"Als Kolumnist kannst du es auch keinem recht machen. Egal, was du tust, es ist immer verkehrt", schrieb Harald Martenstein im vergangenen Sommer. Diese Erkenntnis verschafft ihm eine ungeheure Freiheit. Er schreibt einfach, was er will – und genau das macht ihn so gut. "Nettsein ist auch keine Lösung" heißt sein neuer Kolumnenband, in dem er "Einfache Geschichten aus einem schwierigen Land" vereint. In seinen Texten geht es um Politik oder die ewigen Abgründe zwischen Mann und Frau, um seine späte Vaterschaft oder den eigenen Hund. Alltagsprobleme haben bei Martenstein den gleichen Stellenwert wie die Griechenland-Krise oder der Islam. Als der Tagesspiegel-Redakteur in seinen Kolumnen für das ZEIT-Magazin begann, sich mit Themen wie politischer Korrektheit, dem Feminismus oder seinem Leben als später Vater auseinanderzusetzen, dachte er sich nichts dabei: "Halten Sie mich gern für naiv, aber ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ, als ich den ersten Text dieser Art geschrieben habe." Es folgten unzählige Kommentare und Briefe, die von wüsten Beschimpfungen bis hin zu Lobgesängen reichten, und in kürzester Zeit war Martenstein für die einen zum Feindbild, für die anderen zu einer Art Held geworden. Er selbst sieht sich eher als Hofnarr, und mit fast diebischer Freude lässt er in seinem neuen Buch einige seiner Kritiker zu Wort kommen, indem er ihre teils absurden, teils auch weiterführenden Kommentare an seine Texte anhängt.

Martenstein ist überzeugt, dass er nicht nur ein egozentrisches Arschloch sein darf, sondern sogar eins sein muss, um als Autor zu überzeugen. "Feiglinge können keinen guten Text schreiben", sagt er und ergänzt: "Gute Menschen schreiben selten Texte, an die man sich erinnert." Das habe schon Jesus gewusst und entsprechend lieber seine Evangelisten schreiben lassen. Genau diese Vergleiche sind es, die Martensteins Gegner auf die Palme bringen und seine Jünger glückselig machen.