Es ist die Zeit der Vertuschungen, der falschen Fährten, es ist die Zeit der Umdeutungen, der falschen Geschichten. Kaum eine Branche boomt so sehr wie die der sogenannten Berater, in Politik, in Wirtschaft, im Showbusiness. Wenn die Mächtigen dieser Republik tief in Problemen stecken, geben sie viel Geld aus, damit diese Problemgeschichten umgeschrieben werden. Damit sie in einem anderen, besseren Licht erscheinen. Der andere Schein soll eine andere Wirklichkeit schaffen.

Für den Journalismus bedeutet das eine weitere große Herausforderung. Es geht, wie immer, darum Hintergründe aufzudecken, den Kern einer oft dunklen Geschichte freizulegen. Aber zu einer guten journalistischen Arbeit gehört inzwischen auch fast immer, die Manipulationsversuche der Öffentlichkeit zu beschreiben. Das gelingt manchmal, und manchmal gelingt es nicht. Wir Journalisten müssen damit leben, dass unsere Leser, unsere Konsumenten uns ab und an zu den Manipulatoren zählen. Sie trauen uns zuweilen nicht über den Weg. Sie fragen sich, warum einige Medien nun plötzlich manche Geschichten erzählen. Wer da was eingeflüstert hat. Man muss zugeben, manchmal fragen sich die Leser das zu Recht. Die Medien insgesamt haben ein Imageproblem. Man nimmt sie immer öfter als Teil der Macht wahr und nicht als die dringend nötigen Kontrolleure der Macht.

Auf all diese Herausforderungen hat ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit der Gründung eines neuen Ressorts reagiert, das sich die investigative Recherche zur besonderen Aufgabe gemacht hat. Investigative Recherche bedeutet nichts anderes als die Suche nach einem möglichst großen Stück Wahrheit. Es gilt der Leitspruch "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Es ist schön und interessant, einem Vorstandsvorsitzenden oder einem Minister beim Ausbreiten seiner Philosophie zuzuhören. Es kann noch schöner und noch interessanter sein, wenn man ihn dann noch mit einem Aktenvorgang konfrontiert, mit einer Tat also, die die vorherigen Worte etwas, sagen wir es vorsichtig, anzweifelt.

ZEIT ONLINE hat einen elektronischen Briefkasten entwickelt, der es Nutzern und Lesern ermöglicht, auch hochsensibles Material anonymisiert und vertraulich der Redaktion zukommen zu lassen. Das Investigativ-Ressort der ZEIT freut sich, diesen Briefkasten gemeinsam mit ZEIT ONLINE zu nutzen und darin sehr eng mit ZEIT ONLINE zusammenzuarbeiten; wir tauschen uns über den Inhalt des Briefkastens regelmäßig aus. So treten wir auch mit unseren Lesern in einen Dialog und können vom Wissen und der Intelligenz der ZEIT-Community profitieren.

Wir sind ein kleines Team, sechs Leute, eine Mischung aus jungen und erfahrenen Kollegen. Dazu gehören Hans Werner Kilz, Stephan Lebert, Daniel Müller, Yassin Musharbash, Anne Kunze, Christian Fuchs. Hier auf ZEIT ONLINE versammeln wir nicht nur unsere Artikel, die bisher erschienen sind. Wir werden hier auch mit kleineren und größeren Folgegeschichten, Leserbriefen, Diskussionsbeiträgen deutlich machen, dass wir an unseren Themen dranbleiben.

Stephan Lebert, Leiter Ressort Investigative Recherche