Der neunte Bezirk im nordwestlichen Zentrum Wiens. Reich verzierte historische Bauten reihen sich am Alsergrund aneinander. Ein siebenstöckiges, silbriges Gebäude sticht heraus, weil es modern ist und ein wenig an ein Schiff mit Segel erinnert. Hier, im Haus der Forschung zwischen dem Allgemeinen Krankenhaus und dem Campus der Universität Wien gelegen, befinden sich die Büros des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). Die zentrale Einrichtung Österreichs zur Unterstützung der Grundlagenforschung ist vergleichbar mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn. "Da wir nicht selbst forschen, müsste es eigentlich ‚Haus der Förderung‘ heißen", sagt FWF-Geschäftsführerin Dorothea Sturn und lacht. Die Deutsche lebt seit 28 Jahren in Österreich und spricht in dem breiten Dialekt der Wiener. Erzählt sie jedoch von ihrer Heimat Heidelberg, wo sie Anfang der 80er-Jahre Politikwissenschaften und Ökonomie studiert hat, wechselt sie in ein schnelleres Hochdeutsch.

Gemeinsamkeit vermeidet Bürokratie

In den Büros des FWF stapeln sich Anträge von Archäologen, Quantenoptikern, Mathematikern oder Klimaforschern. Sie alle möchten ihre Projekte durch den FWF fördern lassen. Sturn und ihr Team helfen dabei, indem sie das sogenannte Peer-Review-Verfahren managen – eine Begutachtung ausschließlich durch im Ausland tätige Wissenschaftler. Auf diese Weise werden Befangenheiten im Inland vermieden. Ein Kuratorium aus Vertretern aller Forschungsdisziplinen spricht schließlich auf Basis dieser Gutachten positive oder negative Förderungsentscheidungen aus. Damit arbeiten die Österreicher vergleichbar wie die Kollegen von der DFG in Bonn oder dem Schweizer Nationalfonds (SNF) in Bern. Die drei Länder verbinden überdies und nicht zuletzt durch die hohe Mobilität der Wissenschaftler zahlreiche grenzüberschreitende Forschungsprojekte. "Um Bürokratie zu vermeiden, können Forscher ein gemeinsames Vorhaben deshalb bei nur einer Organisation begutachten lassen", erklärt Sturn das sogenannte Lead-Agency-Verfahren des D-A-CH-Raumes. D-A-CH ist ein Kunstwort für Deutschland, Österreich und die Schweiz und steht für den Teil des Sprach- und Wirtschaftsraums, in dem Deutsch überwiegend Amtssprache ist. Die Spitzenforschung profitiert von den D-A-CH-Kooperationen. So sind Wissenschaftler aus den drei Ländern derzeit innovativen Krebstherapien auf der Spur, indem sie Signalmoleküle untersuchen, die für den Zelltod verantwortlich sind. Fehler in der Zelltodkontrolle lassen beispielsweise Tumore wachsen. Das gezielte Zellsterben, die sogenannte Apoptose, kann aber auch deren Entstehung vorbeugen. Die Forschergruppe will nun die Rolle einer bestimmten Familie von Signalmolekülen im Hinblick auf die Apoptose untersuchen. Da bei bedient sie sich biophysikalischer, zell- und molekularbiologischer, biochemischer, protein-chemischer, mausgenetischer und humanpathologischer Ansätze. Ein weiteres trinationales Forschungsprojekt hat sich eines immer bedrohlicher werdenden Umweltproblems angenommen: der Verschleppung von Arten in Gebiete, in denen diese nicht heimisch sind. Neu eingebürgerte Pflanzenarten werden dann zu einem Problem, wenn sie endemische Arten verdrängen. Diesen Sommer konnten die Wissenschaftler nun einen Weltatlas publizieren, der die Merkmale und Standortdaten von mehr als 13 000 gebietsfremden Pflanzenarten aus 480 Ländern und 360 Inselregionen enthält. Die Informationen aus dieser Global Naturalized Alien Flora-Datenbank sollen beispielsweise Vorhersagen darüber ermöglichen, welche Arten in welchen Gebieten dominant werden könnten.

Ein gemeinsamer Schwerpunkt der drei Fonds ist die Orientierung auf die erkenntnistheoretische Forschung. "Diese hat oft das Problem, weniger medienwirksam zu sein. Aktuelle Hype-Themen wie Nano oder Klimawandel beruhen auf Ergebnissen der angewandten Forschung", erläutert Sturn. "In der Grundlagenforschung braucht man oft viel Geduld, bis ein Durchbruch erzielt wird. Dafür sind die Ergebnisse umso bahnbrechender. Hier haben Österreich, Deutschland und die Schweiz einen gemeinsamen Kommunikationsauftrag".

Grundlagenforschung erfordert Geduld

Das Partnerschaftliche der Zusammenarbeit der drei Länder überwiegt. Nicht zuletzt durch den Umfang der Budgets ergeben sich jedoch unterschiedliche Schwerpunkte: Österreichs Fonds stehen im Jahr ungefähr 200 Millionen Euro zur Verfügung, der Schweiz etwa eine Milliarde Schweizer Franken. Deutschland lässt durch den DFG ungefähr zwei Milliarden Euro in die Grundlagenforschung fließen. Sturn: "Das Budget definiert Grenzen. Mit ihren engagierten Wissenschaftlern ermöglicht Spitzenforschung aber bedeutende Erkenntnisse, von denen wir alle profitieren, egal ob in der Schweiz, Deutschland oder Österreich".

Von Helene Becker