Bücher über das Landleben werden meistens von Stadtmenschen geschrieben, die gern mit leicht überheblichem Blick über die Skurrilitäten des Lebens jenseits von Coffeshops und U-Bahn-Netzen berichten. Die Autorin Dörte Hansen ist anders, sie kommt vom Land, und sie lebt auf dem Land. Dieser Heimvorteil macht ihr Buch so lesenswert. "Altes Land" spielt genau dort, hier bestimmt die Apfel- und Kirschblüte das Leben der Menschen und entscheidet über ihre Zukunft. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Frauen: Vera, die 1945 als Flüchtlingskind im Alten Land gestrandet ist und es nie wieder verlassen will und ihre Nichte Anne, die aus der Großstadt zu ihr zieht. Vera, im Dorf mehr gefürchtet als geliebt, wohnt allein in ihrem riesigen Altländer Bauernhaus, das immer weiter verfällt. Anne ist eine erfolglose Musikerin, sie hat sich vom Vater ihres Kindes getrennt und sucht zusammen mit ihrem Sohn Leon bei Vera Zuflucht. Sie hält es nicht mehr aus in ihrem bisherigen Leben, das die Autorin so treffend wie amüsant charakterisiert: "Sie kaufte sich ein Brötchen, für sich selbst einen Cappuccino im Pappbecher, und schob die Kinderkarre Richtung Fischerspark, reihte sich ein in den Treck der Ottenser Vollwert-Mütter, die jeden Tag aus ihren Altbauwohnungen strömten, um ihren Nachwuchs zu lüften, die Einkäufe aus dem Bio-Supermarkt im Netz des Testsieger-Buggy, den Kaffeebecher in der Hand und im Fußsack aus reiner Schafwolle ein kleines Kind, das irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn in der Hand hielt." Mit Vera und Anne treffen zwei gescheiterte Existenzen aufeinander, könnte man denken, doch damit tut man ihnen Unrecht. Sie sind viel mehr als das, und gemeinsam entwickeln sie eine neue Kraft, die sie weiterträgt. Darin liegt die besondere Kunst der Autorin, sie schildert lädierte Seelen, die sich gegenseitig auf ihre Art helfen und ein Stück weit heilen.