An einem Septembertag 2014 hatte es Premiere: das "Gauss-Motorrad", benannt nach einem der größten deutschen Wissenschaftler, der allerdings nur Pferd und Wagen kannte. Dabei wurden auf dem Griesheimer Flugplatz Spitzengeschwindigkeiten erreicht. Dafür sorgten die neu entwickelten Batteriemodule, der Motor – ein Kraftzwerg mit nur zehn Kilogramm Gewicht – und die besonders effiziente Energierückgewinnung.

Das rund 40-köpfige Team von Professor Hans-Peter Bauer hatte das Bike an der Hochschule Darmstadt in vielen studentischen Projektarbeiten zuerst am Computer entwickelt und danach gebaut. Ein spektakuläres Beispiel für praxisnahe Forschung der HAWtech, einer Allianz von sechs Hochschulen aus Aachen, Berlin, Darmstadt, Dresden, Esslingen und Karlsruhe. Seit 2009 streben die Hochschulen eine enge Kooperation an. Ziel ist nicht nur der wechselseitige Transfer von Know-how, die 61.000 Studierenden sollen auch leichter zwischen den Hochschulen wechseln können. "Getragen werden wir von einer gemeinsamen Idee", sagt Professor Marcus Baumann, Rektor der Fachhochschule Aachen und Sprecher der HAWtech: "Lehre und Forschung für die Menschen, praxisnah und anwendungsorientiert, immer mitten im Leben." Damit der Weg zwischen Wissenschaft und Anwendung kurz bleibt, kooperieren alle Hochschulen mit der mittelständischen Wirtschaft ihrer Region. Gemeinsam mit international operierenden Partnerunternehmen verstärken sie so auch ihre globale Ausrichtung.

Wie stark die Forschung auf alltägliche Herausforderungen ausgerichtet ist, zeigen Beispiele aus Biotechnologie oder Krebstherapie, Energiemanagement oder Kommunikation. Bei zahlreichen Projekten stehen Energieerzeugung und -einsparung im Mittelpunkt – so auch an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden: Im Rahmen der Sächsischen Landesexzellenzinitiative am Exzellenzcluster "European Centre for Emerging Materials and Processes" (ECEMP) ist das Forschungsinstitut Fahrzeugtechnik (FiF) unter Leitung von

Professor Gennadi Zikoridse beteiligt. Die Wissenschaftler entwickeln neuartige keramische Thermoelektrische Generatoren (TEG), die Abwärme in elektrischen Strom umwandeln. Am Institut steht auch ein aktuelles, vor allem für die Autoindustrie wichtiges Thema im Mittelpunkt: neue Techniken zur schadstoffarmen Verbrennung. Zudem geht es um effiziente Antriebssysteme. Ziel ist es, nicht nur die Emissionen zu senken, sondern auch den Wirkungsgrad zu erhöhen. Darüber hinaus erforschen die Dresdener Wissenschaftler neue Mobilitätskonzepte und Strategien zur nachhaltigen Entwicklung der Elektromobilität.

Impulse für die Energiewende setzt auch die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin). Energieforschung gehört hier zu den leistungsstärksten Forschungsschwerpunkten. In 14 Studiengängen arbeiten 44 Professorinnen und Professoren an intelligenten Konzepten und Technologien für Energieversorgung,-einsparung, -verteilung und -rückgewinnung. Durch die enge Vernetzung mit den Anwendern konnte die HTW Berlin in der Windenergie- und Solarforschung sowie beim klimagerechten Bauen wichtige Beiträge zur Umsetzung der Energiewende sowie zur Energieeffizienz von Gebäuden und zur nachhaltigen Produktion leisten. Das Thema Energie wird an der HTW Berlin nicht nur als technische, sondern als ganzheitliche Herausforderung betrachtet und um informationstechnische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte erweitert.

Solarthermie ist ein zentraler Forschungsbereich an der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft. Zusammen mit Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft wurde hier weltweit zum ersten Mal ein Solarkollektorfeld mit einer Dampfstrahlkältemaschine verbunden. Diese Maschinen werden mit Dampf betrieben und wandeln Wärme in Kälte um. Durch die neuartige Kombination können Gebäude im Winter geheizt und im Sommer gekühlt werden – ganz ohne klimaschädliche Emissionen. "Schon als wir 1999 in Dänemark die erste mit Fernwärme betriebene Dampfstrahlkälteanlage installiert haben, war es eine unserer Visionen, die Anlage mit Dampf aus Solarkollektoren anzutreiben", erinnert sich Projektleiter Professor Michael Kauffeld.

In etlichen Lebensbereichen ist der Mensch darauf angewiesen, dass Produkte funktionieren und Prozesse reibungslos ablaufen: zum Beispiel bei Medikamenten, Lebensmitteln oder in der Energieerzeugung. Am Institut für Nano- und Biotechnologie der FH Aachen (INB) entwickeln die Wissenschaftler Sensoren, die den Menschen bei der Kontrolle solcher Prozesse und Produkte unterstützen. So arbeiten die Wissenschaftler unter Leitung von Professor Michael Schöning an der Entwicklung einer "elektronischen Nase", die bei der Abfüllung von Lebensmitteln die aseptische Sterilisation überprüfen kann. Andere Sensorchips unterstützen den optimalen Betrieb von Biogasanlagen, damit bei Störfällen schnell reagiert werden kann. Aus chemischen Reaktionen von Zellkulturen auf einem Chip werden neue Erkenntnisse über Wundheilungsprozesse gewonnen.

Um Gesundheit geht es auch in einem weiteren Projekt der Hochschule Darmstadt mit Partnern aus Irland, Großbritannien und Griechenland. Im Fachbereich Informatik werden Verfahren entwickelt, um Ärzten bei der Diagnose und Therapie von Haut- und Brustkrebs mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen zu unterstützen. "Bisher sind viele der neuen Forschungsergebnisse noch nicht im Klinikalltag angekommen", so Projektleiter Professor Bernhard Humm. Daher werden Informationen aus Genomanalysen und Datenbanken mit denen aus elektronischen Gesundheitsakten verknüpft, um Rückschlüsse auf ähnliche Symptome und Krankheitsverläufe ziehen zu können.

Das Thema Kommunikation steht in einem Projekt am Campus Göppingen der Hochschule Esslingen im Mittelpunkt: Dem After-Sales-Sektor der Industrie fehlt häufig die Vernetzung mit anderen Bereichen, wie Vertrieb und Marketing. "Hardware wie Smartphone oder Tablet ist vorhanden – die Software, um kundenorientierte und wirtschaftliche Vorteile auf allen Seiten zu gewährleisten, jedoch selten", erläutert Professor Rainer Elste von der Göppinger Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen. Digitale Unterstützung des Service verbessert die Abläufe, erhöht die Qualität, entlastet Mitarbeiter und gibt dem Vertrieb wichtige Hinweise. Ein anderes Projekt der Hochschule Esslingen forscht zum Thema Diskriminierung an Schulen. Dabei wurde ein Konzept zur Prävention und Bearbeitung von Diskriminierung entwickelt, das Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis gibt.

Auf diese Weise entwickelt die HAWtech in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und anderen Institutionen Produkte und Methoden, die dabei helfen, die Lebensqualität aller Menschen zu verbessern.