Inter- und Transdisziplinarität stehen im KWI ganz vorn, da wissenschaftliche Erkenntnis problembezogen angeleitet sein muss und Probleme sich in der Regel nicht nach Fächergrenzen ordnen lassen. Kein Wissenschaftler, schrieb der Naturwissenschaftler Erwin Schrödinger 1932, "ist je nur Botaniker, nur Physiker, nur Chemiker. Vormittags auf dem Katheder spricht er wohl der Hauptsache nach bloß von seinem Fach. An demselben Abend sitzt er in einer politischen Versammlung, hört und spricht ganz andere Dinge, steht ein andermal im Kreis einer Weltanschauungsgemeinde, wo wieder von anderem die Rede ist. Man liest Romane und Gedichte, geht ins Theater, treibt Musik, macht Reisen, sieht Bilder, Skulpturen, Architektur – und vor allem, man liest und spricht viel über diese und andere Dinge."

Das ist heute selten der Fall. Schon Nachwuchswissenschaftler werden früh Spezia- listen eines schmalen Teilgebiets ihrer Teildisziplin, und obwohl Interdisziplinarität in allen Leitlinien der Forschungsförderung steht, wird eher fachliche Qualifikation belohnt und haben es über- greifende Bewerbungen bei Berufungen und in den Gutachtergremien schwer. Das KWI ist als Teil einer inter- disziplinären Einrichtung gegründet worden und versucht diesem Anspruch in seiner all- täglichen Arbeit zu genügen. Es bemüht sich im Übrigen, transdisziplinär zu arbeiten, also nicht nur über Menschen zu forschen, sondern nach Möglichkeit auch mit ihnen. Denn die "Weisheit der Vielen" muss ihren Platz haben, weil sie zur gesellschaftlichen Urteilsbildung gehört. Dabei gilt es, global zu denken und lokal zu handeln, also Fragestellungen der Weltgesellschaft vor Ort mit den Methoden qualitativer Sozialforschung zu bearbeiten. Das Ruhrgebiet ist dafür ein bestens geeignetes Laboratorium und Experimentierfeld.

Schließlich ist ein Teil der KWI-Projekte der transformativen Forschung gewidmet, also der Übersetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Politik- und Gesellschaftsberatung und in die Einleitung sozialen, wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Wandels. Konsequenzen wissenschaftlicher Einsichten, etwa zum gefährlichen Klimawandel, zu verschweigen, wäre weltfremd und unverantwortlich. Die am KWI eingerichteten Forschungsbereiche KlimaKultur und PartizipationsKultur arbeiten in diesem Sinne, aber auch klassische geistes- und kulturwissenschaftliche Themen werden stets bearbeitet.

Häufig kommt es am KWI zu ungewöhnlichen Begegnungen. Einmal diskutieren Physiker mit Philosophen, Chronobiologen, Soziologen und Polarforschern über "Zeit und Wandel", ein anderes Mal besprechen Stadtplaner mit Kunsthistorikern, Bauingenieuren und Mobilitätsforschern das Design nachhaltiger Städte. Dann treffen Muslime verschiedener Herkunft und theologischer Ausrichtung auf- einander, um auszuloten, wie ein "europäischer Islam" gestaltet sein könnte, wieder ein anderes Mal steht die Frage im Raum, wie geflohene Wissenschaftler- und Publizistinnen in der akademischen Welt in Deutschland und Europa Platz finden. Zuletzt wurde über das Thema "Freiheit heute" und über die Begriffe Wahrheit und Wirklichkeit in "post- faktischen" Zeiten gestritten. Des Öfteren sind aus solchen Treffen Projekte und Forschungslinien entstanden. Im Zentrum steht dabei am KWI stets die Freude am Denken.

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KWI Essen
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