Aus den Spanplatten der alten DDR-Möbel drang beißender Formaldehyd-Geruch, und die Forschung auf dem Gebiet der elektronischen Informationsverarbeitung steckte kurz nach der Wiedervereinigung in den Kinderschuhen.  

Fettweis war zudem einen hohen Wissenschaftsstandard gewöhnt: Er hatte nach seiner Promotion im kalifornischen Silicon Valley für IBM Research gearbeitet und im Auftrag einer weiteren Firma Signalprozessoren für Mobiltelefone entwickelt. Doch Fettweis hatte eine Vision, als er seine Professur an der Technischen Universität Dresden antrat: "Ich wollte ein interdisziplinär arbeitendes Wissenschaftler-Team aufstellen. Ich wollte Forschung in Kooperation mit anderen Forschern betreiben. Und ich wollte Starts-ups gründen und dadurch den Standort wirtschaftlich nach vorne bringen", fasst der gebürtige Antwerpener zusammen. Inzwischen braucht die Stadt im Freistaat Sachsen den Vergleich mit dem Mekka der IT-Branche in den USA nicht mehr zu scheuen. Dresden gilt als internationales Zentrum für die Elektronikforschung, an dem Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen im Verbund forschen.

Interdisziplinarität, also das gemeinsame Entwickeln und Nutzen von Ansätzen, Denkweisen oder Methoden verschiedener, ist aus der heutigen Wissenschaft und Forschung nicht mehr wegzudenken, bestätigt Matthias Bergmann vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt am Main: "Komplexe gesellschaftliche Probleme tun uns nun einmal nicht den Gefallen, sich von einem Akteur lösen zu lassen. Sie brauchen Interdisziplinarität, und zwar eine, die stark darin ist, gemeinsam Methoden und Konzepte zwischen den beteiligten wissenschaftlichen Fächern zu erarbeiten. " Bergmann entwickelt, leitet und evaluiert seit vielen Jahren transdisziplinäre Forschungsvorhaben in der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung. Unter Transdisziplinarität ist zu verstehen, dass nicht nur Wissenschaftler an einem Projekt beteiligt sind, sondern dass auch Praxispartner aus Zivilgesellschaft, Politik oder Wirtschaft in den gemeinsamen Lernprozess eintreten. Das Problem bei solchen Forschungsverbünden sei oftmals, dass die Teilnehmer unterschiedliche Vorstellungen von Zeitabläufen oder Hierarchien haben und verschiedene Werte sowie Forschungsziele verfolgen.

Virtuelle Akademie für Interdisziplinarität

"Deshalb haben wir am ISOE angefangen, Leitfäden zu erstellen, mit denen die Kollegen ihre Projekte gut durchführen können. Außerdem unterstützen wir Vertreter von Verbünden durch Workshops zu integrativer und partizipativer Forschungsarbeit", sagt er. Seit diesem Jahr beteiligt sich Bergmann an dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Vorhaben "TransImpact". TransImpact will durch die Analyse abgeschlossener Forschungsverbundprojekte herausfinden, mit welchen Methoden diese erfolgreich hinsichtlich der gesellschaftlichen Wirkungen verlaufen seien. Mit den Ergebnissen aus diesem und früheren Forschungsvorhaben soll am Ende die erste Stufe einer "Virtual Academy for Transdisciplinarity Studies" entstehen. In der virtuellen Akademie soll das gewonnene Wissen veröffentlicht und künftig durch weitere Erkenntnisse ergänzt werden.