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Ostdeutschland: Oh, Ostmann!

Wie konnte aus dem ostdeutschen Mann der Hysteriker der Republik werden? ZEIT-Redakteur Martin Machowecz stammt aus Sachsen und macht sich auf die Suche.
Montagsdemonstration der Pegida-Bewegung am Tag der Deutschen Einheit 2016 in Dresden © Lars Berg/imago

Ich bin ein ostdeutscher Mann, und eigentlich hatte ich eine Ehrenrettung schreiben wollen. Mir wurde schnell klar: Dafür gibt es keinen Anlass. Einen zur Selbstanklage hingegen schon. Denn, falls irgendwer es verpasst hat: Unter ostdeutschen Männern ist die AfD bei der Bundestagswahl stärkste Kraft geworden, unter sächsischen Männern lag sie offenbar so weit vorne, dass ich verschiedentlich gefragt werde, ob ich eigentlich der eine sächsische Mann sei, der nicht für die AfD gestimmt hat.

Ich bin natürlich nicht der Einzige, es gibt noch viele, viele mehr. Es sind trotzdem die ostdeutschen Männer, die jetzt im Ruf stehen, die Wut in die Republik zu tragen, es ist verheerend. Ostdeutsche Männer, da denken die Leute an Fußballkrawalleros, Pegida-Demonstranten und AfD-Funktionäre, aber nicht an Dax-Manager oder Spitzenpolitiker (obwohl es ostdeutsche Männer in beiden Funktionen gibt). Das ist wahnsinnig unfair. Aber das haben wir uns vermutlich selbst eingebrockt: Der ostdeutsche Mann steht nun da als Hysteriker, als ängstlicher Zerstörer.

Doch vielleicht kann es uns allen, in Ost und West, dabei helfen, etwas über unser Land zu lernen, wenn wir den wütenden Ostmann näher betrachten. Dazu muss ich ausholen. Und ich sage gleich vorweg: Wenn ich hier immer vom Ostmann spreche und eigentlich den wütenden ostdeutschen Mann meine, dann ist mir völlig klar, dass es Millionen wunderbare ostdeutsche Männer gibt. Ich verallgemeinere also auf fieseste Weise. Aber die, die zur Zeit auf uns Ostmänner schauen, verallgemeinern ja auch. Wir sitzen jetzt eben alle in der Soße, ob wir wollen oder nicht.

Ich bin 29 Jahre alt. Die Ostmänner, die wütend sind, gehören eigentlich in die Generation derer, die 10, 20, 30 Jahre älter sind als ich. Dazu muss man wissen: Im Osten sind die Verhältnisse anders als im Westen, sie sind umgekehrt. Im Westen lernten die Jüngeren von den Älteren, im Osten lernten die Älteren von den Jüngeren. Im Osten mussten die Jungen den Alten erklären, wie die neue Welt, die Welt nach dem Mauerfall, funktioniert. Deshalb fielen die älteren Männer auch vielfach als Vorbilder aus. Ein Umstand, der die älteren Männer schmerzt. Die Älteren wollen gefragt werden, mit ihrem Rat. Sie können aber keinen Rat geben, und sie werden auch nicht gefragt. Das führe zu Komplexen, sagen viele Sozialforscher.

Es ist eigenartig, aber wenn ich mich frage, welche berühmten Ostmänner es eigentlich gibt, fällt mir immer zuallererst Michael Ballack ein, weil Michael Ballack gewissermaßen der erste Held meiner Jugend war, irgendwie. Ich finde, dass man an Michael Ballack schon manche Tragik des Ostmannes erklären kann, weil auf ihn zutrifft, was auf viele tragische Männerfiguren zutrifft: hoch veranlagt zu sein, aber letztlich an sich selbst gescheitert.

Michael Ballack hatte, man darf das nicht vergessen, wirklich viel drauf, sportlich war er ein Großer, er brachte, politisch wie im Fußball, das beste aus zwei Systemen mit. Aber er wollte immer mehr sein als ein sehr guter Fußballer, er wollte der Anführer sein, so eine Art Patriarch auf dem Felde, also ein Feldherr. Er wollte Deutschland vom Mittelkreis aus regieren. Die Großmannssucht war so überwältigend, dass er irgendwann nicht mehr merkte, wie viele andere schon an ihm vorbeigezogen waren, und dass auf seine Kommandos eigentlich gar keiner mehr hörte. Ja: Es hielt nicht einmal jemand für nötig, ihm das wenigstens zu sagen. Es war schon viel zu spät, als irgendjemand ihn zur Seite nahm: Du, Micha, ist gut jetzt.

Der zweite Ostmann, der mir nach Michael Ballack immer einfällt, ist Henry Maske; wieder ein Sportler. Ein Boxer, der es schaffte, 31 Profikämpfe zu gewinnen, aber dabei gefühlt keinen Schlag abzugeben. Er hat sich die Weltmeistertitel erklammert, er ist einfach immer ausgewichen, er hat die Konfliktscheue zum Motiv gemacht. Man nannte ihn dafür "Gentleman", aber das halte ich für ein Missverständnis.

Nicht mal in der Protestwahl steigt sein Einfluss

Maske und Ballack. Ich glaube, dass das die beiden Typen Ostmann sind, in denen vieles steckt, im Guten wie im Schlechten. Diese beiden Sportler mögen mir das verzeihen – sie können gar nichts dafür, sie müssen hier ja nur als Beispiele herhalten. Aber manchmal kommt es mir vor, als sei der wütende Ostmann einer, der die schlechtesten Eigenschaften dieser beiden berühmten Männer vereinigt. Ein Wegducker, der eigentlich der Leader sein will, auf den aber keiner hört.

An dieser Stelle muss man auch über die ostdeutsche Frau sprechen. Reden wir nicht drum herum, der wütende Teil der ostdeutschen Männer ist auch deshalb so komplexbeladen, weil es die ostdeutsche Frau gibt und weil die ostdeutsche Frau die Welt regiert.

Es gab zwei Weisen, aus der DDR und aus den ostdeutschen Neunzigerjahren hervorzugehen: besonders stark oder besonders geschlagen.

Und es ist nun einmal so, dass die Frauen verhältnismäßig oft besonders stark aus diesem Trubel rausgegangen sind, weil sie schon in der DDR besonders stark waren. Und dass die Männer besonders schwach aus diesem Trubel rausgegangen sind. Forscher sagen wiederum: auch deshalb, weil es Männern oft schwerer falle, mit Brüchen umzugehen, mit Niederlagen.

Wenn ich "ostdeutsche Frau" sage, denken alle an Angela Merkel, und das ist ja auch ganz richtig. Angela Merkel steht für viele. Es ist kein Klischee, sondern die Wahrheit, dass zwischen Rostock und Annaberg-Buchholz Millionen Angela Merkels durch die Wohnzimmer gehen. Der ostdeutsche Mann ist sozusagen mit Angela Merkel verheiratet. Weil im Osten Frauen schon so viel früher emanzipiert waren, kann man sagen: In besagten Wohnzimmern zwischen Rostock und Annaberg-Buchholz gibt es Tausende selbstbewusste und mächtige Frauen, die sich im Zweifel einfach durchsetzen gegen ihre Männer. Das ist toll, die ostdeutsche Frau ist stolz und selbstsicher. Nur reagiert der wütende ostdeutsche Mann halt falsch darauf. Er wird nämlich offenbar sauer. Der ostdeutsche Wutmann, das ist sein Gefühl, hat nirgends mehr etwas zu sagen.

Wenn klassische Männlichkeitsbilder verschwinden, wie es der Ostbürgerrechtler Frank Richter (ein übrigens sehr erfolgreicher Ostmann von 57 Jahren) jetzt nach der Wahl allenthalben erzählt, wenn nur die Frauen sich richtig durchsetzen können, dann bricht sich bei einigen Männern offenbar die völlige Wut Bahn. Der Ostmann hat nach 1990 vielfach auf Karriere verzichten müssen, Karriere im Nachwendedeutschland haben 20 Jahre lang die Westmänner gemacht. Schlimmer noch: Nach 1990 hauten die Frauen aus dem Osten ab, dafür kamen die Westmänner rüber und regierten. Die Wut auf Angela Merkel im Osten erklärt Frank Richter jedenfalls auch damit, dass viele ostdeutsche Männer sich ärgern – weil die ostdeutschen Frauen so viel erfolgreicher waren.

Jetzt hat sich der wütende Teil der Ostmänner also ein Ventil gesucht, er hat sich über die AfD ins Parlament gewählt. Wobei da dann, schon wieder, viel Tragik drinsteckt. Da wählt der wütende Ostmann also AfD und wen bekommt er, wer führt diese Partei? Entweder durch und durch westdeutsche Männer (Meuthen), oder westdeutsche Männer, die nach 1990 in den Osten kamen (Höcke), oder Frauen (von Storch, Weidel, bis vor Kurzem noch Petry). Nicht mal in der Protestwahl steigt sein Einfluss, es ist beinahe lustig.

Wenn man Forscher fragt, was viele Ostmänner eigentlich so beschäftigt, lautet die Antwort oft: das Gefühl, in besonderer Weise vom Diskurs abgeschnitten zu sein, in besonderer Weise nicht mehr gefragt zu werden, das sei unter Männern im Osten verbreitet wie nirgends sonst. Damit ist überhaupt nicht zu rechtfertigen, dass Leute zu Pegida laufen oder AfD wählen, aber erklären kann es das eben schon, neben vielen weiteren Erklärungen: Wer den Bruch von 1989 mitgemacht hat, wer dann die teilweise noch viel härteren Brüche der Neunzigerjahre mitgemacht hat, wer schließlich zu Hause sitzt in Löbau und sich fragt, wo denn nun sein Draht ist zu den Diskursen dieser Welt – der fängt offenbar schneller an, zu grollen.

In gewisser Weise könnte die Chance für Deutschland darin liegen, sich diese ostdeutschen Männer ganz genau anzugucken. Das Ende der DDR, der Komplettwandel des Ostens nach 1990 sind eine Art Entwicklungsbeschleuniger gewesen. Der Osten hängt nicht hinterher, sondern er ist vorneweg, wenn auch nicht unbedingt im Guten: die Landflucht, die Abwanderungswelle, die Ausdürrung der Provinzen, die im Osten binnen weniger Jahre stattgefunden hat, wird an anderen Orten Deutschlands und der Welt ein Phänomen der nächsten Jahrzehnte sein. Dass mobile junge Frauen eher aus entlegeneren Provinzen fliehen und Männer eher zurückbleiben, ist das Ostphänomen der Nachwendezeit gewesen, aber es kann überall wieder so passieren. Die demografische Entwicklung in einem Land wie Rheinland-Pfalz geht so langsam vonstatten, dass man sie täglich neu ignorieren kann, aber irgendwann kommt der Tag, an dem man sich fragt: Wie konnten wir das übersehen? So war es ja auch in den USA, als auf einmal Trump regierte, gewählt nicht zuletzt von sehr vielen unzufriedenen Männern.

Uns jüngere Ostmänner nimmt das jetzt in die Pflicht. Der junge Ostmann ist ja mit irrwitzigen Chancen gesegnet: Er kennt beide Welten, er spürt die Nachwehen der Wendezeit ebenso wie jene der Neunzigerjahre, er war schneller in Verantwortung als jeder gleichaltrige junge Mann im Westen, weil die Generation vorher im Osten eben vielfach ausfiel. Der junge Ostmann kann erklären, was die Alten umtreibt.

Schauen Sie sich Toni Kroos an, diesen jungen Fußballer aus Rostock, der schon lange bei Real Madrid spielt. Der muss nicht toben wie Ballack und ist der selbstverständliche Leader. Der kann auch ganz locker die Kanzlerin gut finden ("Es lebe Angie!!", hat er getwittert nach dem TV-Duell), der hat keine Komplexe mehr, ich mache mir um unsere Zukunft gar nicht so viele Sorgen.

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