übergriffen. Im heiligen Schweden!

Im Herzen des Skandals steht ein Franzose, Jean-Claude Arnault, seit 1989 Leiter des Stockholmer Kulturzentrums Forum. Es heißt "Nutidsplats för Kultur", was nicht das heißt, was Ausländer vielleicht denken, jedenfalls ist in deutschen Medien zu oft vom "Klub" die Rede. Es bedeutet Forum für Alltagskultur. Ein Treffpunkt für Künstler und Philosophen. Arnault wurde von 18 Frauen beschuldigt – der Belästigung, Nötigung bis zur Vergewaltigung.

Betroffen seien, so die Akademie, auch Töchter und Ehefrauen von Akademiemitgliedern. Arnault selbst ist Gatte eines Akademiemitglieds, seine Frau ist die Dichterin Katarina Frostenson. Sie soll dem Forum ihres Mannes über die Akademie Subventionen zugeschoben haben, rund 12.000 Euro im Jahr. Kein Controlling. Sie sollte ausgeschlossen werden. Drei Akademiemitglieder sind zurückgetreten, weil auch das nicht klappte. Die Ständige Sekretärin der Akademie, Sara Danius, blickt auf ein gefleddertes Team, in dem nun schon insgesamt fünf Mitglieder fehlen und weitere Abgänge angekündigt sind, und niemand kann nachrücken, weil alle Posten auf Lebenszeit vergeben sind. Alter Schwede! Wer überlebt das Gemetzel? Wird der Preis dabei sein?

Das intellektuelle Stockholm ist tribal organisiert, weshalb es nicht leicht ist, Informationen zu erhalten. Alle sind gefühlte Nichten oder Paten oder Onkel, wer sagt schon etwas gegen seine Buddys? Es wird aber betont, die Akademie habe schon viele Skandale überlebt. Erst 1794! Da wurde ein Akademiemitglied ausgeschlossen, wegen Hochverrats, ihm drohte die Todesstrafe. 1881! Graf Henning Hamilton, ein Spieler, er setzte sich ab nach Frankreich. Voilà. Und jetzt dieser Arnault.

Bilder in Zeitungen zeigen Arnault neben seiner Dichterin, er über siebzig, sie über sechzig, er trägt lange glänzende Locken, sie langes blondes Haar zu figurbetontem Kleid, die Clutch vor dem Bauch hat sie so fest im Griff, als sei sie die Reling eines Schiffs auf hoher See. Das Paar hält zusammen. Sie weist Vorwürfe gegen ihn zurück. Er soll sich, so Le Monde, als das 19. Mitglied der Akademie bezeichnet haben. Arnault habe geprahlt, er habe Einfluss genommen, etwa in der Wahl des französischen Preisträgers Le Clézio. Er habe die Namen gewählter Preisträger ein bisschen ausgeplaudert.

In der Laudatio auf Arnault, der 2015 wegen seines fantasievollen Einsatzes für die Kultur zum Ritter des Nordsternordens ernannt wurde, formulierte die Jury, er habe "Kunstformen in fruchtbare Dialoge gezwungen". Oder furchtbare? Der Nordsternorden trägt das Motto "Nescit Occasum" – "Er kennt keinen Untergang", was aus heutiger Sicht fast bedrohlich klingt. Weshalb es beruhigt, dass Arnault, nachdem die Ermittlung wegen sexuellen Fehlverhaltens eingestellt wurde, doch untergetaucht ist. Mit ihm Frostenson.

Es herrscht wieder eine fast göttliche Ruhe. Die Website der Schwedischen Akademie verbreitet im sanften Durchfluss kommender Events heitere Stimmung. Nobelpreis-Konzert mit Lisa Batiashvili im Mai. Ausstellung von Churchill-Aquarellen in Kalifornien. Die kleine Malala weint vor Freude bei der Heimkehr nach Pakistan. Die Welt kann so schön sein, wenn man von schlechten Nachrichten absieht.