Ja, sagt Gerrit Rößler vom German Academic International Network (GAIN) in New York.


Sie sind als Leiter des Netzwerks GAIN für die deutschen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in Amerika und Kanada zuständig. Wie nehmen die Exil- Deutschen und Amerikaner den Forschungsstandort Deutschland wahr?
Wir veranstalten seit 2001 jedes Jahr eine Tagung, die abwechselnd an der Ost- und Westküste stattfindet. Dieses Jahr waren wir in San Francisco, wo ungefähr 300 Nachwuchswissenschaftler zusammenkamen, außerdem waren hochkarätige Wissenschaftsdelegationen aus Deutschland anwesend. Noch vor ungefähr zehn Jahren hatten diese Tagungen den Charakter einer Marketingkampagne, mit der wir den Forschungsstandort Deutschland beworben haben. Das war ursprünglich zwar nicht unser erklärtes Ziel, aber wir mussten einfach viel Aufklärungsarbeit leisten und die Anwesenden über Bildungsreformen und die Exzellenzinitiativen in Deutschland informieren. Nun sind die Zeiten, in denen wir Deutschland angepriesen haben wie sauer Bier, vorbei. Es hat sich herumgesprochen, dass die Bundesrepublik, nicht zuletzt dank der Exzellenzinitiative, zu einem Ort geworden ist, an dem man auf Topniveau international forschen kann.


Was hatten die Forscherinnen und Forscher zuvor in der deutschen Bildungslandschaft vermisst?
Die Flexibilität und Internationalität, die man aus den USA gewöhnt ist. Dazu gehören flache Hierarchien, gut ausgestattete Labore, klare Spezialisierungen – etwa wie beim Massachusetts
Institute of Technology, einer führenden Eliteuniversität, die vor allem für Erfindungen im Bereich der Technik bekannt ist. Deutschland hatte auch damals schon hervorragende Forschungsstandorte, aber die mussten sich erst deutlicher profilieren, um hier, im Vergleich mit den Top-Einrichtungen, wahrgenommen zu werden. Dazu kam, dass Berufungsverfahren von außen intransparent erschienen und die Hürde der Habilitation unattraktiv war. Das hat sich ja inzwischen in weiten Teilen der Forschungslandschaft geändert. Auch diskutieren wir mit den Teilnehmenden der Jahrestagung über professionelle Unterstützung bei Doppelkarrieren und für Forschende mit Familie.


Spielen für potenzielle Rückkehrer oder Auswanderer auch die forschungsfeindlichen Bestrebungen der Trump-Regierung eine Rolle?
Als ich im März das Jahrestreffen der National Postdoctoral Association besucht habe, das ist die zentrale Vertretung der amerikanischen Nachwuchswissenschaftler, war die Stimmung sehr schlecht. Und von den deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hören wir in der Tat, dass sie sich Sorgen machen und einen gewissen Druck verspüren, nach Deutschland zurückzukehren. Das betrifft insbesondere Forscherinnen und Forscher mit Kindern und solche, bei denen die Familienplanung ins Haus steht. Momentan wird im Zusammenhang mit der Obamacare auch wieder die Frage nach der Krankenversicherung im Kongress diskutiert. Deutschland erscheint auch vor dem Hintergrund dieser sogenannten weichen Faktoren durchaus attraktiv für die mittelfristige Karriereplanung.


Trump hat in seinen ersten hundert Amtstagen dramatische Budgetkürzungen für zahlreiche staatliche Behörden und Organisationen angeschoben. Sind die Sorgen der in den USA arbeitenden Wissenschaftler berechtigt?
Das Signal aus Washington ist klar, und in der Tat sind viele Menschen besorgt. Das wird nicht zuletzt an der großen Beteiligung an den Marches for Sciences deutlich. Trump hatte ja beispielsweise vorgeschlagen, die Mittel der National Science Foundation – das ist das amerikanische Pendant der Deutschen Forschungsgemeinschaft – um60 Prozent zu kürzen. Dass ein solcher Vorschlag in einem deutschen Koalitionsvertrag stehen würde, wäre absolut undenkbar. In Amerika hat es der Präsident zwar vorgeschlagen, es ist aber nicht durchgegangen. Im Gegenteil. Das Geld wurde in der ersten Budgetrunde sogar erhöht. Bislang gibt es also noch keine konkreten Auswirkungen auf die Forschungsfinanzierung. Man darf außerdem nicht vergessen, dass die Hochschulen liberale Hochburgen sind und finanziell teilweise auf eigenen Füßen stehen. Zusätzlich sind Staaten wie Massachusetts, Kalifornien oder New York sehr liberal, hier muss die Sorge vor dem Wegfall einer bundesstaatlichen Förderung nicht so groß sein. Auf das Wissenschaftsklima hat sich allerdings der von Trump eingeführte Travel Ban ausgewirkt. Wir haben erlebt, wie ein deutsch-syrischer Wissenschaftler Probleme bei der Einreise in die USA hatte. Das ist natürlich Gift für einen internationalen Wissenschaftsaustausch. Wenn man beobachtet, was in anderen europäischen Ländern passiert – Stichwort Brexit – kann man allgemein feststellen, dass insbesondere junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich fragen, was sie in Zukunft noch erwartet. So etwas beeinflusst den wissenschaftlichen Diskurs und die Innovationskraft einer ganzen Generation durchaus.


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