Cixin Liu, Science-Fiction-Autor, geboren 1963 © Zachary Bako / Redux / laif

Vor Kurzem berichtete die Financial Times, Amazon plane, die Rechte an den Trisolaris-Büchern von Cixin Liu zu kaufen, den Science-Fiction-Weltbestsellern aus China. Der Internetkonzern will daraus eine Serie machen, die das neue Game of Thrones werden soll. Amazon sind die Rechte offenbar eine satte Milliarde Dollar wert. Es ist nur die jüngste Nachricht, dass Science-Fiction aus dem Reich der Mitte zu einem unerwarteten Trend anwächst.

Die Trisolaris-Serie des Ingenieurs und Schriftstellers Cixin Liu zeigt eine für westliche Leser völlig ungewohnte Fantasie und Weltsicht. In China wurden fast zehn Millionen Bände abgesetzt, die englische Übersetzung wurde 300.000-mal verkauft. Mark Zuckerberg empfahl die Trilogie seinem Online-Buchclub, und Barack Obama erzählte der New York Times, das visionäre Werk helfe ihm, sich vom alltäglichen Zermürbungskampf im Kongress abzulenken. Auch die deutsche Ausgabe des ersten Bands schaffte es auf die Bestsellerlisten.

Es ist ein gewaltiges Epos, das über Zehntausende Jahre, die ganze Galaxis und sogar durch die Dimensionen wuchert. Hintergrund ist die bevorstehende Invasion außerirdischer Wesen, die von ihrer unwirtlichen Heimat auf unseren Planeten flüchten wollen, auf den sie dank unserer Radiowellen aufmerksam geworden sind. Glücklicherweise braucht ihre Flotte 400 Jahre. In dieser Zeit kann sich die Menschheit vorbereiten und eine eigene Raumfahrttechnologie entwickeln.

Cixin Liu ist ein Technikvisionär: Die Menschheit erschafft sich in seinen Büchern über die Jahrtausende eigene Planetensysteme, errichtet orbitale Aufzüge und erreicht mit nuklearbetriebenen Raumschiffen die letzten Winkel der Galaxie. Die Überwindung von Mangel und Umweltproblemen ist für Cixin nur eine Frage des technischen Fortschritts.

Doch hinter diesem technologischen Utopismus steht die Grundannahme eines umfassenden Überlebenskampfes – nicht zwischen Individuen wie in der liberalen Marktwirtschaft, sondern zwischen Kollektiven, Spezies wie Nationen. Der Titel des zweiten Bandes, Der dunkle Wald, liefert die Leitthese: Das Universum gleiche einem dunklen Wald voller Raubtiere. Die gigantische Distanz zwischen Planeten, zeitlich wie kulturell, mache Kommunikation unmöglich und die Absichten fremder Kollektive unlesbar. Klar sei nur: Jede Spezies wolle unter allen Umständen überleben. Spieltheoretisch bedeutet dies: Es ist im Interesse jeder Spezies, durch einen Erstschlag andere intelligente Arten auszulöschen. Darum blieb intelligentes Leben bisher unentdeckt: Jede Spezies hatte sich erfolgreich vor stärkeren Zivilisationen versteckt. Nur die idealistische Menschheit suchte naiverweise nach extraterrestrischem Leben – und lockte so ihre ärgsten Feinde an. Die Aliens indes trachten nicht aus Bösartigkeit nach unserem Planeten, sondern aus natürlichem, ja: rationalem Überlebenstrieb.

Westliche Rezensenten bejubeln gerne angebliche Kritik am Kommunismus in der chinesischen Scifi, gerade in Cixins Büchern. Eine Nische der freien Meinungsäußerung sei da entstanden, ein Inkubator der Regimekritik. Als prominentestes Beispiel gilt die Kurzgeschichte Peking falten der Physikerin Hao Jingfang. Die dystopische Vision sieht die überbevölkerte chinesische Hauptstadt in drei nach Klassen getrennte Zonen zerfallen, die in einem 48-stündigen Zyklus nur wenige Stunden täglich jeweils an der Oberfläche weilen, während ein gigantischer Mechanismus die anderen Zonen unter der Erde zusammenfaltet. Die Reichsten erhalten am meisten Oberflächen-Zeit, das ärmste und bevölkerungsreichste Viertel steigt nur nachts für wenige Stunden empor. Vor dieser Kulisse überbringt der Müllmann Lao Dao einen Liebesbrief aus der zweiten in die erste Klasse, wo er zufällig erfährt, dass die Ärmsten völlig unnötigerweise harte körperliche Arbeit in der Müllentsorgung tätigen. Es ist ein Beschäftigungsprogramm, um Aufständen zuvorzukommen. Doch diese Erkenntnis bleibt folgenlos, Lao Dao rebelliert nicht, er fährt ruhig mit seinem Leben fort.

Peking falten ist auch in Invisible Planets enthalten, einer Sammlung chinesischer Science-Fiction-Kurzgeschichten und Essays zum Genre, die Cixin Lius amerikanischer Übersetzer Ken Liu zusammengestellt hat. Blättert man durch die irren Kurzgeschichten, versteht man die Begeisterung für diese neue Variante altbekannter Scifi sofort, so fantasievoll, vielfältig und vor allem ungewohnt entstehen hier Zukünfte, ferne Welten und neue Menschen.

Tatsächlich aber ist es die chinesische Führung, die seit einigen Jahren Scifi als Genre pusht. 2016 verwies die Regierung in ihrem Plan für wissenschaftliche Entwicklung darauf, wie wichtig es sei, die Bevölkerung wissenschaftlich zu bilden und für Technologie zu begeistern. Deshalb unterstützt sie Literaturpreise und Konferenzen zur heimischen Science-Fiction, Rezensionen von Science-Fiction-Werken häufen sich in den streng kontrollierten Medien.

So regimegefährdend scheint das Genre also nicht zu sein. Auch die brutale Eröffnungsszene in Die drei Sonnen, die während der Kulturrevolution spielt und in der Familien an ideologischem Extremismus zerbrechen, hält sich eng an die offizielle Doktrin der heutigen KP, die Kulturrevolution sei eine Zeit exzessiver Emotionen gewesen. Heute soll Politik hinter technokratischem Fortschrittsmanagement zurücktreten. Die Überzeugung, allein technologischer Wandel verbessere die Verhältnisse, während politisches Engagement die Gesellschaft zersetze, ist nicht nur Leitideologie Xi Jinpings, sondern auch der Romane Cixin Lius. Darin offenbaren sich Pazifisten oder Umweltaktivisten als bestenfalls naiv, schlimmstenfalls gefährlich, bis Tausende Jahre in der Zukunft politische Aktivisten mit anderen schädlichen Elementen wie Kriminellen oder Obdachlosen auf einem künstlichen Planeten interniert werden. Zum Wohl der Menschheit – lässt uns der Autor wissen.