Der Bochumer Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Rolf G. Heinze über die soziodemografischen Faktoren des demografischen Wandels, die Notwendigkeit neuer sozialer Netze und eines innovativen Schnittstellenmanagements.

1. Wie werden die älteren Menschen zukünftig in Deutschland leben?
Prof. Heinze: Wir werden mehr hochaltrige Menschen haben und eine Feminisierung und auch Singlelisierung des Alters erleben. Immer mehr Menschen werden zumeist allein leben, und zwar vorwiegend Frauen, weil Frauen länger leben. Zugleich werden wir aber auch neuartige Netzwerke erleben, die es historisch betrachtet nie gab.


2. Welche Formen haben diese Netzwerke?

Prof. Heinze: Wir haben dann in manchen Fällen einen Vier-Generationen-Verbund: Alle werden generell deutlich älter und wohnen vielleicht verstreut über das Land. Die 90-jährige Oma lebt im Ruhrgebiet, die 60-jährige Tochter wohnt gegen Ende ihres Erwerbslebens in Stuttgart. Deren 30-jähriger Sohn hat zwar in Stuttgart studiert, ist aber wegen des Berufs nach München gezogen und hat eine dreijährige Tochter.


3. Aber das ist doch ein zerrissenes Netz?

Prof. Heinze: Nein, nicht in allen Aspekten. Die soziologische Forschung sagt, dass trotz dieser starken räumlichen Verteilung eine Netzwerkstruktur innerhalb des Familienverbundes fortbesteht. Es geht dann darum, die Kommunikation innerhalb dieses Netzwerks aufrechtzuerhalten und zudem neue Netzwerke im Wohnumfeld zu generieren. Dabei wird die Technik helfen.


4. Ungefähr 90 Prozent der Menschen wollen zu Hause altern. Was bedeutet das für Hilfe und Pflege?
Prof. Heinze: Erstens muss sich die Wohnungswirtschaft auf die Veränderungen einstellen; zweitens die gesamte Infrastruktur der pflegenden Berufe. Sie muss weniger stationäre, sondern mehr ambulante Modelle entwickeln. Dazu werden auch mehr ehrenamtliche oder bürgerschaftliche Hilfeleistungen benötigt. Es muss im Wohnquartier ein Netz sozialer Unterstützung geschaffen werden. Auch die Wohlfahrtsverbände müssen sich umstellen, ebenso wie sich die Mediziner viel enger mit den sozialen Diensten vernetzen müssen.


5. Wie sieht seniorengerechtes Wohnen zukünftig aus?

Prof. Heinze: Die Menschen wollen im Alter länger selbstständig in ihrem traditionellen Umfeld wohnen. Bei den zukünftigen Bedarfen steht die Sicherheit an erster Stelle. Das beginnt in der Wohnung, vor allem in Bad und Toilette etwa mit Duschen ohne Rand. Es geht generell darum, Stürze zu verhindern. Sie sind die häufigste Ursache für den Beginn einer „Pflegekarriere“. Licht spielt dabei eine große Rolle, etwa damit man nicht stolpert. Das gilt auch für den Gang aus dem Haus. Sensoren und Schaltungen, die dies nicht nur registrieren, sondern auch den Herd abstellen oder die Fenster verriegeln und sichern, werden benötigt. Dann eine Beleuchtung, die selbsttätig angeht, sobald sie die Wohnung verlassen oder aus dem Haus gehen.


6. Wird die Wohnung neben Arztpraxis, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zum „dritten“ Gesundheitsstandort?

Prof. Heinze: Dies wird sich stark entwickeln, weil Menschen, etwa mit leichten Gebrechen oder chronischen Erkrankungen zuhause bleiben können und dort telemedizinisch betreut werden. In einer umgebauten Wohnung, ausgerüstet mit entsprechenden Sensoren und anderer technischer Assistenz. Dadurch werden immer mehr Menschen, auch über das 80. Lebensjahr hinaus, zuhause bleiben und dort auch sicher leben können.