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Wölfe: Aus dem Wald heult es wieder

Der Wolf kommt wieder, viel schneller, als man dachte. Manche bejubeln, andere fürchten ihn. Besonders auf dem Land. Den Städtern, sagen sie dort, werde Blödsinn erzählt.
Schäfer Stefan Erb © Benjamin Piel

Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Weitere Informationen über #D17

Es hat eine Zeit gegeben, da hat Stefan Erb die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland ganz entspannt gesehen. Der Schäfer ist ein Naturfreund und als solcher fand er es gar nicht schlecht, dass die Raubtiere sich das Gebiet zurückeroberten, aus dem sie einst vertrieben worden waren. "Der Wolf ist ja scheu", dachte er sich, da werde schon nicht viel passieren bei den paar Tieren. "Wenn ihr überhaupt mal einen Wolf in der Ferne seht, habt ihr großes Glück gehabt", sagte ein Wolfsexperte damals und Erb nickte. Dass der Wolf sich in der Nachbarschaft von Erbs Stall massiv ausbreiten könnte, dass das Raubtier in die Dörfer kommt und Menschen entgegen, das hätte Erb nicht für möglich gehalten. "Und jetzt laufen sie mittags um zwölf über die Höfe."

Stefan Erb biegt um eine Ecke seines 1.200 Quadratmeter großen Stalls, der hinter der niedersächsischen Stadt Bleckede zwischen Feldern liegt. Ein paar Pferde grasen daneben auf einer Koppel, auf der anderen Seite wächst Mais bis zum Horizont. Die Schafe schauen kurz auf und kauen dann weiter. Die Tiere stehen im Heu, mit ihren gelben Marken in den Ohren, Coburger Fuchsschafe, Leineschafe, Schwarzköpfige Fleischschafe.

Erb blieb auch ruhig, als der Wolf vor fünf Jahren vier seiner Schafe riss und er sie blutverschmiert mit Kehlbissen auf der Weide fand. Wahrscheinlich ein Einzelfall, dachte er sich. Er schaffte sich Herdenschutzhunde an, große Tiere mit wuscheligem Fell, die alles und jeden anfallen, der der Herde zu nah kommt. Bei Erb funktioniert das einigermaßen gut. Er ist ein nüchterner Mann ohne Hang zum Durchdrehen. Aber selbst er ist zunehmend der Meinung, dass es mit dem Wolf so nicht weitergehen kann. Vielen seiner Kollegen, sagt er, habe der Wolf erst die Schafe und dann den Schlaf geraubt.

Wo der Wolf ankommt, da spaltet er die Menschen früher oder später in zwei Gruppen, eine nicht viel weniger emotional als die andere. Die einen jubeln, die anderen sorgen sich oder sind wütend. Da ist der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der die Aktion Ahuuu – willkommen Wolf! gegründet hat. Da sind Wolfsfreunde von Privatinitiativen wie WikiWolves, die Tierhaltern beim Aufbau von Wolfsschutzzäunen hilft. Aber es gibt auch Vereine wie die Landfrauen, die Mahnfeuer entzünden "gegen die uneingeschränkte Ausbreitung des Wolfs". Es sind zwei Gruppen, die nur schwer miteinander reden können, ohne rote Köpfe zu bekommen. Aber sie werden miteinander reden müssen.

Der Wolf hat sich in Deutschland rasanter verbreitet, als viele angenommen hatten. Gab es noch vor sieben Jahren gerade einmal sieben Rudel, sind es inzwischen um die 50. Geschätzt 500 Tiere durchstreifen die Wälder, besonders viele in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, wo es nach Schätzungen der Landesjägerschaft mehr als 100 Wölfe gibt. Der Wolf vermehrt sich stark, er wandert zügig. Schon in wenigen Jahren könnte das Beutetier in allen Bundesländern leben. Kein Problem, sagen einige, Deutschland habe Platz genug für 4.000 Wölfe. Andere fassen sich an den Kopf: 4.000? Wo soll das enden?

Der Wolf hat keine Feinde außer dem Straßenverkehr und Jägern, die es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen. Selbst Polizisten dürfen einen Wolf nicht einfach erschießen, wenn er angefahren vor ihnen auf der Straße liegt, so weit oben steht das Tier auf der Artenschutzliste. Diesen Aufwand hat der Wolf verdient, sagen seine Freunde. Wer den Wolf schützt, gefährdet den Menschen, meinen die andern.

"Herde schützen, Wolf vertreiben"

Es sind Leute wie Ute Meyer aus Meetschow, die so denken. Die Vorsitzende der Landfrauen im Landkreis Lüchow-Dannenberg hat ein Mahnfeuer gegen den Wolf organisiert. Das Holz ist etwas nass, die Flammen husten reichlich Rauch in die Luft. Etwas entfernt baumelt ein Rost mit Würstchen über einem kleineren Feuer. Jemand zapft Bier aus einer Anlage, daneben liegen kleine Fläschchen Magenbitter. Bierbänke stehen auf der Wiese. Ute Meyer rückt das Mikrofon zurecht und legt los. "Wir lassen unsere Tiere nicht einfach auffressen", sagt sie. Die Familie züchtet seit Generationen Springpferde auf ihrem Hof. "So sympathisch er auch aussieht – mit einem Biss kann er töten und er geht nicht nur an Tiere ran", sagt Meyer. "Familien, Frauen und Kinder" seien bedroht. Wölfe müssten "herausgenommen" werden, soll heißen: erschossen. Ihr Mann Heinrich sieht es genauso: "In den Städten bekommen die Menschen leider gesagt, dass es schön ist, dass der Wolf wieder da ist, aber unsere Lebensqualität auf dem Land darf nicht eingeschränkt werden." Es sei "höchste Zeit, einzugreifen".

Das hat das niedersächsische Umweltministerium auch getan. Allerdings anders, als die Wolfsgegner es sich gewünscht hätten. Seit Mai dieses Jahres zahlt das Land für den Ausgleich bei Nutztierrissen oder Investitionen zum Herdenschutz statt 15.000 Euro innerhalb von drei Jahren nun 30.000 Euro pro Jahr und Betrieb. Schäfer Stefan Erb bezeichnet die Neuregelungen als "Alibi und Blenderei". Das Zaunmaterial werde bezuschusst, aber nicht der Arbeitslohn für das Aufbauen. 30.000 Euro, das höre sich nach viel an, aber ein Betrieb der diese Summen in Anspruch nehme, der habe mit so vielen Rissen zu tun, dass er gleich dichtmachen könne. Erb weiß, dass die Schäferei auf dem absteigenden Ast ist und er ist überzeugt, dass der Wolf dieses Problem verschärfen wird. 2012 haben Wölfe in Niedersachsen 30 Nutztiere gerissen, 2015 waren es 159. Tendenz: weiter steigend.

Die Schäfer leisten mit ihren Herden wichtige Arbeit. Sie pflegen Moore, die Heide, Rasenflächen auf Deichen. Der Tritt der Schafe macht den Untergrund dichter und feste sind sichere Deiche. Mit der Naturschutzpflege erwirtschaftet Erb die Hälfte seiner Einnahmen, die andere mit der Fleischproduktion. Er ist überzeugt: "Das Thema Wolf trifft etwas Strukturschwaches." Und deshalb wäre es dem Schäfer, der der Rückkehr des Wolfs früher entspannt gegenüberstand, heute lieb, der Wolf hätte sich bloß nie angesiedelt in seiner Nachbarschaft. Dass die Schäfer nun ganze Landstriche mit mannshohen Zäunen umgeben, ist für Erb keine Lösung. Wohl aber, den Wolf nur in festgelegten Gebieten zuzulassen und das Tier außerhalb dieser Linien zu erschießen. Dass die Politik zu einer solchen Entscheidung kommt, erwartet Erb nicht allzu schnell, auch wenn selbst Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) schon eine "Regulierung des Bestands" durch Abschüsse gefordert hat. "Die Politik kommt nicht vor und nicht zurück", findet Erb. Kippen wird die Stimmung aus seiner Sicht, wenn ein Wolf einen Menschen angreift. Erb wünscht sich das nicht, hält es aber nicht für ausgeschlossen.

Dass Wölfe Menschen angreifen können, ist ebenso unbestritten, wie eine solche Attacke unwahrscheinlich ist. In Deutschland hat es seit der Rückkehr des Wolfs noch keinen Angriff auf einen Menschen gegeben. "Eine Gefährdung durch Wildtiere – seien es Wildschweine, Rehböcke in der Paarungszeit, Zecken oder sonstige – ist nie auszuschließen, deshalb kann auch eine Gefährdung durch Wölfe nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden", sagt Rudi Zimmeck, Sprecher des niedersächsischen Umweltministeriums. Allerdings sei die Gefahr "äußerst gering". Sehe ein Wolf einen Menschen, ziehe das Tier sich in der Regel zurück, denn Wölfe seien vorsichtig. Trotzdem trauen sich einige Menschen kaum mehr in den Wald. Wohl aber auf deutsche Straßen, auf denen im Jahr mehr als 3.000 Menschen sterben. Doch derlei rationale Erwägungen können der teils diffusen Angst vor dem Wolf keinen Einhalt gebieten.

Hermann Herolds Angst ist nicht diffus. Es ist Mittwoch, der 3. Mai, als die Auseinandersetzung zwischen dem Schäfer aus Inzmühlen und dem Wolf seinen bisherigen Höhepunkt erreicht, erzählt er. Gegen 10 Uhr schleicht sich ein Wolf aus dem Wald. Die Herde stellt sich ängstlich zusammen, Fell an Fell. Der Wolf kommt dichter heran, beißt ein Muttertier ins Hinterbein, schnappt sich ein Lamm, lässt es wieder los, greift sich ein leichteres Lamm, nimmt es zwischen die Zähne und schleppt es zum Waldrand. "Herde schützen, Wolf vertreiben", denkt der Schäfer. Er springt in seinen Geländewagen und fährt hinterher. Der Wolf sieht das, lässt das Lamm fallen und rennt davon. Nach einer Minute ist die Begegnung vorbei.

Dass sich der Wolf an der Anwesenheit des Mannes nicht gestört hat, macht Hermann Herold und seiner Frau Andrea Sorgen. Die beiden haben 350 Mutterheidschnucken und mindestens 350 Lämmer. Aber dieses Jahr ist alles anders. Dieses Jahr sind es nur 170 Neugeborene. 80 Muttertiere sind nicht schwanger geworden, es gab viele Fehlgeburten, nach denen auch 16 Muttertiere starben. Nachts drängen sich die Schafe so eng aneinander, dass einige erdrückt werden. Die Herolds sprechen von Stressschäden und haben den Schuldigen längst ausgemacht: der Wolf, der nachts um die Nachtpferche streicht.

Die Herolds haben das Gefühl, dass alles für den Wolf getan wird, aber zu wenig für sie, die Schäfer. Sie glauben, dass es viel mehr Wölfe gibt, als die offiziellen Stellen sagen. Sie haben nicht nur Angst vor dem Wolf, sie haben auch Angst vor der Zukunft. Sie benötigen Nachwuchs, um ihre Verträge einhalten und die Heide pflegen zu können. In der Lüneburger Heide bewegen sich die Heidschnucken auf riesigen Gebieten. Unmöglich sei es, sagt Andrea Herold, solch große Flächen einzuzäunen. Optimistisch sieht sie das Zusammenleben mit dem Wolf längst nicht mehr: "Zwei Jahre können wir noch einigermaßen durchstehen, dann sind wir pleite."

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