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Geschlechtervielfalt: Selbst die Robbe ist ein Kerl

Eine neue Studie zu Geschlechterrepräsentanz in Film und Fernsehen zeigt: Männer sind doppelt so oft zu sehen wie Frauen. Besonders problematisch ist das Kinderfernsehen.
Vor allem im Kinderfernsehen dominieren Männer: Elton und Piet Flosse in der ZDF-Sendung "1, 2 oder 3". © ZDF und Ralf Wilschewski

Bei Löwen, Tigern und Elefanten ist der Unterschied am größten: 87 Prozent aller Tierfiguren im deutschen Kinderfernsehen sind männlich, nur 13 Prozent weiblich. Diese Beobachtung erscheint auf den ersten Blick etwas nebensächlich, sie steht jedoch für eine besorgniserregende Entwicklung: Ausgerechnet in den Programmen für Kinder ist das Ungleichgewicht in der Darstellung von männlichen und weiblichen ProtagonistInnen besonders ausgeprägt.

Herausgefunden haben dies die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock. Sie erhoben im Vorjahr über einen Zeitraum von zwei Wochen Stichproben von mehr als 5.600 Einzelprogrammen im deutschen Erwachsenen- und Kinderprogramm. Mehr als 17.000 ProtagonistInnen wurden dabei bewertet, das bedeutet: Figuren, die sichtbar im Zentrum der Handlung stehen und diese vorantreiben. Außerdem wurden 883 deutsche Kinofilme sowie Filme mit deutscher Beteiligung untersucht, die in den vergangenen fünf Jahren erschienen sind.

Auftraggeber der Studie sind die vier größten TV-Sender (ARD, ZDF, ProSiebenSat1, RTL), die Filmförderungsanstalt und die Film- und Medienstiftung NRW, der FilmFernsehFonds Bayern sowie die MaLisa Stiftung der Schauspielerin Maria Furtwängler. Ihren Angaben zufolge handelt es sich bei der Studie um die bisher umfangreichste Erhebung zum Thema Diversität in audiovisuellen deutschen Medien. 

Die Ergebnisse der Studie, die nun in der Akademie der Künste in Berlin vorgestellt wurden, zeigen eine eindeutige Überrepräsentanz zugunsten der Männer: Zwei Drittel der HauptakteurInnen sind männlich, ein Drittel weiblich. Besonders augenfällig ist die Diskrepanz in den Bereichen Information (68 Prozent Männer, 32 Prozent Frauen), nonfiktionale Unterhaltung (69 Prozent Männer, 31 Prozent Frauen) – und eben dem Kinderfernsehen (72 Prozent männliche Protagonisten gegenüber 28 Prozent weiblichen). Ein Drittel der Fernsehvollprogramme (ohne Kinderfernsehen) kommen ganz ohne weibliche Beteiligung aus, während umgekehrt nur 15 Prozent der Sendungen ohne Männer stattfinden.

Relativ ausgeglichen ist das Geschlechterverhältnis hingegen im deutschen Kino: 42 Prozent der ProtagonistInnen sind Frauen, 58 Prozent Männer. Ähnlich verhält es sich in deutschen Fernsehfilmen. Die einzige Sparte, in der mehr Frauen als Männer vertreten sind, ist die der Daily Soaps.    

Ab Mitte 30 verschwinden die Frauen

Was sich darüber hinaus zeigt: Die Diskriminierung der Frauen auf dem Bildschirm ist vor allem eine Altersdiskriminierung. Bis zu einem Alter von etwa 30 Jahren sind Männer und Frauen noch gleich häufig zu sehen; ab Mitte 30 ändert sich das – dann schrumpft ihr Anteil auf ein Drittel. Ab 50 Jahren ist es ein Viertel. Diese Entwicklung ist in allen Sendern, allen Formaten und Genres die gleiche, auch im Kinofilm.

Die Anzahl der Frauen allein genommen vermittelt natürlich noch kein Bild über ihre Rolle in Film und Fernsehen. Schon vor mehr als 20 Jahren hatte die amerikanische Comiczeichnerin und Autorin Alison Bechdel ein Schema entworfen, mit dem der Status von Frauen im Film eingeordnet werden kann. Der Bechdel-Test ist erfüllt, wenn die folgenden Fragen mit Ja beantwortet werden können:

    •    Gibt es mindestens zwei Frauenrollen, die namentlich erwähnt sind?
    •    Sprechen sie miteinander?
    •    Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Sprecher und Experten sind überwiegend männlich

Im Bereich Film erfüllen nach der Rostocker Studie inzwischen 57 Prozent den Bechdel-Test. Im Fernsehen jedoch sind die Positionen, in denen Frauen und Männer eingesetzt werden, noch sehr unterschiedlich. In Informationssendungen ist nur ein Drittel der HauptakteurInnen weiblich. Männer dominieren vor allem als Moderatoren, Journalisten, Experten (69:31) und Sprecher (96:4). Frauen kommen überdurchschnittlich in Verbindung mit Beziehung und Partnerschaft vor.

Auch im Kinderfernsehen erklären zwei Drittel männliche Moderatoren die Welt. Geht es um fiktive Figuren und Fantasie, sind die ProtagonistInnenrollen fast ausschließlich durch Jungen oder Männer besetzt: Einer weiblichen Tierfigur stehen neun männliche gegenüber. Bei Pflanzen und Objekten sind 88 Prozent als männlich erkennbar, bei Robotern und Maschinen sind es 84 Prozent.

ProQuote Medien kritisierte das Ungleichgewicht auf dem Bildschirm. "Die Ergebnisse sind erschütternd", sagte die stellvertretende Vorsitzende, Antonia Götsch. ProQuote Medien fordere alle Intendanten und Programmchefs auf, endlich Strukturen zu schaffen, die Stereotype und unbewusste Vorurteile bei der Auswahl von Moderatoren, Journalisten und Sprechern erkennbar außen vor lassen. "Es ist ärgerlich, darauf hinweisen zu müssen, dass Frauen keine dekorativen Kleiderständer sind", sagt Götsch.

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