Nehmen wir eine Berufsgruppe, auf deren Verstand und Rationalität wir vertrauen: Richter. Kahneman schildert, dass Richter nach vielen Arbeitsstunden ohne Pause viel seltener Bewährungsstrafen aussprechen als direkt nach der Mittagspause, in der sich ihr Körper erholt hat.

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In einem weiteren Experiment müssen Richter würfeln, bevor sie über Ladendiebstähle urteilen - und erstaunlicherweise hatte die gewürfelte Zahl Einfluss auf das Strafmaß: Hatten sie eine "3" geworfen, verhängten sie im Schnitt eine Strafe von 5 Monaten, bei "9" waren es 8 Monate. Unser Unterbewusstsein hat also viel mehr Macht, als wir bisher geahnt haben und ist fehlbar – und das kann verhängnisvolle Folgen haben.
Relativ harmlos aber eindrucksvoll ist folgendes Experiment: Über einer Kaffeekasse in einem Büro wurde jede Woche ein neues Bild aufgehängt: Mal war es ein Augenpaar und mal ein Blumenbild. In den Wochen mit dem Augenpaar zahlten die Benutzer der Kaffeeküche fast drei Mal so viel Geld in die Kasse ein wie in den Wochen mit den Blumenbildern. Der Verstand aller Probanden wusste mit Sicherheit, dass das Bild mit dem Augenpaar sie nicht beobachten konnte - aber das Unterbewusstsein hat gehandelt.

Denken hilft
Wir sind also keine rationalen Wesen, aber auf unsere Intuition können wir uns auch nicht immer verlassen. Stattdessen wechseln wir zwischen den beiden Denkarten permanent hin- und her, ohne darüber Kontrolle zu haben – aber wie können wir das ändern? Im Buch wird erklärt, wie wir beide Systeme besser beobachten und miteinander verknüpfen sollten, dann würden viele unserer Entscheidungen besser ausfallen. Im besten Falle kann der Verstand die Intuition überprüfen und dann entsprechend ersetzen oder ergänzen.
Kahneman, der als einziger Psychologe mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, hat vier Jahre an seinem umfangreiches Buch geschrieben. Wer es liest und seinen Denkaufgaben folgt, erweckt womöglich die ein oder andere Gehirnwindung aus dem Tiefschlaf und beobachtet sich in Zukunft beim Denken sehr viel genauer. Gleichzeitig macht es den Wissenschaftler so sympathisch, dass er am Ende seiner Ausführungen gesteht: "Bis auf einige Effekte, die ich überwiegend auf mein Alter zurückführe, ist mein intuitives Denken heute noch genauso anfällig für Selbstüberschätzung, extreme Vorhersagen und den Planungsfehlschluss wie vor meinen Studien über diese Themen."
Am Ende gibt es nur zwei Gewissheiten: Denken hilft - und dieses Buch kann unser Denken verändern.