Dass es Nützlicheres gibt als Facebook, habe ich gemerkt, als Hanne bei uns in der Tür stand, unsere "Leih-Oma". Gefunden haben wir sie über nebenan.de, ein Online-Netzwerk, das wie Facebook kostenlos ist, aber nicht Freunde und Bekannte über alle Grenzen hinweg verbindet, sondern Bewohner innerhalb einer Nachbarschaft. Menschen, die sich nicht unbedingt kennen, aber einander jeden Tag auf der Straße begegnen könnten, empfehlen sich Bio-Supermärkte, leihen einander Werkzeug oder verabreden sich zum Kochabend. "KinderbetreuerIn gesucht", hatte ich geschrieben – prompt meldete sich Hanne, die wohl liebenswürdigste und zuverlässigste Kinderfrau, die Kinder und Eltern sich wünschen können. Da hatte nebenan.de bei mir gewonnen.

Bis das Portal allerdings auch unseren Ort am Rande Hamburgs für sich gewonnen hatte, dauerte es ein paar Monate – so lange, bis die Zahl der angemeldeten Nachbarn auf mehr als hundert angestiegen war. Diese Zahl ist wichtig, weil sich mit ihr erklären lässt, wie soziale Netzwerke funktionieren. Für Christian Vollmann, der nebenan.de im Jahr 2015 zusammen mit Till Behnke in Berlin gegründet hat, sind die hundert ersten Mitglieder aus einem Viertel die "kritische Masse" oder auch der "tipping point". Diesen Umkipp-Punkt müssen Online-Netzwerke in einer Gemeinschaft erreichen, um auf Dauer zu bestehen. "Wenn sich bei uns die ersten 100 Nutzer aus einem Viertel angemeldet haben, dann fängt das Netzwerk an, ihnen Nutzen zu stiften", sagt Vollmann, "sie bleiben dann und locken auch immer mehr Nachbarn an."

Vollmann kennt die Welt der sozialen Netzwerke gut: Der Unternehmer war einst Investor bei StudiVZ, das in Deutschland vor etwa zehn Jahren mehrere Millionen Nutzer zählte, aber mit dem Aufstieg von Facebook eingegangen ist. Der Markt für Online-Netzwerke sei ein The winner takes it all-Markt, sagt Vollmann. Heißt: Wenn es mehrere sehr ähnliche Netzwerke für dieselben Zielgruppen gibt, kann sich auf lange Sicht nur eines durchsetzen.

Facebook ist dafür das beste Beispiel: Die meisten seiner mehr als zwei Milliarden Nutzer haben sich dort angemeldet, weil nur dort auch die meisten ihrer Freunde registriert sind. Und sie müssen bleiben, wenn sie nicht zum Außenseiter werden wollen – sosehr sie auch mit dem Konzern und seinem Gründer Mark Zuckerberg hadern, weil der den möglichen Missbrauch von Nutzerdaten durch die Analysefirma Cambridge Analytica erst nicht verhindert und dann lange verschwiegen hat. Experten nennen das "Lock-in-Effekt". Mit der Kritik an Facebook versuchen zwar eine Reihe von Netzwerken damit zu punkten, weniger Daten zu sammeln und auf Werbung zu verzichten (siehe unten). Doch selbst wenn sie damit die Wünsche vieler Nutzer treffen, sind sie wohl schlicht zu spät dran.

Soziale Netzwerke müssen sich deswegen erkennbar unterscheiden, wenn ihre Macher trotz Facebook Nutzer anlocken wollen. Im Netzwerk Path zum Beispiel konnte man sich anfangs nur mit seinen 50 engsten Bekannten vernetzen. Und das Netzwerk "A Small World" will gezielt die Wohlhabenden dieser Welt verbinden, dafür zahlt man aber auch 85 Euro pro Jahr.

Wie wichtig Geschwindigkeit ist, sieht man an den Nachbarschafts-Netzwerken. Denn nebenan.de hat einen mächtigen Wettbewerber: Das Unternehmen Nextdoor, das in den USA 165.000 Nachbarschaften vernetzt hat und mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wird, greift auch in Europa an. Nirav Tolia, Gründer und CEO von Nextdoor, hegt große Hoffnungen: In Europa seien die Menschen viel stärker in ihren Nachbarschaften verwurzelt als im Einwanderungsland USA. Und weil sie häufiger zu Fuß, mit dem Rad, mit Bus oder Bahn unterwegs sind, erleben sie ihre Nachbarschaft auch intensiver. "Deutschland ist ein wichtiger Markt für uns", sagt Tolia. Er hält es für unwahrscheinlich, dass auf Dauer mehrere Anbieter existieren können.