Die Debatte im Nationalrat war schon ein paar Stunden alt, da trat der Grüne Balthasar Glättli ans Rednerpult. "Das Geldspiel ist eine Sünde gegen die protestantische Ethik des Kapitalismus", erklärte er, "weil es eben gerade ein Abbild des real existierenden Kapitalismus ist: Es ist nicht Wissen, nicht Können, sondern reines Glück, was dazu führt, dass jemand auf Kosten von ganz vielen anderen ganz reich wird." Nun wollte Glättli, den sie in der Schule Jesus nannten, zwar nicht seinem spontanen Reflex folgen und das Böse gleich verbieten. Er halte es mit dem Geldspiel wie mit den Drogen: legalisieren und kontrollieren. Und doch drang an diesem Märzmorgen vor einem Jahr etwas durch, was die Geldspieldebatte in der Schweiz seit je prägte: die christliche Moral.

Am 10. Juni entscheiden die Schweizer über ein neues Geldspielgesetz. Es ist eine scheinbar unbestrittene Vorlage, setzt sie doch lediglich um, was ein Verfassungsartikel seit sechs Jahren vorsieht. Damals, im März 2012, entschied das Volk mit rekordverdächtigen 87 Prozent Jastimmen, Geldspiele weiterhin streng staatlich zu regulieren.

Wer in der Schweiz ein Casino betreiben möchte, der braucht dafür eine Konzession des Bundes. Wer in der Schweiz eine Lotterie oder Sportwetten durchführen will, braucht dazu eine Bewilligung eines Kantons. Jetzt soll aber auch der Betrieb von Online-Casinos möglich sein, und das Gesetz schreibt zusätzlich fest: Sämtliche Gewinne müssen gemeinnützigen Zwecken zukommen.

So weit, so gut und unbestritten.

Trotzdem regt sich nun Widerstand gegen das neue Geldspielgesetz, von links bis rechts, angeführt von den Jungparteien.

Zum einen stören sich die Gegner an den Netzsperren, die das Gesetz vorsieht. Also daran, dass die Websites von illegalen, sprich nicht konzessionierten Online-Casinos und -Wettbüros für User aus der Schweiz blockiert werden.

Zum anderen ärgert sie, was für Casinos und Lotterien seit je gilt: Sie sind staatlich auserwählte Geldabführmaschinen. Sie sind Monopolisten, die auch im digitalen Zeitalter vor ausländischer Konkurrenz geschützt werden sollen. Denn ein Online-Casino betreiben darf nur, wer eine Konzession für eine physische Schweizer Spielbank hält.

So wird aus der Abstimmung am 10. Juni ein Plebiszit über die digitale Wirtschaft und ihre disruptive Kraft.

"Ich sage es ganz direkt, die Casinos haben sich hier durchgesetzt." Bundesrätin Simonetta Sommaruga, als Justizministerin auch zuständig fürs Geldspiel, versuchte erst gar nicht irgendetwas zu erklären oder zu kaschieren, als sie in der Nationalratsdebatte auf diesen Passus im Gesetz angesprochen wurde. Verwunderlich war das nicht. Bereits der neue Verfassungsartikel ging auf die politische Einflussnahme der Geldspielbranche zurück.

Im Frühling 2008 lancierte die Loterie Romande eine Volksinitiative mit dem Titel "Für Geldspiele im Dienste des Gemeinwohls". Was sympathisch klang, fand schnell breite Unterstützung: Anderthalb Jahre später waren 170.000 Unterschriften beisammen.

Der Loterie Romande ging es aber nicht in erster Linie um die Sportverbände oder Kulturinstitutionen, die sie mit ihren Geldern beschenkte, sondern ums Geschäft.

Die Gegner des Geldspielgesetzes sind keine unorganisierten Radikalinskis

Die Initiative war eine direkte Antwort auf einen Entscheid der Spielbankenkommission, die über die Geldspielbranche wacht. Sie entschied, dass sogenannte Tactilo-Geräte keine Geschicklichkeits-, sondern Glückspiele sind und deshalb in den Restaurants und Bars, wo die Loterie Romande die Apparate aufgestellt hatte, nichts zu suchen haben. Sie gehören in ein Casino. Damit verlor die Loterie einen Drittel ihres Jahresgewinns.