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Immobilienunternehmer: Als Donald Trump mir seine Welt erklärte

Aus der ZEIT Nr. 48/2016
Unsere Autorin verbrachte zwei Tage mit Donald Trump, als Politik für ihn noch ein Witz war. Sie wollte ihn ja unsympathisch finden, das war aber gar nicht so einfach.
1992: Die Autorin neben Trump

Ich sitze neben Donald Trump auf der ledernen Rückbank seiner Limousine und frage ihn, ob er sich vorstellen könnte, als Präsidentschaftskandidat anzutreten. Er sieht mich prüfend von der Seite an: "Glauben Sie, ich sollte?" Dann lacht er und haut sich mit der Hand auf den Schenkel: "Na, warum eigentlich nicht? Schlimmer kann’s ja nicht mehr kommen!" Er zwinkert mir zu: "Und? Würden Sie mich wählen?"

Das ist jetzt 24 Jahre her. Bill Clinton war gerade zum Präsidenten gewählt worden. Und dass es schlimmer nicht mehr werden könne, damit meinte Trump den eben aus dem Amt geschiedenen George Bush.

Zwei Tage lang durfte ich Ende 1992 mit dem Immobilientycoon von New York unterwegs sein. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Ich war mit einer Reihe Journalisten aus ganz Europa zu einem Treffen mit Donald Trump eingeladen. Man versprach sich davon ein bisschen Werbung für sein Kasino Taj Mahal in Atlantic City, das nicht so gut lief.

Im Konferenzraum des New Yorker Plaza Hotel gab Trump jedem die Hand, sagte freundlich: "Schön, dass Sie hier sind!" oder "Hatten Sie einen angenehmen Flug?" oder "Freut mich, Sie kennenzulernen!" Dann erklärte er, dass dringende Geschäfte ihn nun leider abberufen würden, und wünschte noch einen schönen Aufenthalt.

Dafür waren wir stundenlang über den Atlantik geflogen?! Ich wurde wütend. Also lief ich ihm hinterher, stellte den Fuß in die Aufzugtür und sagte, dass ich mit meinem Fotografen für ein Interview gekommen sei und das jetzt auch gern hätte. Er grinste. "Wo ist er denn, Ihr Herr Fotograf? Na, dann holen Sie ihn mal ganz schnell und unauffällig her." Wir zwängten uns zu ihm in den Aufzug. Er nahm uns mit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Zu Fuß gingen wir hinüber zum Trump Tower, seinem Hauptquartier an der Fifth Avenue. An einer Ecke standen ein paar Müllmänner: "Hey, Donald!", sie winkten. "Alles klar?" Trump winkte zurück. "Alles bestens, Jungs!" Worauf die Müllmänner anspielten, waren die horrenden Schulden, die Trump angehäuft hatte. Der Tycoon hatte sich verzockt, dazu kam ein Börsentief. "Es ist einiges schiefgegangen", sagte er. "Die Banken forderten enorme Zinsen ein. Die Umsätze meiner Kasinos begannen mit dem Golfkrieg stark zu fallen. Drei meiner Manager starben bei einem Helikopterunfall. Und dann kam auch noch die Scheidung von Ivana ..." Trump hatte Firmenbeteiligungen veräußern müssen, seine Fluglinie und seine Jacht verkauft. Er wirkte jetzt grimmig: "Viele haben darauf gewartet, dass ich scheitere. Aber da können sie lange warten!"

Dann liefen wir an einem Obdachlosen vorbei, Trump steckte ihm ein paar Scheine in die Blechbüchse. "God bless you, Donald", sagte der. Trump klatschte ihn ab: "Take care!" Wir gingen weiter. "Weißt du, Annette, im Grunde ist dieser Mann fast drei Milliarden Dollar mehr wert als ich." Ich verstand nicht. Der hatte doch gar nichts. Trump nickte: "Eben darum: Ich habe drei Milliarden Dollar Miese, also viel, viel weniger als er. Das Ding ist: Wenn du nichts hast oder – sagen wir – 30.000 Dollar Schulden, machen dich die Banken platt. Aber wenn es drei Milliarden Minus sind, helfen sie dir über die Straße und reichen dir noch einen Regenschirm."

Seine Pleite habe ihn vieles gelehrt: "Vor allem Menschliches. Lektionen in Loyalität, Freundschaft, Vertrauen. In der finsteren Zeit waren es ausgerechnet die Leute von der Straße, die mir Mut machten." Was ihn antreibt, sei eine Art sportlicher Ehrgeiz: "Die Lust am Kampf, die spielerische Gratwanderung zwischen Gewinnen und Verlieren. Da unterscheidet sich der Sport nicht wesentlich von der großen Wirtschaft." Ohne Herausforderungen könne er nicht leben. "Erst gestern wurde ich gefragt: 'Was glauben Sie, welchen Platz Sie in der Geschichte Amerikas einnehmen werden?' Ich war entsetzt. Ja, liege ich denn auf dem Sterbebett? Ich stehe in der Blüte meines Lebens! Über die Geschichte mache ich mir Gedanken, wenn das Leben vorbei ist."

Im Trump Tower stiegen wir in den Lift und fuhren hinauf in die – ich glaube – 56. Etage, in sein Büro. Oben wartete seine Sekretärin Norma, eine adrette, grauhaarige Lady mit Brille, die mild lächelnd, aber mit eiserner Disziplin Donald Trumps Termine im Griff hatte. Während er sich bei offener Tür zum Waschraum die Hände wusch ("Sorry, ich habe einen Horror vor Krankheiten!"), erklärte sie, dass Bürgermeister Dinkins ihn dringend erwarte – wegen der Baugenehmigungen am Riverside South. Und erinnerte ihn auch noch an einen wichtigen Banktermin. "Ich wüsste nicht, was ich ohne Norma täte", sagte Trump. "Sie hat’s nicht leicht mit mir!"

"Against all odds"

Sie plante seine Zeit, das für ihn wichtigste Gut. "Das Leben ist ohnehin viel zu kurz. Also versuche ich, keine Zeit zu verschwenden. Es gehört zu meinen Prinzipien, ein Telefonat auf dreißig Sekunden zu begrenzen. Und meine Meetings dauern nie länger als eine Viertelstunde."

Während Trump noch einmal kurz verschwand, sagte Norma, dass es nicht immer funktioniere, mit der Zeit so zu geizen. Wenn es um das größte Wohnungsbauprojekt New Yorks geht, lasse sich der Bürgermeister nicht mit dreißig Sekunden am Telefon abspeisen. Da müsse man dann schon persönlich hin.

Ich fuhr mit ihm zu seiner Bank, wo Trump Spielraum für seine Kredite aushandeln wollte, und zum Bürgermeister, um das Bauprojekt voranzubringen. Mit hinein durfte ich nicht. Ich ging einen Kaffee trinken. Länger als eine Viertelstunde würde es ja ohnehin nicht dauern.

Eigentlich wollte ich ihn ja unsympathisch finden: ein Tycoon, dem es nur um eigene Vorteile und Geld geht; einer, dem die kleinen Leute ziemlich egal sind; einer, der Frauen nur benutzt; einer, der wenig Intellekt besitzt, dafür umso mehr Eitelkeit. Doch irgendwie gelang mir das nicht. Er war direkt, herzlich. Ein wenig zu jovial vielleicht und nicht unbedingt das, was man diplomatisch nennen würde. Aber dafür schien er offen zu sprechen, am liebsten natürlich über seine Erfolge: "Das schafft man nur mit Arbeit, Arbeit und noch mal Arbeit." Mir ist heute klar, dass er mich für seine Zwecke manipulierte, ich war jung und freute mich über das Interview. Damals aber nahm ich ihm vieles ab.

"Auch wenn mir das keiner glaubt", sagte er einmal zu mir. "Geld an sich ist für mich kein sehr interessantes Gut. Ich bin schon zufrieden mit einem Glas Tomatensaft und einem anständigen Steak. Die Kämpfe sind das Interessanteste am Leben. Sich beständig auf ein neues Ziel zuzubewegen ist für mich die Annäherung an einen Zustand, der dem Glücklichsein so nahe kommt, wie es in diesem Leben möglich ist."

Nach seinem Termin im Rathaus stiegen wir wieder in die Limousine, aber sprachen nicht viel. Er lieferte mich vor meinem Hotel ab, nahm mich in den Arm und sagte: "See you tomorrow." Ich war geschafft.

Am nächsten Morgen fanden wir uns wieder in der 56. Etage des Trump Tower ein. Norma war schon da. Trump auch. "Good morning, sunshine!", rief er, nahm mich in den Arm und wirbelte mich herum (übrigens ohne mir in den Schritt zu fassen). Er war bester Laune. Die Limousine brachte uns nach Atlantic City. Sein Hotel und das Kasino Taj Mahal angucken.

Er zeigte mir die abgeriegelte Sicherheitsetage. Geschickt platzierte Spiegel und Kameras machten es möglich, das Kasino bis auf den kleinsten Fussel auf dem Spieltisch zu kontrollieren. Kurios war die teuerste Hotelsuite – mit Goldstreuseln im Teppich. Trump winkte ab: "Das Personal hat damit einen Riesenzirkus. Sie müssen das ganze Gold mit dem Staubsauger raussaugen, bevor sie putzen, und es dann wieder mühsam einstreuen. Zum Glück wird die Suite ohnehin selten gebucht. Ich glaube, Elton John war mal da."

Wir schlenderten durch das Gebäude des damals größten Kasinos der Welt, bummelten durch die Shops und landeten in einem Dessous-Laden. Trump erzählte, dass er eine Schwäche für Versace-Unterhosen habe. Boxershorts. Mir schenkte er spontan einen seidenen Morgenmantel mit Krawattenmuster. Ich habe ihn kürzlich zur Altkleidersammlung gegeben.

Abends saßen wir in einem der vielen Restaurants im Taj Mahal. Er hatte ein Steak (medium rare), ich Meeresfrüchte (gegrillt). Wir sprachen über dieses und jenes. Über Frauen zum Beispiel. Er könne es nicht leiden, wenn Frauen sich an Beziehungen zu Prominenten bereichern wollten. Darum habe er sich auch für seinen Freund, den Boxer Mike Tyson, eingesetzt. Der war wegen Vergewaltigung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Trump hatte sich bereit erklärt, zwei Millionen Dollar Kaution für ihn zu zahlen. "Hör mal: Die Frau klingelt nachts um zwei an seiner Tür und behauptet später, sie sei vergewaltigt worden. Stunden danach sieht man sie in einem Club ausgelassen tanzen. Da stimmt doch irgendwas nicht, oder?"

Seine Scheidung von Ivana und die Schlammschlacht in den Medien beschäftigte Trump noch. Von seiner Lebensgefährtin Marla Maples hatte er sich gerade getrennt. "Mir wurde klar, dass ich sie nie heiraten würde. Sie ist mit ihren 28 Jahren doch viel zu jung. Aber sie hat immer zu mir gestanden. Auch als es mit mir mental wie finanziell auf und ab ging wie mit einem Jo-Jo. Das muss man erst mal aushalten." Ein Jahr später hat er sie dann doch geheiratet. Die Ehe hielt bis 1999. Sechs Jahre darauf folgte Melania.

Wir sprachen auch über die Wahl, und er erzählte, er habe für Bill Clinton gestimmt. "Bush war eine Katastrophe! Höchst ineffizient." Ein Wechsel sei dringend nötig gewesen. Allein Clintons Existenz habe schon etwas bewirkt: nämlich einen Stimmungsaufschwung. "So großartig unterscheiden sich die Parteien doch gar nicht", sagte Trump. "Sicher bin ich tendenziell eher für die Republikaner. Aber hier ging es nicht darum, sich für eine Partei zu entscheiden, sondern für eine Persönlichkeit."

Nach diesem Dinner trennten sich unsere Wege. Aus den zwei Tagen wurde ein Interview für die Bunte. Donald Trump ist auf einer ganzen Seite mit Boxhandschuhen abgebildet. "Against all odds" sei sein Lebensmotto, steht darunter. Gegen alle Widrigkeiten.

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