Das kann man verstehen, denn die Neuseeländerin war mit 28 Jahren die jüngste Booker-Preisträgerin aller Zeiten und damit eine Sensation. Ihr Epos "Die Gestirne" umfasst über 1000 Seiten, auch das wird gern erwähnt. Der Vollständigkeit halber muss jedoch gesagt werden, dass diese Seiten beim Lesen einfach so dahinzufliegen scheinen. Das Schreiben ist keine Jagd nach Rekorden, sagt die Autorin. Wenn man "Die Gestirne" liest, weiß man: Das Schreiben ist ihre Leidenschaft, es bereitet ihr großes Vergnügen – und es ist ihr besonderes Talent.

Worum geht es in dem Buch? Der Schauplatz ist die Stadt Hokitika im wilden Westen Neuseelands, die Zeit der Handlung ist die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Stadt ist im Goldrausch, denn angeblich ist das Edelmetall hier zu finden. Die Ureinwohner von Hokitika interessieren sich überhaupt nicht dafür, aber die europäischen Einwanderer umso mehr. Der Schotte Walter Moody landet nach einer schweren Überfahrt in Hokitika und trifft im Raucherzimmer des Crown Hotel auf zwölf Männer, die sich merkwürdig benehmen. Sie ziehen Moody schließlich ins Vertrauen: Jeder von ihnen scheint in ein Netz von ungelösten Verbrechen verwickelt zu sein, das es aufzuklären gilt. Wo ist der reiche Mann geblieben, warum hat die opiumsüchtige Hure versucht, sich umzubringen – und woher hat der Säufer so viel Geld?

Nun beginnt der Kunstgriff der Autorin, sie lässt in zwölf Kapiteln einen nach dem anderen berichten, was aus seiner Sicht geschah. Moody und der Leser versuchen, die Puzzlesteine zusammenzusetzen, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Dabei wechseln nicht nur die Perspektiven, auch entpuppt sich der vermeintlich Gute schnell als Böser, aus Fieslingen werden plötzlich liebenswerte Figuren, und wirklich verlassen kann man sich auf nichts und niemanden. Nur auf die Astrologie, und hier kommt der zweite Clou: Der Roman hat eine astrologische Struktur. Die Hauptfiguren, deren Geschichten sich auf zwölf Kapitel verteilen, sind mit den zwölf Tierkreiszeichen assoziiert. Sie bewegen sich wie die Sterne auf vorbestimmten Bahnen, und die Kapitel werden gegen Ende immer kürzer, genau wie die Mondphasen. Was auf den ersten Blick vielleicht kompliziert klingt, ist nicht nur genial, sondern auch wahnsinnig komisch.

Immer wieder überrascht der Roman mit erstaunlichen Zufällen – oder ist es doch das Schicksal, das zuschlägt? Über all den verrückten Ereignissen steht eine Liebesgeschichte, hier müssen in gewisser Weise die Sonne und der Mond zusammen finden – wie soll das funktionieren? "Dieses Buch glaubt an das, woran ich glaube, es sucht, was ich suche, irrt sich, wie ich mich irre, und liebt, was ich liebe", sagt Eleanor Catton.

Die kongeniale Übersetzerin dieses Meisterwerkes, Melanie Walz, weiß genau, was passiert, sobald man sich in den Sog von "Die Gestirne" begibt: "Nach der Arbeit an diesem Text werde ich – darauf darf ich vertrauen – in der Lage sein, jederzeit in einem neuen Goldfundgebiet als Goldschürferlehrjunge zu arbeiten, notfalls auch in einem Wahrsagerbetrieb als Pseudomedium oder schlimmstenfalls als Schankkraft in einem mittelklassigen Bordell. Und all das verdanke ich Eleanor Cattons Roman."