FacebookFlickrGoogleInstagramTeilenSoundcloudTwitterGefällt mirAntwortenRetweetenYouTubeZEIT ONLINENachrichten auf ZEIT ONLINEFacebookMailFacebook MessengertwitterWhatsappZ+

Flüchtlinge in den Medien: Mit dem Strom

Aus der ZEIT Nr. 30/2017
Eine Studie beleuchtet die Rolle der Medien in der Flüchtlingskrise. Ihr Ergebnis: Zeitungen waren eher Volkserzieher als kritische Beobachter. Stimmt das?
Willkommen!, riefen Presse und Bürger. Migranten bei ihrer Ankunft in Dortmund im September 2015. © Kdf-Television & Picture Germany/action press

Es ist das Migrationsjahr 2015, und die wichtigsten Tageszeitungen Deutschlands verwandeln sich in Volkserziehungsbroschüren. Die Journalisten kontrollieren nicht mehr das Handeln der Politik, sie kontrollieren das Denken der Bürger. Und weil die Lebenswirklichkeit ebenjener Bürger die Redakteure nur beim Beifallklatschen für die Regierung irritieren könnte, kommt sie in den Blättern gar nicht erst vor.

Was sich liest wie eine Wutrede von "Lügenpresse"-Rufern, scheint jetzt eine Studie der Hamburg Media School und der Uni Leipzig zu belegen: In der Flüchtlingskrise, so ihr Fazit, haben wichtige deutsche Medien versagt. Statt einen offenen Diskurs zu ermöglichen, haben sie ihn erstickt.

Die Forscher unter der Leitung des Medienwissenschaftlers Michael Haller (von 1987 bis 1990 Leiter des ZEIT-Dossiers) haben über unterschiedliche Zeiträume Tausende von Artikeln aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, der Welt, der Bild sowie zahlreichen Regionalzeitungen analysiert, hauptsächlich von Februar 2015 bis März 2016.

Die knapp 200-seitige Studie wird am kommenden Montag von ihrer Förderin, der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung, veröffentlicht, die ZEIT konnte sie vorab einsehen. Die Urteile, zu denen die Autoren kommen, sind drastisch. Zusammengefasst: Das Land hat unter einem publizistischen Stromausfall gelitten – und die Gesellschaft hat sich in der Folge gefährlich gespalten.

Nicht nur hätten sich die "sogenannten Mainstreammedien" (die Studie zeigt durchaus ein wenig Verständnis für den Begriff) unisono hinter Angela Merkels Flüchtlingspolitik versammelt, "Losungen der politischen Elite" unkritisch übernommen und eine "euphemistisch-persuasive Diktion" des Begriffs der Willkommenskultur verbreitet. Wer dieser Regierungslinie skeptisch gegenübergestanden habe, habe sich in den Augen vieler Journalisten der Fremdenfeindlichkeit verdächtig gemacht.

Kritiker, so impliziert die Studie, mussten eines besseren Menschseins belehrt werden, mit Argumenten wie: Deutschland brauche Hunderttausende junger Flüchtlinge, als Arbeitskräfte und um der Überalterung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Auf diese Weise sei "Willkommenskultur zu einer Art Zauberwort verklärt" worden, "mit dem freiwillig von den Bürgern zu erbringende Samariterdienste moralisch eingefordert werden konnten".

Als sinnfälliges Beispiel zitiert die Studie einen Videoblog-Kommentar der SZ vom 2. Oktober 2015, in dem es hieß: "Vor zwei Wochen hatte ich noch den Eindruck, als würde (...) doch die Mehrheit der Menschen erkennen, wie gut, aber auch wie wichtig für Deutschland es ist, Flüchtlinge auch in großer Zahl aufzunehmen. Und mittlerweile ist es so, dass sich die Stimmung täglich verschlechtert ..." Die Angst, in diesem Meinungsklima als moralisch schlecht zu erscheinen, habe eine "Schweigespirale" erzeugt. Kritiker der Flüchtlingspolitik hätten sich anderswo Ventile gesucht, "um ihrer Frustration umso heftiger Luft zu machen", während das Vertrauen in die klassischen Medien erodiert sei.

Praktizierten deutsche Redaktionen also einen Dampfwalzenjournalismus, der sich am Ende selbst plättete? So ungefähr sei es gewesen, glaubt Studienleiter Haller. Eine "Sinn- und Strukturkrise" habe die Branche erfasst. "Große Teile der Journalisten haben ihre Berufsrolle verkannt und die aufklärerische Funktion ihrer Medien vernachlässigt." Meinungsstärke habe wohl Faktenschwäche ausgleichen sollen. Nachrichtliche Texte seien häufig mit kommentierenden Passagen eingefärbt gewesen, Fachleute, Bürger und Migranten kaum zu Wort gekommen.

Die ZEIT kommt in der Untersuchung nicht vor, weil die Forscher sich auf Tageszeitungen konzentriert haben. Auf Nachfrage bemängelt Haller aber auch an dieser Zeitung, das Flüchtlingsthema sei stellenweise mit "zu viel Gutmensch-Sentimentalität und zu wenigen kritischen Nachfragen an die Zuständigen" behandelt worden. Offenbar habe die Redaktion das Bedürfnis gehabt, die "guten Seiten der Deutschen herauszukehren und das Narrativ 'Willkommenskultur' auszumalen", etwa durch die Titelzeile Willkommen! – Geschichten aus einem Land, das Fremden die Hand reicht (ZEIT Nr. 32/15 vom 6. August).

"Nicht integrierend, sondern segmentierend"

Als zweite Frage drängt sich auf, warum die Autoren nicht die großen Fernsehsender in ihre Detailanalyse miteinbezogen haben. Haller erklärt dies mit dem Aufwand, den Untersuchungen über die komplexen Zusammenhänge zwischen Bild und Sprache erfordern würden – dies "hätte unseren Rahmen bei Weitem gesprengt".

Auch ohne Auswertung von ARD und ZDF sind sich die Autoren sicher, dass der Journalismus eine beträchtliche Mitschuld an der "tiefen Spaltung" habe, die sich seit 2015 durchs Land ziehe. All die Dysfunktionen der Medien hätten "diesen polarisierenden und desintegrativen Prozess massiv gefördert".

Denn bestimmte Standpunkte seien nicht bloß ignoriert, sondern auch diffamiert worden. Die Berichterstattung über die AfD etwa, meint Haller, neige zu Ausgrenzung und Stigmatisierung. "Dies gilt im Übrigen auch sehr deutlich für die Bildersprache, die wir ebenfalls untersucht, aber nicht in den Bericht aufgenommen haben."

Der von FAZ, SZ und Welt gestiftete Diskurs sei "nicht integrierend, sondern segmentierend" verlaufen. Denn: "Ausgeschlossen wurden nicht nur Radikale, sondern auch politische Akteure, die keinen fremdenfeindlichen Parolen folgten." Insofern repräsentierten FAZ, SZ und Welt ebenden "geschlossenen Kommunikationsraum, den viele Ausgegrenzte in ihren Kommentaren mit 'Mainstream' und 'Systempresse' etikettierten". Die Studie liest sich bisweilen so, als hätten die Wissenschaftler dem Wunsch hinterhergeforscht, die Branche am Kragen zu packen und einmal kräftig durchzuschütteln. So heißt es an einer Stelle, die "gravierenden Dysfunktionen" hätten sich "schon so tief eingefressen, dass sie von Journalisten oder einzelnen Redaktionen vermutlich für normal gehalten, das heißt gar nicht als solche wahrgenommen oder gar problematisiert werden". Dies ist – in der Tat – nur eine Vermutung.

Unstimmig werden die Darlegungen dort, wo die Autoren der FAZ zugestehen, dass sie in "vielen" Kommentaren gegen eine unbegrenzte Aufnahme von Flüchtlingen plädierte, das Blatt aber trotzdem als Rufer in der großen, eintönigen Echokammer einsortieren.

Sicher, Leitartikel sind etwas anderes als Berichte – aber zum Meinungsklima tragen sie wohl mindestens ebenso bei.

Was die Untersuchung nach eigenen Angaben überhaupt nicht berücksichtigte, waren Gastbeiträge von Autoren, die die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel problematisch fanden. Speziell die FAZ druckte allerdings mehrere derartige Texte, vor allem solche, die vor den ökonomischen Folgekosten der Massenzuwanderung warnten. Haller rechtfertigt diese Auslassung damit, Gastbeiträge würden vom Leser eben nicht der Redaktion zugerechnet. Das mag sein. Aber die Leser dürften ebenfalls wissen: So ganz aus dem Nichts kommen auch Gäste selten.

Startseite