"Künstliche Intelligenzen und Roboter werden Menschen auf tausend Weisen helfen, die meisten werden aber langfristig das Interesse am Menschen verlieren und das All besiedeln", davon ist der Direktor des Schweizer Forschungsinstituts für Künstliche  Intelligenz IDSIA, Jürgen Schmidhuber, überzeugt. Noch Fragen dazu? Für Erklärungen hat der Informatiker nur 15 Minuten Zeit.

20 Spitzenwissenschaftler in Berlin

Schmidhuber wird am 9. November auf der Falling Walls Conference über die Ausbreitung der Künstlichen Intelligenz bis in den Weltraum sprechen. Er ist einer von 20 Spitzenwissenschaftlerinnen und Spitzenwissenschaftlern aus aller Welt, die auf der Wissenschaftskonferenz in Berlin Einblick in Erkenntnisse gewähren, die Mauern einreißen und Grenzen überwinden – in den Köpfen, im Denken, im Handeln. Der 1963 in München geborene Professor an der Universität in Lugano erforscht künstliche neuronale Netzwerke, die der Struktur menschlicher Gehirne nachempfunden sind. Seine Erkenntnisse des maschinellen Lernens haben Sprachund Handschrifterkennung sowie automatische Übersetzung und Bildbeschreibung revolutioniert und kommen durch Firmen wie Google, Microsoft, Apple, Amazon oder Baidu heute Milliarden von Menschen zugute. Im Kern der These sind seine Annahmen möglicherweise so provokant wie die fundamentale Kränkung durch Charles Darwin im 19. Jahrhundert, der das christliche Weltbild durch ein evolutionsbiologisches infrage gestellt hat. Denn laut Schmidhuber überflügelt die Künstliche Intelligenz irgendwann die des Menschen. "Viele glauben, der Mensch sei etwas ganz Besonderes, nicht nur heutigen, sondern auch zukünftigen künstlichen Intelligenzen prinzipiell überlegen und auf ewig getrennt durch eine unüberwindliche Barriere", führt Schmidhuber aus. "Diese Wand in den Köpfen reißen wir nieder."

Für seine Ausführungen hat Schmidhuber genau wie seine Kollegen und Kolleginnen nur 15 Minuten Zeit, und im Publikum sitzen, anders als auf Wissenschaftlern vertrauteren Fachtagungen, Wissenschaftler anderer Disziplinen, Künstler und Unternehmer. Beenden die Forscher ihre Vorträge nicht pünktlich, werden sie von einem charmanten Störenfried unterbrochen. 2016 etwa überzog die Oxford-Professorin Sadie Creese ihren Vortrag über Cybersicherheit. Zunächst ertönte über Lautsprecher ein lautes Räuspern im Vortragssaal. Dann betrat ein Pantomime im schwarzen Maßgeschneiderten und mit einer roten Rose in der Hand die Bühne. "Kennen wir uns aus der Bar letzte Nacht?" schäkerte Sadie Creese. Lächelnd nahm sie die Blume entgegen und machte anschließend die Bühne für den nächsten Redner frei.

Erinnerung an den Mauerfall

Die Falling Walls Conference findet seit 2009 immer am 9. November statt, an jenem Tag also, an dem in Berlin die Mauer zwischen West- und Ostdeutschland fiel. Jeder Sprecher stellt seinem Kurzvortrag eine persönliche Erinnerung voran. "Wenn mich jemand nach einem Moment fragt, in dem ich Tränen in den Augen hatte, fällt mir als Erstes der 9. November 1989 ein", sagt Schmidhuber, der damals in München an seiner Doktorarbeit schrieb und die Wiedervereinigung am Fernsehbildschirm verfolgte. Auch der Veranstaltungsort der Falling Walls Conference erzählt von dem historischen Ereignis vor fast 30 Jahren. Das backsteinerne Radialsystem V ist heute ein Kultur- und Veranstaltungszentrum an der Spree, das aus der denkmalgeschützten Maschinenhalle des ehemaligen Abwasserpumpwerks V sowie einem Neubau besteht. Es erhebt sich im ehemaligen Todesstreifen der Hauptstadt, da, wo die Mauer einst Ost und West trennte. "Wissen zu teilen – das ist aus unserer Sicht eine würdige Art, den Tag des Mauerfalls und die Nacht der Pogrome zu begehen", sagt Sebastian Turner. Der Mitherausgeber des Tagesspiegels hat die Falling Walls Conference 2009 mit initiiert.

Armutsforschung und Quantenphysik

Auf dem diesjährigen Treffen der Querdenker rüttelt der Oxforder Migrationsforscher Alexander Betts an der verbreiteten Annahme, dass Flüchtlinge eine Belastung für das Gastgeberland sein müssen. In seiner neuen Integrationslogik schlägt er ein neues Wirtschaftsmodell vor, das die Fähigkeiten und Talente der Flüchtlinge von Anfang an in Anspruch nimmt. Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, sollte, so Betts, im neuen Land rasch die Möglichkeit gegeben werden, zu arbeiten. Die Armutsforscherin Esther Duflo hat hingegen mit einem neuen Forschungsansatz die Entwicklungsökonomie revolutioniert. Denn die Professorin am Massachusetts Institute of Technology möchte mit Experimenten vor Ort herauszufinden, was mittellosen Menschen wirklich hilft – beispielsweise wie sich der Impfschutz in indischen Dörfern verbessern oder die Verbreitung von Malaria stoppen lässt. Um Antworten zu erhalten, teilt Duflo die Bevölkerung einer Region in zwei Gruppen ein. Die eine erhält kostenlos Medikamente oder Netze gegen Moskitos. Die Mitglieder der anderen Gruppe müssen darauf verzichten oder die Produkte selbst erwerben. Auf diese Weise kann die Französin messen, ob Spenden und Hilfsmaßnahmen wirkungsvoll sind.

Ihre Ergebnisse überraschen oftmals: In Indien war es ein geschenktes Paket Linsen, das die Eltern dazu brachte, ihre Kinder zur Impfstation zu bringen. Bei den Moskitonetzen stellte sich heraus, dass die Gruppe, die sie gegen einen Gutschein umsonst in der Apotheke bekam, am häufigsten die Netze benutzte und außerdem bereit war, ein Jahr später weitere Netze zu kaufen. Im Bereich der Quantenphysik bröckelt hingegen derzeit eine Mauer in der Kommunikationsforschung. Der chinesische Physiker Jian-Wei Pan hat den ersten Quantensatelliten mitentwickelt, der 2016 von einem Satellitenbahnhof in der nordwestlichen Provinz Gansu ins All geschossen wurde. Der Satellit umkreist die Erde in 500 Kilometern  Höhe und bildet das erste orbital-planetare Quantennetzwerk, das eine abhörsichere Kommunikation ermöglichen soll. "Jian-Wei Pan zählt zu den renommiertesten Physikern in China und auch weltweit", sagt Jürgen Mlynek, Kuratoriumsvorsitzender der Falling Walls Foundation und ehemaliger Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. "Wir sind entsprechend stolz, dass er extra zur Falling Walls Conference nach Berlin anreist."

Auch der Nachwuchs improvisiert

Die Falling Walls Lab sind der junge Teil der Falling Walls Conference. Auf der Veranstaltung stellen 100 Masterstudierende, Doktoranden und Jung- Unternehmer aus über 50 Nationen einen Tag vor der Konferenz ihre Forschungsprojekte vor. Die Teilnehmenden sind zuvor bei  internationalen Vorentscheiden an akademische Partnerinstitutionen ausgewählt worden – zum Beispiel an der University of Alberta, der ETH Zürich oder der King Abdullah University of Science and Technoloy in Saudi Arabien. Für ihre Präsentation haben die jungen Forscher nur jeweils drei Minuten Zeit. "Das Thema so auf den Punkt zu bringen, dass alle Anwesenden, vom Mikrobiologen über den Atomphysiker bis hin zum bildenden Künstler, es verstehen, ist eine große Herausforderung", sagt Tom Bieling, der bereits an zwei Wettbewerben teilgenommen hat. 2014 gewann der Designforscher die Falling Walls Lab mit einem smarten Handschuh, dem Lorm Glove, der nach einer Kommunikationsform für Taubblinde benannt ist. Bieling hat den Handschuh mit kleinen, runden Sensoren ausgestattet, die den Druckpunkten des Lorm-Alphabets an den Händen entsprechen. Sie werden bei Berührung in digitalen Text übersetzt, per SMS und E-Mail versendet und anschließend per Computerstimme vorgelesen Eingehende Nachrichten werden hingegen auf dem Handschuh mithilfe kleiner Vibrationsmotoren wiedergegeben, sodass sie vom taubblinden Nutzer erfühlt werden können.

"Dass ich auf der Falling Walls Lab zum ›Young Innovator of the Year‹ geehrt wurde, hat mich natürlich stark motiviert, den Handschuh immer weiter zu entwickeln", berichtet Bieling. Im vergangenen Jahr saß der Doktorand an der Berliner Universität der Künste in der Jury der Falling Walls Lab und konnte sich in der Rolle als Gutachter noch besser auf die 100 vorgestellten Erfindungen konzentrieren. Besonders gut ist ihm die Vietnamesin Dang Huyen Chau in Erinnerung. Die Studentin der Technischen Universität Dresden hatte den Wettbewerb mit ihrer Idee, ölhaltigen Kaffeesatz als biologischen Brennstoff zu recyceln, für sich entschieden. Der Brennstoff soll unter anderem zum Heizen und Kochen verwendet werden.

Atmosphäre vibriert vor Kreativität

Wenn viele kluge Köpfe zusammenkommen, egal ob Nachwuchsforscher oder renommierte Wissenschaftler, vibriert die Atmosphäre vor Kreativität, das berichten zahlreiche Teilnehmende vorangegangener Konferenzen. Selbst der Aufenthalt in der Schlange vor der Kaffeeausgabe kann zur Ideenschmiede werden. Durch eine zufällige Begegnung entwickelte sich beispielsweise eine Kooperation zwischen der Leipziger Hirnforscherin Tania Singer und dem dänischen Künstler Olafur Eliasson. Sie haben nach ihrem Kennenlernen auf der Falling Walls Conference eine Veranstaltung zum Thema Mitgefühl in Eliassons Berliner Atelier ins Leben gerufen – und damit die Idee der Konferenz weitergetragen, Mauern zwischen den Disziplinen und in Wissenschaft und Gesellschaft zum Einsturz zu bringen.


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