Die junge Mutter kam mit einer Blutvergiftung auf die Intensivstation. "Doch unsere Therapien schlugen nicht an. Das Bakterium war gegen alle verfügbaren Antibiotika resistent", erinnert sich Mathias Pletz, Leiter des Zentrums für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene in Jena. Der heute 42-Jährige war gerade zurück von einem Forschungsaufenthalt an den Centers for Disease Control and Prevention, einer amerikanischen Behörde.

25 000 Todesfälle in der EU 

Dort hatte er sich mit den Ursachen und Mechanismen von Antibiotika-Resistenzen im Labor auseinandergesetzt. Helfen konnte er der Frau trotzdem nicht – Pletz musste miterleben, wie sie verstarb. Seit der Entdeckung des Penicillins Anfang des 20. Jahrhunderts gelten Antibiotika als Wundermittel in der Behandlung von Infektionskrankheiten. Inzwischen entwickeln die Keime, gegen die sie wirken sollen, immer häufiger Resistenzen. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts in Berlin, erklärt: "Antibiotika-Resistenzen sind ein natürlicher Teil der Umwelt. Sie kommen in Bakterien vor, weil diese schon sehr lange existieren und sich in ihren verschiedenen Lebensräumen voreinander schützen müssen. Dadurch, dass wir als Menschen Antibiotika nutzen, reichern wir diese Resistenzen an und beschleunigen die Evolution, indem wir Selektionsdruck auf die Antibiotika ausüben." Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten sowie die Europäische Arzneimittelbehörde schätzen, dass in Europa rund 25 000 Todesfälle pro Jahr auf Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern zurückzuführen sind. Für die Vereinigten Staaten hat das US-amerikanische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) mindestens 23 000 Todesfälle durch antibiotikaresistente Keime geschätzt. Aufgrund solcher Prognosen hat das Bundesministerium für Gesundheit 2008 gemeinsam mit dem Landwirtschaftsministerium und dem Forschungsministerium die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) ins Leben gerufen. Die Maßnahme unterstützt Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika, alternativer Therapiemethoden und beschleunigter Testverfahren.

Auch Pletz’ Forschungsgruppe wird vom Bund gefördert. Die Wissenschaftler aus Thüringen arbeiten an einem Schnelltest für Bakterien, die eine Resistenz gegen sogenannte "Beta- Laktame" entwickelt haben. Die "Beta-Laktame" sind die in Krankenhäusern am häufigsten eingesetzte Gruppe von Antibiotika, zu ihr gehört beispielsweise Penicillin. "Wenn man feststellen will, ob ein Erreger resistent ist, vermehrt der Mikrobiologe sie im Brutschrank und untersucht danach das Wachstumsverhalten in Gegenwart von Antibiotika. Dieser Vorgang kann mehrere Tage dauern. Bei einer schweren Blutstromvergiftung geht es aber um Stunden. Wird die Antibioikatherapie bei einer Resistenz erst nach Tagen korrigiert, ist es häufig zu spät", erklärt Pletz.

Sparsamer Einsatz verhindert Resistenzen

Die Zeit drängt, dennoch wird es noch mehrere Jahre dauern, bis der Schnelltest im Klinikalltag zum Einsatz kommen kann. Eine Erkenntnis gibt es jedoch schon seit Langem: Resistenzen lassen sich dadurch verringern, dass man weniger Antibiotika verabreicht und somit weniger Selektionsdruck auf die Bakterien ausübt. Darum bemüht sich Pletz um eine wohlüberlegte Dosierung: "Im Rahmen unseres infektologischen Konsildienstes bin ich bei Visiten auf der Intensivstation dabei und berate die Ärzte über die Gabe von Antibiotika", erklärt der Arzt.

Das Modellprojekt "Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation" (RAI) setzt an genau diesem Punkt an. In dem vom BMBF geförderten Verbundvorhaben werden Ärzte und Tierärzte in Berlin, Brandenburg und Thüringen zunächst befragt, in welchen Situationen sie Antibiotika verschreiben. In einem zweiten Schritt werden Mediziner, Patienten und Apotheker über einen bewussteren Umgang mit Antibiotika aufgeklärt. Auch das Universitätsklinikum Jena beteiligt sich an RAI: "Der Intensivmediziner tut sich oftmals schwer mit dem Absetzen, weil aus seiner Sicht Antibiotika die Sicherheit des Kranken gewährleisten. Da muss man dann wirklich Überzeugungsarbeit leisten und gut erläutern, warum es sinnvoll ist, Antibiotika sparsam einzusetzen", berichtet Pletz. Die Mühe lohne sich aber: "Langfristig zahlt sich der rationalere Umgang mit Antibiotika aus."

Von Carola Hoffmeister