Für gewöhnlich hat die Neue Zürcher Zeitung keinerlei Zweifel am sozial segensreichen Wirken freier Märkte, doch diesmal wollte sie es wissen und stellte vor einiger Zeit feierlich die Sonntagsfrage: Was ist Gerechtigkeit? Dafür hatte sie Politiker, Intellektuelle und Schriftsteller ins Berliner Käthe-Kollwitz-Museum zur Diskussion geladen, mit dabei Jens Spahn (CDU), der Hoffnungsträger der Merkel-Kritiker. Neben ihm saß der Berliner Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, Autor des Bestsellers Das Gespenst des Kapitals.

Es dauerte keine fünf Minuten, und es wurde interessant. Spahn bekam den Aufschlag und verwies auf die schreiende Ungerechtigkeit, dass eine deutsche Rentnerin womöglich kaum mehr Geld in der Tasche habe als der Asylbewerber von nebenan. Verärgert fiel Vogl dem Politiker ins Wort: Es sei infam, die Schwachen gegen die Schwächsten auszuspielen, er empfinde Spahns Kalkül mit dem Ressentiment als intellektuelle Beleidigung. Die "sogenannten Christdemokraten" sollten sich doch bitte Rat bei christlichen Gerechtigkeitsideen holen. Vogls Hinweis auf Mitleid, Barmherzigkeit und Nächstenliebe brachte Spahn auf die Palme. Das sei, entgegnete er gereizt, etwas fürs Private und die Familie. Draußen gälten Recht und Gesetz.

Vogl hatte einen Nerv getroffen. Die Frage nach dem Christlichen im Konservativen scheint Unionspolitiker nervös zu machen, die Störfälle häufen sich, und auch die Debatte um den Islam zwingt die Partei dazu, das eigene Verhältnis zur Religion neu zu klären. Gerade hat eine CDU-"Werte-Union" ein neues konservatives Manifest verabschiedet; zuvor hatte sich der NRW-Ministerpräsident Armin Laschet in der FAS zu Wort gemeldet und eindringlich vor einer "Achsenverschiebung" gewarnt: "Wir müssen deutlich machen, dass der Markenkern der CDU nicht das Konservative ist, sondern das christliche Menschenbild über allem steht." Nicht jeden Wähler müsse man aus der rechten Ecke holen.

Das war nicht nur eine Warnung an die lieben Freunde aus Bayern. Laschet hatte offenbar auch jene parteinahen Publizisten und Schriftsteller im Blick, die sich lustvoll in den geistigen Dunstkreis der AfD hineinsarrazinieren und die in ihrem ideengeschichtlichen Einheitstaufbecken alles Mögliche zum neuen Konservativismus verrühren – griechische Mythen und konstantinisches Christentum, Jesus Christus und Julius Evola, lateinische Messe und deutsche Eichen.

Kurzum, der Streit über das Christliche im Konservativismus war überfällig. Während die SPD ihre Streitlust bis zur Selbstzerfleischung treibt, verliefen die Debatten in den Unionsparteien bislang eher unterirdisch und waren mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Auf dem Feld der semantischen Selbstveredelung hatten es CDU und CSU ohnehin zu großer Meisterschaft gebracht; Maß und Mitte, Tugend und Sittlichkeit sind ihre Evergreens und stammen aus einer Zeit, von der nur Zyniker behaupten können, es sei gut, dass sie vorbei sei – aus der Zeit ohne Dauerkrisenkapitalismus, Klimakatastrophe und Flüchtlingstrecks.

Christlich oder konservativ? Warum fällt es der Union so schwer, sich auf eine mittlere Mitte zu einigen, auf eine verbindlich-unverbindliche "Realpolitik"? Vielleicht ist es ganz einfach: weil aus Christdemokraten und Christsozialen niemals normale Realpolitiker werden können. Sie sind nun einmal auf den Namen Abendland getauft, und zwar nicht auf irgendein gewalttätiges Großreich, sondern auf das jüdisch-christliche Erbe. Das unterscheidet sie von den Liberalen ebenso wie vom frommen Säkularismus der Linken, die in ihrem Kampf gegen die klerikale Orthodoxie leider vergessen haben, was sie der Religion programmatisch verdanken.

Anders gesagt: Für Unionspolitiker, die es ernst meinen, ist das "jüdisch-christliche Abendland" kein geistiges Zubrot, es ist die normative Substanz der Partei und verlangt Dinge, die kein normaler Mensch erfüllen kann, geschweige denn ein Politiker. "Liebet eure Feinde, und betet für die, die euch beleidigen und verfolgen." Oder für Machtpolitiker: "Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an."

Im Grenzbereich von Sünde, Verrat und Heuchelei

Christkonservative sind also nicht zu beneiden. Im politischen Tageskampf erweisen sich ihre religiösen Wurzeln als großartig lebensfremd; sie sind ein chronisches Ärgernis, eine faszinierende Torheit, eine ewige Provokation. Dem christlichen Politiker darf es nur um die Wahrheit und nicht um die Macht gehen, denn: "Ich bin die Wahrheit und nicht die Gewohnheit." Auch mit dem Grundprinzip des Liberalismus, dem Egozentrismus des Selbstinteresses, liegt ein Christdemokrat über Kreuz: "Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan."

Was sie auch sagen und was sie auch tun – christliche Politiker bewegen sich ständig im Grenzbereich von Sünde, Verrat und pragmatischer Heuchelei. Überall lauert die Falle von Wirklichkeitsfremdheit und Hypermoral. Für nationale Konservative war die Aufnahme von Geflüchteten im Herbst 2015 ein "Verrat am Volkskörper", für Christen dagegen eine heilige Pflicht. "Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen." Oder dieses Beispiel: Die transhumanistischen Bastler im Silicon Valley definieren sich als Speerspitze des Fortschritts; nach christlicher Auffassung pfuschen sie dem Schöpfer ins Handwerk. Oder: Realpolitiker neigen dazu, Sündenböcke zu erfinden, um Konflikte zu lösen. Christen müssen das beichten.

Man ahnt, warum hoffnungsvolle Unionspolitiker lieber als originalgetreue Konservative auftreten möchten und weniger als gläubige Christen. Das Konservative gewährt Machtpolitikern mehr Beinfreiheit, es hat kein Problem mit einer Politik der Härte und ist offen für Bündnisse nach rechts. Was also müsste ein christlicher Politiker tun, damit er nicht in eine intellektuell unbequeme Lage gerät wie Jens Spahn bei seiner Begegnung mit Joseph Vogl?

Er muss es so machen wie vor knapp einhundert Jahren die Vordenker der "Konservativen Revolution": Er muss sein Christentum entschärfen. Damals, in der Weimarer Republik, wurde ein Gesellschaftskonzept entwickelt, das eine wetterfeste Antwort auf eine bedrohliche, zutiefst chaotische Weltlage bieten sollte. Angesichts des globalen Ausnahmezustandes, angesichts von Börsencrashs, Handelskriegen, Armutswanderungen und Klassenkämpfen sollte der Staat seine alte Souveränität zurückgewinnen und wieder machtvolle Stärke zeigen. Anstatt seine Kräfte an die abstrakte Vorstellung von Gerechtigkeit zu verschwenden, sollte er konkret für Ordnung sorgen und mit kompromissloser Klarheit benennen, wer Freund ist und wer Feind; wer den Staat von außen und wer ihn von innen bedroht. Die Losung hieß: Gesellschaftliche Einheit durch Polarisierung. Ja zum ökonomischen Liberalismus, aber Kampf gegen liberale und linke Ideen. Christliche Milde und Idealismus? Opium für Intellektuelle, die nie in der Realität ankommen werden.

"Autoritärer Liberalismus" hieß das politische Programm, stellte seine Erfinder aber doch vor ein Problem: Die meisten von ihnen verstanden sich als Christen und hatten im Gottesdienst gelernt, dass die Bibel nicht Feindschaft, sondern Feindesliebe predigt. "Barmherzigkeit will ich, und nicht Opfer." Dem Rechtsgelehrten Carl Schmitt zum Beispiel war vollkommen bewusst, dass Judentum und Christentum eine Revolution in Gang gesetzt und den antiken Kampf- und Schicksalsglauben überwunden hatten. Wie also konnte er Christ bleiben und trotzdem dem autoritären Macht- und Maßnahmestaat das Wort reden ("kein Staat ohne Opfer")? Die Lösung lautete: Schmitt musste das Christentum ermäßigen und auf eine politisch unschädliche Sakristeireligion zurückschneiden. "Die Wirkung Christi im sozialen und politischen Bereich unschädlich machen; das Christentum entanarchisieren, ihm aber im Hintergrund eine gewisse legitimierende Wirkung belassen und jedenfalls nicht darauf verzichten."

Der sauerländische Katholik bastelte sich eine Privattheologie zurecht, die genau auf sein Staatsdenken zugeschnitten war. Abrüstung der christlichen Ideale, aber Aufrüstung der Polizei. Wie die Philosophin Ruth Groh gezeigt hat, verlegte Schmitt allen irdischen Streit zurück in den göttlichen Schöpfer und behauptete, schon im Allmächtigen tobe ein innerer Kampf. Weil Gott mit sich selbst überworfen sei, sei auch die Welt tief gespalten – in Freund und Feind, in Krieg und Frieden. Damit wäre die Heillosigkeit der Welt selbst ein göttliches Dekret und jeder Versuch, die menschlichen Verhältnisse zu verbessern, eine Sünde, ein Aufstand gegen Gott. Für Schmitt blieb nur eins: die "konservative Revolution" – die Weltgeschichte so lange aufhalten, bis der Erlöser kommt.

Eine "konservative Revolution" forderte auch Alexander Dobrindt in der Welt, doch nachdem er sich in einem ZDF-Interview sehenswert blamiert hatte, schien die Sache rasch wieder vergessen. Verschiedentlich wurde sein Bekennerschreiben als Herzensergießung eines scharf rechts abbiegenden Ex-Verkehrsministers belächelt, doch Dobrindts jüngste Äußerungen zeigen, dass man ihn ernst nehmen sollte: "Fünfzig Jahre nach 1968 wird es Zeit für eine bürgerlich-konservative Wende in Deutschland. Auf die linke Revolution der Eliten folgte eine konservative Revolution der Bürger. Wir unterstützen diese Revolution und sind ihre Stimme in der Politik."

Der neue politische Realismus

In Dobrindts Handreichung für den kommenden Aufstand trifft man alte Bekannte, besonders zwischen den Zeilen. Zum Beispiel den Gedanken, dass eine Gesellschaft erst einmal nach innen in Form gebracht werden muss, damit das Staatsschiff außen, in den Stürmen der Globalisierung, nicht untergeht. Für den brutalen Wettbewerb müssen alle (Markt-)Kräfte freigesetzt werden, und "wer nicht leisten will, muss dafür eigenverantwortlich geradestehen". Zum inneren Ballast scheinen die Neinsager, Bedenkenträger und notorisch Unproduktiven zu zählen, während der Hauptfeind von Anfang an feststeht: Es sind die linken "Volkserzieher", die den weisen Schiffslenkern das Leben schwer machen. Sie torpedieren den nationalen Dampfer und bohren – so darf man vermuten – von innen Löcher in den Rumpf.

Es liegt auf der Hand, dass Dobrindts Polarisierungsprogramm nicht zwingend an christliche Parteiwerte anschlussfähig ist. Deshalb fürchten Politiker wie Armin Laschet zu Recht, die normative Substanz der Union könne verwässert und ihr christlicher Kern herausoperiert werden. Gewiss, auch bei Dobrindt steht die "Würde des Menschen" an oberster Stelle; aber die "christliche Kultur" wird von ihm schamlos funktionalisiert und als partikulare Werteordnung zur Erhaltung "kultureller Stabilität" dienstverpflichtet. "In unseren Klassenzimmern hängen Kreuze, bei uns geben sich Mann und Frau die Hand." Der ethische Universalismus des Christentums, der doch jeden CDU/CSU-Politiker um den Schlaf bringen müsste, verbleibt dagegen unterhalb der Nachweisgrenze und hat in jedem Trachtenjanker Platz. Das heißt ganz praktisch: Sollten sich noch einmal Bürgerkriegsflüchtlinge bis nach Bayern durchschlagen und nicht bereits – im FPÖ-Deutsch gesprochen – in Österreich "konzentriert" worden sein, dann muss niemand ein schlechtes Gewissen haben, wenn diesmal die Schlagbäume unten bleiben.

Die Debatte um christliche Werte ist keineswegs nostalgisch, im Gegenteil. Sie weist in die Zukunft und zeigt, dass sich einige Unions-Konservative auf härtere Zeiten einstimmen, auf den möglichen Abstieg des Exportweltmeisters und heftige Verteilungskonflikte. Jens Spahn hat durchaus recht, wenn er sagt, in unseren Zeiten könne man mit der Bergpredigt kein Land regieren. Aber ohne Bergpredigt kann man sich besser an empörende Verhältnisse gewöhnen, und dann ist es moralisch kein Problem, wenn die Deutsche Bank ihre Mitarbeiter mit 2,3 Milliarden Euro Boni belohnt und ein armer ehemaliger VW-Vorstandsvorsitzender mit 3.100 Euro Rente auskommen muss. Nicht im Monat, sondern am Tag.

Draußen im Lande wird der neue politische Realismus natürlich sehr gelobt, er hat etwas Beruhigendes. Tatsächlich erzeugt er den fatal unrealistischen Eindruck, ein Nationalstaat könne sich die äußeren Weltprobleme allein durch innere Selbstertüchtigung vom Halse halten, er könne im Alleingang die Grenzen schließen, den Klimawandel stoppen, US-Konzerne steuerpflichtig machen und Lohndumping verhindern. Kein Wunder, dass die Europäische Union in den konservativen Manifesten kaum eine Rolle spielt, und wenn doch, dann gerät sie sofort ins Raster der Freund-Feind-Bestimmung: Hauptsache, bei der linken Regierung in Athen knallen nicht die Sektkorken.

Man weiß inzwischen, wie Nationalstaaten reagieren, die den Zwängen der Weltgesellschaft ausgesetzt sind mit all den Handelskriegen, Steuersenkungswettbewerben, Lohndrückereien, Fluchtbewegungen und Dauerängsten: Sie verwandeln sich in neurotische Zonen und bilden nach innen ein seltsam widersprüchliches Muster aus. Sie stabilisieren sich durch Streit und Spaltungen, durch endlose Kulturkämpfe und gereizte Kontroversen, ganz so, als müsse die Unruhe der äußeren Welt im nationalen Innenraum durch einen diskursiven Abwehrzauber gebannt werden.

Für "konservative Revolutionäre", die ihr Christentum auf einen kulturellen Habitus reduzieren, ist das eine große Chance, und der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz hat vorgemacht, wie es geht. Wer gewinnen will, der muss in einer ohnehin aufgewühlten Gesellschaft Öl ins Feuer gießen, wobei die Themen nahezu beliebig sind – wichtig ist nur, dass sie im Namen der christlich-abendländischen Wertegemeinschaft assoziativ mit Flüchtlingen, Muslimen, Minderheiten und dem "linken Mainstream" in Verbindung gebracht werden können. "Der Islam gehört, egal in welcher Form, nicht zu Deutschland. Frauen sind für konsequenten Tierschutz, machen aber Werbung für Abtreibung. Wer Hartz IV bezieht, hat alles, was er zum Leben braucht. An deutschen Tafeln haben Angestammte Vortritt."

Das Kalkül mit der nationalen Erregungsgemeinschaft funktioniert, denn sofort entstehen Polarisierungssymbiosen: Reinhard Kardinal Marx fordert die CSU auf, das "C" in ihrem Namen zu beherzigen. Realo-Grüne vom postsozialen Göring-Eckardt-Flügel empören sich über Hartz-IV-Regelsätze, die sie in der Regierung Schröder selbst durchgesetzt haben. Und bestimmt meldet sich noch die Berliner Alice-Salomon-Hochschule und verlangt basisdemokratisch, die neuen Asylgesetze müssten geschlechtsneutral verfasst werden. Irgendwann betritt dann ein Politiker die Bühne und verspricht, er werde das deutsche Volk von seiner unchristlichen nationalen Selbstzerfleischung erlösen. "Merkel muss weg."