"Humor kann ein gutes Mittel sein, um sich mit komplexen und ernsthaften Themen auseinanderzusetzen."

Ein Interview mit Rebecca Hunt über ihren Roman "Mr. Chartwell"

Es ist nicht leicht, ein Buch über Depression zu schreiben. Sie haben mit der Figur von "Black Pat", dem großen schwarzen Hund, eine sehr originelle und einprägsame Form gefunden. Was reizt Sie an dem Thema Depression? Sind Sie persönlich damit konfrontiert worden?

Es war sehr wichtig für mich, die Depression in "Mr. Chartwell" so ehrlich wie möglich zu beschreiben. Obwohl ich nicht selbst, so wie die Figuren des Romans, von Depressionen betroffen war, litten einige Menschen, die mir sehr nahe stehen, doch daran. Ich musste diese realen Erfahrungen nur mit Empathie und Vorstellungsvermögen verbinden, um ein Bild zu entwerfen, dass meines Erachtens die Depression getreu beschreibt. Winston Churchills schwarzer Hund als eigenständige Figur ermöglichte es mir, das höchst persönliche und einsame Leid anschaulich zu machen und damit das Thema im Detail zu betrachten. Mit der Figur von Black Pat konnte ich Emotionen in Form von Dialogen darstellen und somit einen größeren Zugang zu den anderen Figuren und ihrer Situation herstellen.

"Black Dog", der große schwarze Hund – so nannte Winston Churchill seine depressiven Phasen. Der Plot ihres Buches verläuft in den 60er Jahren und Churchill spielt darin eine zentrale Rolle. Wieso interessiert Sie diese historische Figur und ihre Zeit so sehr?

Als die Idee für das Buch entstand, wusste ich sofort, dass Churchill darin eine Hauptrolle spielen sollte. Der Begriff "Black Dog" ist im englischsprachigen Raum sehr eng mit ihm verbunden und daraus entwickelte sich auch letztendlich der Kern der Geschichte – die Idee, dass Churchills schwarzer Hund genauso gut der eines jeden anderen sein könnte. Beide Hauptfiguren des Romans, Esther und Churchill, werden mit dem Ende äußerst wichtiger Beziehungen konfrontiert. Im Falle Churchills ist es das Ende seiner politischen Karriere, die mehr als 60 Jahre umfasste. Mich hat es sehr interessiert, zu erkunden, wie diese Umbrüche im Leben unsere Identität in Frage stellen und uns zwingen, unser Selbstbild zu überprüfen.

Ihr Buch hat ja mit der Figur von Black Pat sehr absurde und humorvolle Züge. Stehen Humor und Depression also nicht im Widerspruch?

Ich glaube, dass etwas witzig sein kann, ohne zwangsläufig oberflächig sein zu müssen. Humor kann ein gutes Mittel sein, um sich mit komplexen und ernsthaften Themen auseinanderzusetzen. Im Roman ist vielleicht der schwarze Hund die lustigste Figur überhaupt. Trotz allen Humors ist man sich stets seiner mächtigen und gefährlichen Präsenz bewusst: Er ist vielleicht lustig, aber niemals harmlos. Mit Humor schafft er es, die Figuren des Romans in seinen Bann zu ziehen und zu schwächen und er ist richtig gut darin, ihn als Waffe einzusetzen.

Sie sind Malerin und haben im Central Saint Martins College in London Kunst studiert und Ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. Was führt sie auf einmal zur Literatur? Gibt es für Sie Berührungspunkte zwischen beiden Kunstformen?

Die Entscheidung, es mit dem Schreiben zu probieren, kam erst, als das Hauptmotiv für "Mr. Chartwell" stand und ich entdeckte, dass Schreiben und Malen sich in vielen Aspekten ähneln: In beiden Kunstformen geht es um das Erkunden und Kanalisieren einer Idee, um das Ausarbeiten eines Themas im ständigen Dialog mit sich selbst. Die Ausbildung in der Kunsthochschule war sicherlich eine gute Vorbereitung fürs Schreiben, da ich dort gefordert war, geeignete Mittel und Methoden zu finden, um eine Idee auszudrücken. Die drei ungemein tollen Jahre, die ich in Central Saint Martins verbrachte, waren vom Ideenaustausch geprägt und davon, diese in irgendeiner Form umzusetzen. Diese Lust am Experimentieren habe ich mir aus meiner Zeit im College hoffentlich bewahrt. Malen und Schreiben ähneln sich auch darin, dass sie einem viel Zeit mit sich selbst abverlangen und Tausende von Kaffeetassen kosten.

Sie waren mit Ihrem ersten Roman gleich auf der Longlist des Guardian First Book  Award und auf der Shortlist des Newcomer ofthe Year / Galaxy National Book Awards. Ihr Buch wurde bis jetzt schon in mehreren Sprachen übersetzt. Können wir hoffen, in nächster Zeit noch mehr von Ihnen zu lesen?

Es mag absurd klingen, aber mich überkam eine seltsame Art von Traurigkeit, als ich die Figuren aus "Mr. Chartwell" wieder verlassen musste, vielleicht weil ich so viel Zeit mit ihnen verbracht hatte. Ich fühlte mich ein bisschen, wie nach dem Ende einer großen Party. Vor allem fiel es mit schwer, mich von Black Pat zu verabschieden, weil das Schreiben über ihn so einen großen Spaß gemacht hatte. Nach dem Abschluss des Romans verbrachte ich lange Zeit mit der Planung und den Recherchen für ein neues Buch. Ich füllte hunderte von Seiten mit Notizen und wartete darauf, dass sich die neuen Figuren entwickeln. Es dauerte eine Weile aber langsam gewann das neue Projekt an Kontur. Ich befinde mich zur Zeit mitten darin und genieße es ungemein.

Fragen und Übersetzung von Elsa Antolín / Luchterhand Literaturverlag