Man kennt den bedeutendsten Literaturkritiker der Gegenwart als jemanden, der sich ereiferte, aufregte, und mitunter sehr hart mit den Autoren ins Gericht ging. Mit dem "Literarischen Quartett" hat er Fernsehgeschichte geschrieben, Bestseller generiert und die Menschen vor den Bildschirmen für Literatur begeistert. Marcel Reich-Ranickis Leidenschaft und seine tiefe und ehrliche Hingabe zur Dichtkunst wird auch mit dem aktuell erschienenen Buch "Meine Geschichte der deutschen Literatur" deutlich. Ein Jahr nach seinem Tod im Alter von 93 Jahren brachte sein Freund und Nachlassverwalter, der Marburger Germanistikprofessor Thomas Anz, diese Sammlung heraus. Sie umfasst Reich-Ranickis beste Texte über die deutsche Literatur: Rezensionen und Reden, Aufsätze und Essays. Thomas Anz hat sie chronologisch geordnet, so beginnt der Überblick mit Walther von der Vogelweides Gedicht "Under der linden" und endet mit Patrick Süskinds Roman "Das Parfum". 61 Autoren werden vorgestellt, da dürfen natürlich weder Goethe noch Heine fehlen, auch Büchner, Storm und Fontane werden besprochen. Bekannte Autoren wie Kafka, Brecht und Grass sind dabei, aber auch Literaten, die weniger häufig besprochen werden, wie Ludwig Börne, Ricarda Huch oder Peter Weiss finden Anerkennung. Als Literaturhistoriker und Literaturkritiker hatte Reich-Ranicki Zeit nur ein Ziel, er wollte auch seine Mitmenschen zu "Liebhabern der Literatur" machen. Dass er selbst die deutsche Literatur nicht unkritisch liebte, sondern sich oft an ihr gerieben hat, ist bekannt.