Ingrid Wünning Tschol, die Direktorin des Bereichs "Strategische Entwicklung" der Robert Bosch Stiftung, wäre bei der Suche nach der geeigneten Wissenschaftlerin für ein Gremium fast gescheitert – da hatte sie die Idee zu AcademiaNet. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel das neue Portal am 2. November 2010 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften freischaltete, konnte die Initiatorin noch nicht ahnen, dass die Datenbank schon bald mehr als 2400 Profile von hoch qualifizierten Wissenschaftlerinnen aus 40 Fachgebieten und mehr als 35 Ländern enthalten würde. Und dass AcademiaNet mit regelmäßigen internationalen Treffen zum Forum für einen lebendigen Austausch von Wissenschaftlerinnen würde und sich damit nicht nur in der virtuellen, sondern auch in der realen Welt etablieren könnte.

Auswahlkriterien garantieren Qualifikation


Das entscheidende Qualitätsmerkmal von AcademiaNet im Vergleich zu anderen Datenbanken ist seine Qualifikationsgarantie: Die Teilnehmerinnen können sich nicht selbst bewerben, sondern müssen von einem Wissenschaftspartner nominiert werden. 48 große europäische Forschungsorganisationen aus 18 Ländern unterstützen AcademiaNet, indem sie Kandidatinnen für das Portal benennen. Dazu gehören neben der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Deutschland auch viele europäische Partnerorganisationen wie beispielsweise die Royal Society, der Schweizer Nationalfonds, die Finnische Akademie der Wissenschaften oder die sieben britischen Research Councils. Die Auswahlkriterien sind hoch angesetzt: Neben hervorragenden wissenschaftlichen Qualifikationen, nachgewiesen etwa über Publikationstätigkeit, Preise, eingeworbene Drittmittel und Fachvorträge auf Konferenzen, müssen die Wissenschaftlerinnen auch über Führungserfahrung sowie ein klar erkennbares wissenschaftliches Profil verfügen.

No more excuses – hier sind die exzellenten Wissenschaftlerinnen


Immer noch sind erst rund 21 Prozent der am höchsten dotierten Professuren in der EU mit Frauen besetzt; in Deutschland ist der Anteil mit 18 Prozent sogar noch geringer. Ähnliche Zahlen gelten für wichtige Gremien und Kommissionen, die über Forschungspreise, Berufungen und Fördergelder entscheiden. Politik und Wissenschaft sind sich inzwischen einig, dass die geringe Zahl führender weiblicher Wissenschaftler bedeutet, dass vorhandenes Potenzial nicht genutzt wird. Der Grundgedanke von AcademiaNet ist: Es mangelt nicht an exzellenten Wissenschaftlerinnen, die hoch qualifiziert und geeignet sind, akademische Führungspositionen hervorragend zu besetzen – sie sitzen jedoch nicht auf Stellen, an denen sie eine starke Wirkung entfalten können. Zudem wird bei der Besetzung von Gremien zunächst in bestehenden, immer noch vorwiegend männerdominierten Netzwerken gesucht. Selbst diejenigen, die gezielt nach Frauen suchen, werden im Zweifelsfall daher bei Männern viel schneller fündig als bei Frauen – sofern sie nicht ein Instrument an die Hand bekommen, mit dem sie gezielt auch Frauen finden können. Genau das bietet AcademiaNet: Die Datenbank bereitet die Profile exzellenter Wissenschaftlerinnen für diejenigen auf, die Lehrstühle, wissenschaftliche Gremien oder Panels gerne mit Frauen besetzen würden, aber in ihrem Umfeld keine geeigneten weiblichen Bewerber finden. Seit der Gründung im Jahr 2010 ist AcademiaNet von 500 – zunächst nur deutschen – auf heute über 2400 internationale Profile kräftig gewachsen. "Hier sind sie, die herausragenden Wissenschaftlerinnen. Die Entschuldigung, es gäbe keine qualifizierten Frauen bzw. man könne keine finden, zählt heute nicht mehr", sagt Katrin Rehak, die den Themenbereich Wissenschaft in der Robert Bosch Stiftung leitet. Auch der ursprüngliche Gedanke, die Datenbank als praktisches Instrument zu nutzen, um die Suche nach Wissenschaftlerinnen zu erleichtern, wurde im Verlauf des Projekts weitergesponnen: Wäre es nicht sinnvoll, wenn sich die geballte Kompetenz, die sich in AcademiaNet findet, mal an einen Tisch setzt, um sich auszutauschen?

Deutschland hat Nachholbedarf


Die Idee zu den AcademiaNet-Clubs hatten zwei Tübinger AcademiaNet-Professorinnen – Marlies Knipper und Ingeborg Krägeloh-Mann hoben das erste Club-Treffen aus der Taufe. Unterstützt wurden sie dabei von der Robert Bosch Stiftung und AcademiaNet-Projektleiterin Eva Roth. Über die rein virtuelle Präsenz in der Datenbank hinaus verfolgte die Bosch-Stiftung von Anfang an die Idee, die teilnehmenden Wissenschaftlerinnen miteinander zu vernetzen, und veranstaltete beispielsweise jährlich AcademiaNet-Treffen in Berlin. Projektleiterin Eva Roth: "Als Frau Knipper mit der Frage an uns herantrat, ob auch lokale Treffen möglich seien, war das genau in unserem Sinne, und wir haben gemeinsam überlegt, wie wir das am besten umsetzen können."

Angela Merkel startete das neue Netzwerk im November 2010. (Foto: Richard Zinken)

Seither treffen sich an zahlreichen Orten immer wieder Wissenschaftlerinnen, um sich quer durch die Fachdisziplinen auszutauschen. So haben sich AcademiaNet-Clubs in vielen Städten und Regionen in Deutschland etabliert. Im März 2017 eröffneten beispielsweise AcademiaNet-Wissenschaftlerinnen zusammen mit Politikerinnen den AcademiaNet-Club Bremen-Oldenburg im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung im Bremer Rathaus. Professor Rita Groß-Hardt von der Universität Bremen, die den Club zusammen mit Professor Katharina Al-Shamery von der Universität Oldenburg ins Leben gerufen hat, zeigte sich begeistert von der Möglichkeit zur Vernetzung: "Der bremisch-oldenburgische AcademiaNet-Club bietet uns Wissenschaftlerinnen die Möglichkeit, uns mit unseren unterschiedlichen Kompetenzen, Erfahrungen und Netzwerken auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen." Auch außerhalb Deutschlands wurden seit 2015 AcademiaNet-Clubs gegründet und fanden dort großen Anklang – zum Beispiel in Cambridge, Edinburgh, Innsbruck und Zürich. Wissenschaftlerinnen, die an Kontakten interessiert sind und sich mit anderen Academia- Net-Mitgliedern aus ihrer Region fachübergreifend vernetzen wollen, wenden sich an die Robert Bosch Stiftung, die ihnen dazu weitere Informationen zur Verfügung stellt. Auch wenn sich manche im Vorfeld nicht sicher sind, ob die Teilnahme an einem AcademiaNet-Club für sie das Richtige ist, können sie sich schnell für die interdisziplinären Treffen begeistern: Denn der Austausch hoch qualifizierter Wissenschaftlerinnen über Fächergrenzen hinweg lässt neue Ideen entstehen. In Cambridge taten sich so sogar zwei Wissenschaftlerinnen zusammen, um ein gemeinsames Forschungsprojekt zu starten. Ein besserer Schritt von der virtuellen in die reale Welt lässt sich kaum denken!



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