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Berlin: Die Angst der Juden vor den Judenfreunden

Eine jüdische Buchhandlung in Berlin muss unter dem Druck von Linken schließen. Die linke Israelverehrung verkehrt sich so in ihr Gegenteil.
Demonstranten mit einem Pro-Israel-Schild © Carsten Koall/Getty Images

Ein paar Dutzend Menschen, einige von ihnen schwarz gekleidet, nehmen auf winzigen, unbequemen Hockern in einer Neuköllner Buchhandlung Platz. Die uralte jüdische Schiwa-Tradition besagt, dass Trauernde niedrig sitzen sollen. Schon der Prophet Hiob trauerte auf diese Art.

Die meisten Besucher im Raum sind israelische Wahlberliner. Sie sind vor einigen Jahren in die deutsche Hauptstadt gezogen und haben ihren Frieden mit Deutschland geschlossen. Einige verließen ihre Heimat aus politischen Gründen und deshalb, weil sie ihre Hoffnung an eine offene israelische Gesellschaft verloren haben. Einige sind aus finanziellen Gründen nach Berlin gekommen: In Israel hat sich herumgesprochen, dass ein Becher Schokopudding in Berliner Discountern nur 19 Cent kostet. In Israel kosten Lebensmittel das Vielfache.

Nun starren sich diese Israelis fassungslos auf deutschem Boden an, denn ihre von zwei Israelis betriebene Lieblingsbuchhandlung muss wegen Drohungen schließen.

Das Topics wollte schon immer ein hipper, kreativer und provokativer Raum für alle sein. Bücher sind hier nach Kategorien wie "im Gefängnis geschrieben", "weibliche Detektive" oder "der Antichrist" sortiert. Neben dem Verkauf von Büchern organisierten Amir und Doron, die Betreiber von Topics, in den vergangenen drei Jahren regelmäßig Veranstaltungen mit Hunderten von Besuchern.

Im vergangenen März war dort eine Diskussion rund um die Schriften des italienischen Kulturpessimisten und Rassentheoretikers Julius Evola geplant. Die Veranstalter haben die Diskussion über den bis heute in rechten Kreisen verehrten Autor mit jüdischem, also schwarzem Humor angekündigt. Ein Witz, den einige selbst ernannte Kämpfer gegen Antisemitismus anscheinend nicht verstehen oder verstehen wollen.

Das linksradikale Kollektiv TOP B3rlin rief auf Facebook seine Fans auf, ihre "Punkerfreunde und ihre Hunde" zusammenzutrommeln und bei der Veranstaltung "vorbeizuschauen". Amir und Doron, beide Enkelkinder von Holocaustüberlebenden, wurden von Linken als Nazis beschimpft und monatelang bedroht. Laut Zeitungsberichten stammen die meisten Randalierer aus der antideutschen Szene. Das sind radikale Linke, die Deutschland hassen, jede Kritik an den USA ablehnen und sich bedingungslos mit dem Staat Israel identifizieren.

Juden in Neukölln, so schrieb es etwa die Tageszeitung Die Welt, sollten eher Angst vor ihren arabischen Nachbarn haben. Dass eine jüdische Buchhandlung in Neukölln nun wegen der Machttrunkenheit, Sturheit und Humorlosigkeit selbstgerechter Nachfahren der Täter pleiteging, löste keine empörte Debatte in der Politik, den Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und den Kolumnen besorgter Deutscher aus. Es ist deswegen an der Zeit, über den destruktiven Philosemitismus in der deutschen Gesellschaft und besonders innerhalb der antideutschen Linken zu reden.

Anlässe dafür gab es in der jüngsten Vergangenheit genug: Der Linken-Abgeordnete Oliver Höfinghoff griff im Sommer 2016 beim Berliner Christopher Street Day (CSD) zusammen mit einigen Genossen Mitglieder der Gruppe Berlin Against Pinkwashing an. Den Protest von israelischen Juden und einigen Arabern, die zusammen gegen den israelischen Botschafter demonstrieren wollten, konnte der Abgeordnete nicht aushalten, er musste zuschlagen. Ramin Rachel, Vorstandsmitglied der SPD Neukölln, drohte in einer Facebook-Diskussion zu diesen Protesten damit, einen jungen Israeli zu schlagen, falls er wieder gegen seine Regierung demonstrieren würde.

"Juden-Feeling" als Accessoire

Ende 2016 unterstellte der Tagesspiegel-Journalist Johannes Bockenheimer den Teilnehmern eines palästinensischen Kulturfestivals Antisemitismus: Daraufhin verfassten mehr als hundert jüdische und israelische Kulturschaffende in Berlin einen offenen Brief, in dem sie ihre Solidarität mit dem Festival ausdrückten. Der Tagesspiegel entfernte den Artikel inzwischen aus dem Internet. Den Unterzeichnenden wurde aber noch wochenlang später im Netz vorgeworfen, sie seien alle lediglich Kapos. Vor wenigen Monaten wurde die Jewish Anti Fascist Action Berlin gegründet, die heute eine der größten jüdischen Bürgerinitiativen in der Bundesrepublik ist und sich bereits an zahlreichen antirassistischen Demos beteiligt hat – und von meist biodeutschen Philosemiten immer und immer wieder als eine Ansammlung von "selbsthassenden Juden" diffamiert wird.

Wir, die Nachfahren der Opfer der Schoah, die den besagten offenen Brief unterzeichnet haben, die die Topics-Buchhandlung eröffnet oder allgemein kritische Diskussionen und Auseinandersetzungen mit Rechten befördern, werden von den Nachfahren der Täter dämonisiert, diffamiert und delegitimiert – mit dem Argument, dass sie sich gegen Nazismus einsetzen würden. Der Antisemitismus wird umdefiniert, aus den Opfern werden Täter gemacht.

Die Israelfahne am Auto

Gleichzeitig kann man unter einigen Nachkommen der wahren Täter eine gewisse Sehnsucht nach einem Opferstatus beobachten. Das "Juden-Feeling" ist über die Jahre zum Accessoire für viele Linke in Deutschland geworden. Sie fahren mit einer Israelfahne an ihren Autos befestigt herum – aus Solidarität mit den Juden, sagen sie, obwohl diese Fahne kein jüdisches Symbol per se ist, sondern das Zeichen des Staates Israel.

Besonders gerne tun sie das zu einer Zeit, in der der Nahostkonflikt eskaliert. Wenn sie dabei angefeindet werden, beklagen sie sich über ihre Erfahrungen mit dem Antisemitismus. Die Erfahrungen echter Juden sind nicht mehr relevant. Und wenn die bei dieser Inszenierung nicht mitspielen wollen, bekommen sie es eben mit den Punks und ihren Hunden zu tun – und werden in Deutschland im Jahr 2017 boykottiert.

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