Wer war Augustus? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Werner Tietz, außerplanmäßiger Professor für Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Forschungsschwerpunkte sind die römische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Er arbeitet an einem Projekt zum Netzwerk der römischen Villen am Gardasee. Interview: Olga Tsitiridou M.A., Klassische Archäologin

(c) Prof. Dr. Werner Tietz / Akademischer Oberrat an der LMU für Alte Geschichte

Herr Professor Tietz, in einer besonders schönen Szene im Roman "Augustus" von John Williams reist der Kaiser, wenige Tage vor seinem Tod, auf einem Schiff nach Capri und schreibt "in der Stille dieser Nacht und unter der rätselhaften Geometrie der Sterne" einen Brief an seinen Freund Nikolaos von Damaskus.
Das passt sehr gut zur Persönlichkeit des Augustus und es wundert nicht, dass ihm so etwas gefällt. Die Ordnung des Himmels, der seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt, das trifft es eigentlich ganz gut. Augustus hätte den Sternenhimmel mit Sicherheit auch naturphilosophisch gesehen.

Was macht bis heute die Faszination von Augustus aus?
Augustus ist eine der bedeutendsten Personen der Weltgeschichte überhaupt, ohne ihn wäre sie sicher anders verlaufen. Denken sie an all die Länder mit den romanischen Sprachen. In seiner langen Regierungszeit hat er das römische Reich integriert, das ist eine Riesenleistung. (…)

Augustus´ Weg zur Macht war rigoros.
Er hat den Bürgerkrieg unter Anwendung von sehr viel Gewalt und ebenso vielen Toten beendet, aber für die Menschen, die danach kamen, war das ein großer Einschnitt, denn der Frieden war da. (…)

Gab es denn eine Wandlung vom blutigen Machthaber zum Friedensbringer?
Das ist natürlich zum Großteil das Ergebnis einer gutgeschmierten Propagandamaschine. Auch später hat Augustus mehrfach seine Verwandten in die Verbannung geschickt, zum Beispiel seine Tochter Julia, die ja eine große Rolle im Roman von John Williams hat. Er hat dabei rigoros durchgegriffen, nur zu diesem Zeitpunkt hatte er keinen realen Gegner mehr. Vermutlich waren deshalb die Maßnahmen nicht mehr Mord und Totschlag. Ein Charakterwandel  muss nicht dahinter stecken. Octavian war auf dem Weg zur Macht sicher skrupellos, das hatte er mit vielen Zeitgenossen gemeinsam, auch mit Marc Anton. Als er die Macht dann innehatte, ist das in ein Bedürfnis nach Stabilität und Berechenbarkeit umgeschlagen. (…)

"Die Züge zu zart für Schicksalsschläge, aus ihm könne ein müßiger Gelehrter werden, ein Literat", sagt Maecenas über Octavian bei John Williams.
Es gibt tatsächlich eine fiktive Rede von Maecenas, die überliefert ist, darauf spielt das wohl an. Augustus war ja immer krank, hatte viele Gesundheitsprobleme, die keiner so richtig ernst genommen hat. Ob er ein Gelehrter gewesen ist, kann man nicht genau sagen, aber er war sicher gebildet. Jeder römische Politiker musste eine sehr intensive Ausbildung durchlaufen, man musste unbedingt die lateinischen und griechischen Klassiker kennen, um sich nicht zu blamieren. Darin kannte er sich sicher sehr gut aus. (…)

Der sterbende Augustus fragt seine Freunde, ob sie den Eindruck hätten, dass er die Komödie des Lebens bis zum Ende gefällig gespielt habe. Das ist ebenfalls bei Sueton überliefert.
Über diese letzten Worte ist viel diskutiert worden. Sehr seltsam, denn sie fassen nicht sein Leben zusammen. Im Gegenteil! Man hätte etwa Ernsthaftes erwartet. Meines Wissens gibt es bis heute keine Erklärung.

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