Er suchte im Publikum nach seinen Mitstreitern, von denen er glaubte, dass sie zum besten Science Start-up-Unternehmer gekürt werden. Doch dann hörte der 48-Jährige seinen eigenen Namen.

Als Monroe auf die Bühne trat, wirkte er immer noch überrascht, gleichzeitig erfreut. Denn die Jury hatte ihn und sein Biotechunternehmen Vaxxilon zum "Besten Science Start-up des Jahres" gewählt. Monroe hatte Vaxxilon mit dem Ziel gegründet, synthetische Impfstoffe auf Basis von Kohlenhydraten zu erforschen, zu entwickeln und zu vermarkten. "Der Impfstoff kann schnell und preiswert hergestellt werden, er ist einfach zu transportieren, einfach zu lagern und auch einfach zu verteilen", begründete Frank Kalkbrenner, Geschäftsführer des Boehringer Ingelheim Corporate Venture Fund, die Entscheidung der Jury für Vaxxilon. "Außerdem wird das Leben von Millionen von Menschen in Entwicklungsländern dadurch verbessert oder sogar verlängert."

Gründer treffen auf Investoren

Falling Walls Venture ist ein Wettstreit, auf dem Start-up Unternehmer aus Deutschland, Amerika, der Schweiz, Russland, Saudi Arabien und vielen anderen Ländern ihre wissenschaftlichen Ideen vorstellen. "Es geht um bahnbrechende Spitzenforschung, die das Potenzial hat, wie der Mauerfall die Welt zu verändern", sagt Sebastian Turner, der 2009 die Falling Walls Foundation gegründet hat – und mit ihr die Falling Walls Conference, auf der Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse in nur 15 Minuten vorstellen, Falling Walls Labs, eine Wettbewerbsveranstaltung für hundert Nachwuchswissenschafter, und Falling Walls Venture für Unternehmer. Falling Walls Venture gibt es seit 2013. "Bekanntlich existieren weltweit unzählige Start-up-Veranstaltungen. Aber ein Forum für wissenschaftsbasierte Unternehmensgründungen fehlte. Diese Lücke schließt unsere Veranstaltung", erläutert der heutige Herausgeber des Tagesspiegels Turner.

Nun präsentieren jedes Jahr im November in Berlin rund 20 Unternehmer ihre Ideen vor einer hochkarätigen Jury und einem erlesenen Publikum. "Die Atmosphäre bei Falling Walls Venture knistert. Das ist ein wenig wie beim Hochleistungssport", so Turner. "Hier treffen herausragende Gründer auf spezialisierteste und kompetenteste Investoren." Das Spektrum der Präsentationen ist breit gefächert. Das Münchener Unternehmen Lilium hatte 2015 ein eiförmiges Flugzeug vorgestellt, das fünf Passagiere mit Elektroantrieb durch die Stadt transportieren soll. Einen Preis hat das Start-up auf Falling Walls Venture zwar nicht gewonnen, doch im Frühjahr 2017 überstand der  Prototyp seinen unbemannten Erstflug. Von einer Landwirtschaftstechnologiefirma aus Kanada hingegen stammte eine ölhaltige Getreidesorte, die sich als Biokraftstoff und Tierfutter nutzen lässt. Und das Potsdamer Unternehmen Emperra entwickelt derzeit einen Insulin-Pen, der die Daten zur Insulinabgabe per Bluetooth an ein Smartphone schickt. Dort stellt sie eine App entsprechend dar. Nominiert werden die Teilnehmenden von Universitäten, Forschungseinrichtungen sowie Venture Capitalists.

Tom Monroe hat an der Business School des Massachusetts Institute of Technology studiert und sich als Sohn eines praktizierenden Arztes auf die Markteinführung von Medikamenten spezialisiert. Auf die Gründungsidee kam der gebürtige US-Amerikaner vor zwei Jahren als Mitarbeiter der Schweizer Biotech- Firma Actelion. "Damals suchte ich gezielt nach einer innovativen Technologie, die sich innerhalb der nächsten Jahre gut erforschen und vermarkten lässt", erzählt Monroe, der mit seiner Frau in Basel lebt, dem Actelion- Firmensitz. Bei seiner Recherche stieß er auf die Arbeit des Chemikers Peter Seeberger.

Impfstoffe – günstig und schnell verfügbar

Peter Seeberger hatte auf der ersten Falling Walls Conference im Jahr 2009 über einen Durchbruch in der Erforschung kostengünstiger Impfstoffe gesprochen. Dafür hatte er neben dem Rednerpult mehrere Zuckerpakete zu einer Mauer aufgetürmt. "Mit Zucker kann man drei Millionen Kindern das Leben retten, die jährlich an Infektionskrankheiten wie Malaria sterben", sagte Seeberger und deutete auf die Lebensmittel, mit denen er Zucker im biochemischen Sinne veranschaulichte. Unter Zucker verstehen Wissenschaftler komplizierte Molekülketten, zu denen Kohlenstoff-, Sauerstoff- und Wasserstoff- Atome gehören. Solche komplexen Zuckerketten könnten, so Seeberger, als Grundlage für Impfstoffe gegen Krankheiten wie Malaria, Milzbrand, Tuberkulose oder Krankenhauskeime dienen. Bisher hatten Wissenschaftler Impfstoffe auf der Basis von Mehrfachzuckern aus Bakterienkulturen isoliert. Das ist jedoch teuer, und viele Bakterien oder Erreger lassen sich nicht züchten. Eine Alternative sind künstlich hergestellte Zucker, sogenannte Glykane. Lange Zeit jedoch gab es technisch keine Möglichkeit, solche Glykane zu erzeugen. Seeberger, der Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam ist, fand aber schließlich eine Lösung: Er entwickelte chemische Methoden, die mit einem etwa kühlschrankgroßen DNA-Syntheseautomaten nun Zuckermolekül an Zuckermolekül an Zuckermolekül heften – so lange, bis beispielsweise ein Mehrfachzucker aus neun Bausteinen entsteht. "Mit diesem Synthese-Automaten können die Glykane von Krankheitserregern in weniger als einem Tag herstellt werden. Früher dauerte das Monate. Und es lassen sich nur für ein paar Cent zahlreiche Impfstoffe herstellen, die Menschenleben schützen", erläutert Seeberger.

Sebastian Turner, der Gastgeber von Falling Walls Venture, hat schon in der Schulzeit sein erstes Unternehmen, einen Verlag, gegründet. Dafür brauchte er damals kaum Eigenkapital. "Bei wissenschaftlichen Start-ups sieht das natürlich völlig anders aus", fasst er zusammen. "Hier ist der anfängliche Kapitalaufwand mitunter enorm hoch, und die Gründer benötigen eine hoch spezialisierte Expertise auf allen Seiten." Einen Investor zu überzeugen, ist nicht immer leicht, bestätigt Peter Seeberger. Als Direktor einer öffentlichen Forschungsinstitution kann er nicht selbst Impfstoffe entwickeln, er ist auf eine Pharmafirma angewiesen. Doch obwohl er die Wirksamkeit seiner Kohlenhydrat-Impfstoffe im Tierversuch erfolgreich nachweisen konnte, fand er zunächst weder in Europa noch in den USA ein Unternehmen für die weitere Erforschung und Vermarktung seiner Erkenntnisse. Denn typische Malariaregionen sind arm und große Umsätze nicht zu erwarten.

Dennoch ist der Bedarf an Impfstoffen groß. In den ärmeren Ländern der Erde haben rund 1,7 Milliarden Menschen keinen Zugang zu wichtigen Medikamenten und Gesundheitsdienstleistungen – oder aber nur zu sehr hohen Preisen. Für sie könnten kostengünstige und hitzebeständige Vakzine eine Rettung bedeuten. Das erkannte Tom Monroe, der nicht nur wirtschaftliche Interessen verfolgt, sondern auch ideelle. 2015 kontaktierte er Seeberger, und zusammen mit Actelion und der Max-Planck-Gesellschaft gründete Monroe Vaxxilon. Im kommenden Jahr sollen erste Studien am Menschen mit den neuen Vakzinen durchgeführt werden.

Anerkennung motiviert junge Gründer

Bei Falling Walls Venture hatte Tom Monroe genau wie die weiteren Teilnehmenden nur fünf Minuten Zeit für die Präsentation seines Unternehmens. "Auf diese fünf Minuten habe ich mich mindestens einen Monat lang vorbereitet und immer wieder an der punktgenauen Darstellung gefeilt", erinnert er sich.  "Aber die Auszeichnung zum ›besten Startup des Jahres 2016‹ war die Mühe wert. Die Anerkennung ist für ein junges Team extrem motivierend." Der Geschäftsführer durfte sein Unternehmen außerdem auf der Falling Walls Conference vor einem hochkarätigen Publikum aus Spitzenforschern präsentieren. Als Sieger wird er in diesem Jahr überdies die Juryvon Falling Walls Venture verstärken. Der Gründer freut sich auf zahlreiche junge Start-up- Unternehmer der nächsten Generation. Genau wie Monroe wollen sie mit ihren Firmenideen Mauern einreißen und Grenzen überwinden – und die Welt zu einem besseren Ort machen.


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