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Digitale Familie: Der Wahnsinn in den Patschehänden

Von Fidget Spinner bis Water Bottle Flip Trick, Kinder kennen ihre Trends. Eltern wiederum müssen das nächste große Ding nicht verstehen, sie müssen nur eines: aushalten.
Ten-year-old Louis Wuestenberg plays with a fidget spinner in a park in New York on May 23, 2017. It was supposed to calm nerves, relieve stress and improve concentration but the new-anti fidget toy spreading fast through US and European schools is whipping up anger among teachers on both sides of the Atlantic. Just months after the "fidget spinner" first whirled its way into the hands of antsy youngsters, some schools have already banned it -- sparking a debate about difficulties children experience concentrating. © Jewel Samad/AFP/Getty Images

"Guck mal, kannst du das auch?" Die Freundin meines Sohnes hält irgendetwas in der Hand, ich bin gerade ein wenig abgelenkt. Wir stehen zum ersten Mal in der Umkleide ihrer Kita, und ich bin auf der Suche nach ihrer Jacke. Ich durchwühle leicht angestrengt die Kleiderhaken und sehe aus dem Augenwinkel, dass die Fünfjährige meinem Sohn etwas zeigt. Und dann höre ich ihn jauchzen. "Papa, ein Fitness-Schpinner!" Ich schaue zu den Kindern und sehe das drehende Rad zwischen ihren Fingerchen. Dann hole ich tief Luft. Ich weiß, was jetzt kommt. 3, 2, 1 – "Papa, ich will auch so eins haben!" Wir sind nun offiziell infiziert.

Ich habe keine Ahnung, wie das Kind überhaupt Wind bekommen hat von dem Trend um diese unsäglichen Fidget Spinner. Erzählen sich Fünfjährige heutzutage im Kita-Morgenkreis von solchen Sachen? Habe ich ihm vielleicht selbst versehentlich ein YouTube-Video gezeigt? Vor einigen Tagen erzählte er mir zum ersten Mal von diesem "Fitness Schpinner", so nennt er die. Ich habe kurz überlegt, ob ich ihn korrigieren soll, habe aber nur gelächelt. "Geht vorbei", dachte ich. Jetzt sind wir auf dem Weg zur Eisdiele, die beiden Kleinen sitzen hinten im Auto und reden über nichts anderes. "Ich kann den sogar auf einem Finger drehen", sagt die Freundin meines Sohnes. Der wiederum ist verblüffend still für seine Verhältnisse. Aus der Nummer komme ich nicht mehr raus.


Ich hätte es ahnen müssen, seit Wochen bahnt sich das Unheil an. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich dieses Video zum ersten Mal in meiner Timeline gesehen habe. Der Typ dreht einen Fidget Spinner zwischen den Fingern und sagt: "Wenn du gestresst bist, nimm das. Aber wenn du wirklich gestresst bist ..." Er legt den Spinner zur Seite, greift sich stattdessen eine riesigen Ventilator und dreht ihn an. "Dann nimm das!" Ich musste sehr lachen, als ich das sah. Aber dann googelte ich, was genau ein Fidget Spinner eigentlich ist.

Mittlerweile weiß das jeder. Meine Facebook- und Twitter-Timelines sind voller Trend-Artikel, Marketing-Branchenanalysen ("Alles entstanden durch YouTube!"), genervten Satiren – das volle Programm. Auf giphy.com gibt es sogar Fidget-spinnende Katzen. Und Hunde. Wir haben Meme-Alarmstufe Dunkelrot. Im Büro ging kürzlich eine E-Mail an alle: "Hat jemand einen Spinner dabei? Wir brauchen den für einen Präsentation. SOFORT." Ich hatte keinen Spinner, aber ich habe den Kollegen den Link zum neuesten Video von Dude Perfect geschickt. Die sind die ultimativen YouTube-Experten für atemberaubende und vollkommen nutzlose Akrobatik, also moderne Männlichkeit. Das Video hat mehr als 28 Millionen Aufrufe nach knapp einer Woche.

Nun bin ich durchaus empfänglich für solche Trends. Den Sommer 2016 habe ich mit dem Schnippen virtueller Poké-Bälle verbracht und mich in der Mittagspause mit meinem elfjährigen Sohn auf der Berliner Museumsinsel verabredet, weil sich dort wirklich tolle Pokémons fangen ließen. Wir aßen Pommes und lungerten in der Nähe einer Arena herum, bis sich eine gute Gelegenheit für einen Kampf ergab. Zwischendurch fingen wir Pokémon vom Typ Psycho, die in Berlin komischerweise besonders häufig auftraten. Mich hat daran die Verbindung von digitaler Spielwelt und echter Realität fasziniert. Aber so ein komisches analoges Drehdings, das im Wesentlichen ein Kugellager ist? Wofür steht das? Geht es vielleicht darum, bei einer globalen Bewegung mitzumachen, so absurd sie auch sein mag?

Nach dem Eis fahren wir zum Spielzeugladen, es hilft ja nichts. Ich schreibe meinem elfjährigen Sohn eine SMS, dass sein Bruder jetzt einen Fidget Spinner bekommt, ob er auch einen will. Wegen der Gerechtigkeit und so. Die Antwort kommt schnell: "Nein." Und dann: "Blöde Fidget Spinner."

Der Ältere hat sich in einer Art präpubertärer Verweigerungshaltung dafür entschieden, den Fidget Spinner doof zu finden und stattdessen den YouTube-Trend der vorherigen Saison neu für sich zu entdecken: Water Bottle Flip Trick Shots. Also das Werfen von zu einem Drittel gefüllten Wasserflaschen, die nach einer 360-Grad-Drehung elegant auf dem Flaschenboden landen. Oder auf dem Flaschendeckel. Oder auf der Nasenspitze eines betrunkenen Waschbären. Da ist vieles möglich, habe ich gelernt. Auch hier sind Dude Perfect das Maß aller Abgedrehtheit.

Man könnte diese Flaschenwurf-Tricks wunderbar dazu benutzen, um Thesen über die Magie des Unwahrscheinlichen zu extemporieren, über die Feier des Gelingens, ähnlich wie im Fußball. Aber das ist nicht mein Job. Mein Job ist, stoisch mit dem Handy die flippenden Wasserflaschen zu filmen, bis sie endlich dort landen, wo sie sollen und das Kind jubelnd aus dem Bild laufen kann. Dann soll ich ihm das Video auf sein Handy schicken, für die Schulfreunde morgens in der Tram.

Seinem kleinen Bruder kaufe ich einen Fidget Spinner für fünf Euro. Es ist ein blauer geworden, mit glitzernden Einsprengseln. Auf dem Weg nach Hause stellen wir fest, dass sich das Mittelstück etwas verschoben hat und der Kranz nicht rund umläuft. Wir haben ein mechanisches Problem mit einem YouTube-Trend. Daheim krame ich die Dose mit WD-40-Schmiermittel raus. Wir sprühen den Spinner ein, und der spinnt, wie nie zuvor ein Spinner geflutscht ist. Mein Sohn strahlt. Es ist das Beste, was ich als Vater tun konnte.

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