Benjamin Lee Whorf war ein amerikanischer Linguist, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lebte und sich für die Sprache der im US-Staat Arizona lebenden Hopi-Indianer interessierte. Die unterscheidet sich in ihrer Grammatik und ihren Begrifflichkeiten stark von den europäischen Sprachen, und sie war das wichtigste Argument für die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese (benannt nach Whorf und seinem Lehrer Edward Sapir): Die Sprache präge unser Denken. Und zwar so stark, dass wir uns Dinge und Konzepte, für die wir keine Wörter haben, nicht vorstellen können.

Die Frage, ob (und wie) die Hopi den Verlauf der Zeit ausdrücken, stand im Zentrum von Whorfs Arbeiten. 1936 schrieb er über die Vorstellungswelt eines Hopi-Indianers: "Insbesondere hat er keinen Begriff oder keine Intuition für die Zeit als ein fließendes Kontinuum, in dem alles im Universum im gleichen Tempo abläuft, aus der Zukunft in die Gegenwart und Vergangenheit ... Nach einer langen und sorgfältigen Analyse der Hopi-Sprache sieht man, dass sie keine Wörter, grammatischen Formen, Konstruktionen und Ausdrücke enthält, die sich direkt auf das beziehen, was wir 'Zeit' nennen." Diese an sich schon steile These wurde dann vor allem in New-Age-Zirkeln zugespitzt zu der Formulierung, die Hopi hätten "keine Vorstellung von Zeit".

Aber Whorfs Daten waren recht dünn. Er stützte sich vor allem auf einen einzelnen Angehörigen des Stammes, den er in New York interviewte. Nur einmal reiste er kurz in das Hopi-Reservat.

Viele Forscherkollegen bezweifelten Whorfs Thesen. So war seine Behauptung, die Inuit hätten sieben Wörter für "Schnee", schnell ausgeräumt ("Stimmt’s?" Nr. 22/99). Die Sache mit den Hopi nahmen besonders zwei deutsche Wissenschaftler unter die Lupe: Helmut Gipper von der Universität Münster und vor allem sein Schüler Ekkehart Malotki. Beide reisten zu den Hopi und erforschten ausführlich deren Sprache. Malotki hielt sich dort vier Jahre auf und konnte Whorf in seinem Buch Hopi Time überzeugend widerlegen. Nicht nur fand er in der Sprache viele Wörter, die sich auf zeitliche Vorgänge beziehen. Er brachte auch zahlreiche Beispiele dafür, dass die Hopi entgegen Whorfs Thesen die Zeit sehr wohl als ein Kontinuum analog zum Raum ansehen. So verwenden sie Kalender und markieren die Zeit mithilfe von verknoteten Schnüren oder gekerbten Hölzern.

Nach Meinung der meisten Linguisten ist damit die starke Form des linguistischen Relativismus, wie Whorf sie vertrat, hinreichend widerlegt. Das heißt nicht, dass es keine starken Wechselwirkungen zwischen der Sprache und dem Denken gäbe – darüber wird weiter heiß gestritten. Aber dass die Sprache manche Gedanken unmöglich mache, glaubt heute kaum noch jemand. Der Sprachexperte und ehemalige ZEIT-Redakteur Dieter E. Zimmer schrieb: "In unserem Denken spielt sie vermutlich eine geringere Rolle, als wir nach Jahrtausenden der Sprachverherrlichung anzunehmen geneigt sind."

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de.

Das "Stimmt’s?"-Archiv: www.zeit.de/stimmts

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