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Sie sind seit einem halben Jahr wieder in Deutschland. Haben Sie sich schon eingelebt?

Noch nicht so wirklich, denn im Moment reise ich sehr viel. Gerade komme ich aus Mosambik, wo wir ein HIV-Labor ausbauen. Im Oktober werde ich auf Konferenzen im chinesischen Wuhan, im französischen Annecy, in Berlin und Frankfurt sein. Außerdem fliege ich in meine alte Wahlheimat Washington.


Dort forschten Sie zuvor am U.S. Military HIV Research Program (MHRP). Womit haben Sie sich genau befasst?

Ich habe bestimmte T-Helferzellen in Bezug auf ihre Impfstoffreaktion untersucht. Das MHRP unterhält das größte HIV-Programm weltweit und führt sehr breit angelegte Studien in afrikanischen und asiatischen Ländern durch. Für mich war es sicher eine der besten Entscheidungen meines beruflichen Lebens, dort 2012 eine Stelle anzunehmen. Mein damaliger Chef unterstützt mich immer noch und ermöglicht mir, mein Labor in Washington weiterzuführen.


Wie sieht das praktisch aus?

Montagmorgens treffe ich meine Kollegen in Essen, nachmittags via Skype die Amerikaner. Jeden Mittwochnachmittag halten wir ein gemeinsames Gruppen-Lab-Meeting ab. Wir werfen das Internetvideo an die Wand, sodass es wirklich so aussieht, als säßen wir an einem Tisch. Diese Art der Kommunikation funktioniert sehr gut, ich konnte mich sogar aus Mosambik dazuschalten. Im Ruhrgebiet möchte ich ein Zentrum für HIV-Forschung etablieren und international vernetzen. Meine Kontakte aus den USA sind da sehr hilfreich. Denn HIV-Forschung kann niemand alleine betreiben.


Was reizt Sie besonders an Ihrem neuen Job?

Die soziale Verantwortung, die mit dem Posten und mit der HIV-Impfstoffforschung im Allgemeinen einhergeht. Das Leid der HIV-Infizierten in Mosambik zu sehen, schockiert mich immer wieder. Es ist mir daher wichtig, nicht nur große, klinische Versuche durchzuführen, sondern auch wissenschaftliche Entwicklungsarbeit zu leisten. Konkret versuche ich, junge afrikanische Forscher in meine Arbeit einzubinden und dadurch eine neue Generation Wissenschaftler aufzubauen.


Nach ihrem Medizinstudium in Berlin und Bonn waren Sie in Harvard. War ein Aufenthalt an der amerikanischen Elite-Universität schon immer ein Traum von Ihnen?

Rückblickend würde ich sagen, dass ich in erster Linie auf das reagiert habe, was mir das Leben entgegengeworfen hat: Meine Promotion fand im Rahmen einer Kooperation mit Harvard statt, und nach der Doktorarbeit hat mir der Leiter der amerikanischen Gruppe einen Postdoc angeboten. Ich hätte damals nicht damit gerechnet, dass ich neun Jahre in den Staaten bleiben würde.

Deutschland sollte mehr Mut zur Innovation haben. Mehr Mut, Synergien auszunutzen und Wettbewerb zuzulassen
Hendrik Streeck


Stand für Sie denn fest, dass Sie irgendwann nach Deutschland zurückkehren?

Nicht unbedingt. Allerdings ist es schon so, dass ich in der Ferne angefangen habe, die Heimat zu lieben. Ich bin in Göttingen aufgewachsen und hatte mit dem Oktoberfest nie etwas am Hut. In den USA habe ich dann für meine Freunde Weißwürste gekocht und ein eigenes Oktoberfest organisiert. Davon abgesehen hat mich konkret die Ausschreibung der Professur in Essen gereizt. Unsere Medizinische Fakultät am Universitätsklinikum Essen ist sehr jung, und es gibt hier einen der stärksten Schwerpunkte in der Infektionsforschung in Deutschland.


Ist der Posten ein Karrieresprung?

Die Karrieren in den Vereinigten Staaten kann man nur schwer mit den Karrieren in Deutschland vergleichen. In den USA, vor allem Washington und Maryland, kann der Boss einen von einem auf den nächsten Tag feuern. Zum Beispiel, wenn Forschungsanträge nicht mehr bewilligt werden. Deutschland bietet da viel mehr Sicherheit.


Entspricht die deutsche Forschungssituation Ihren Erwartungen?

Ich war ehrlich gesagt etwas überrascht. Denn Deutschland bringt durch das Bildungssystem Spitzenforscher hervor und verfügt über exzellente Universitäten. Trotzdem scheinen Gelder überwiegend an Exzellenzcluster oder Forschungszentren zu fließen. Aus meiner Sicht verhindert dies Innovation, Erneuerung und generiert Silos. Denn wer nicht Teil eines solchen Zentrums ist, hat kaum eine Chance. In den USA hingegen wird der Gedanke des Wettbewerbs viel sportlicher gesehen: Die Besten finden sich zusammen, bilden ein Team und versuchen die Forschung voranzutreiben. Alle paar Jahre werden die Karten neu gemischt, und der Wettstreit verhindert, dass man sich auf seinen eigenen Erfolgen oder den Leistungen seines Instituts ausruht. Dadurch ist die Forschung in Amerika partizipativer und flexibler ausgerichtet als in Deutschland.


Was können wir von den Amerikanern lernen?

Ich glaube, Deutschland sollte mehr Mut zur Innovation haben. Mehr Mut, Synergien auszunutzen und Wettbewerb zuzulassen. Dadurch könnte man meiner Meinung nach noch viel mehr erreichen – und zwar mit den gleichen Fördergeldern.

Das Interview führte Carola Hoffmeister