"Zu den Idealen des Redestils zählt ganz oben die Kürze, das Vermeiden alles Überflüssigen in Gedanken und Worten", nennt Rhetorik-Experte Gert Ueding einen wesentlichen Faktor für erfolgreiche Reden. Helmut Schmidt beherrscht diese Maxime – auch wenn er sich nicht immer an sie hält – und wendet sie geschickt an. Besonders gern, wenn seine Gesprächspartner nicht damit rechnen. Nicht wenige Journalisten, die auf ihre wohlüberlegten Fragen ausschweifende Antworten erwarteten, sehen sich mit knappen Aussagen des Alt-Bundeskanzlers konfrontiert. So auch Kurt Kister bei der Verleihung des Helmut Schmidt Journalistenpreises im Jahr 2013. Auf die Frage, was die Kanzlerin nun tun solle, nachdem sie offenbar von Freunden abgehört worden sei, sagte Schmidt prägnant: "Sie sollte gelassen bleiben." Der weitere Schlagabtausch: "Sie sollte nicht intervenieren bei Obama, kein Handelsabkommen aussetzen?" – "Nein, das kann sie anderen überlassen." – "Wem?" – "Ich verweigere die Auskunft", grummelte er fast schon spitzbübisch. "Haben Sie eine Meinung über Obama?" – "Habe ich, ich will sie aber verschweigen." – "Weil er amtiert?" – "Er ist im Amt und bleibt es noch eine Reihe von Jahren."

"Ich verweigere die Antwort"

Ein Raunen und Schmunzeln geht durchs Publikum. Wie so oft, wenn Helmut Schmidt auf unterhaltsame Weise Rede und Antwort steht. Lebendig, offen und zugänglich. Die eine oder andere Äußerung des Hanseaten sorgt im Anschluss häufig für anregende Tischgespräche. Zufall? Wohl kaum. Als begnadeter Politiker und Redner setzt er rhetorische Instrumente bei öffentlichen Auftritten gekonnt ein. Als Publizist und Mitherausgeber der ZEIT kennt er auch die andere Seite. Eine Anspielung, die Giovanni di Lorenzo diesbezüglich 2008 in einem Interview machte, hatte folgendes Wortgefecht zur Folge: "Sie sind seit 25 Jahren Herausgeber der ZEIT. Sind Sie denn mit der Zeit ein bisschen Journalist geworden?" Schmidt dazu: "Eigentlich mehr ein Publizist als ein Journalist, ein ganz kleines bisschen auch ein Journalist." – "Was unterscheidet Sie vom typischen Journalisten?" – "Es gibt keinen moralischen Maßstab für alle Journalisten. Einige sind völlig in Ordnung und andere unter jedem Einstrich. Und die Masse ist in der Mitte. Ich gehöre zur Mitte." Später sagt er noch: "Mit Journalisten ist das wie mit den Politikern, sie reichen vom Staatsmann bis zum Verbrecher." Das Thema abschließend fragte di Lorenzo: "Sie geben der .Bild‘-Zeitung bis heute große Interviews. Schätzen Sie das Blatt?" – "Das ist eine Gewissensfrage. Ich verweigere die Antwort." Rums, da war er wieder, der Schmidtsche Konter: pointiert, wirkungsstark. 

Dies ist eine Variante seiner Sprechkünste. Die andere: Exzellent informiert und präzise im Urteil äußert Schmidt sich ausführlich sowohl zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Themen als auch zu persönlichen Fragen. So zum Beispiel, als er 2008 mit Ulrich Wickert über das Thema Führung sprach und von seinen Militärerfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg berichtete, die später mitunter sein Handeln als Verteidigungsminister prägten. ING-DiBa-Vorstand Roland Boekhout würdigt den Namenspatron des von der Bank ausgelobten Helmut Schmidt Journalistenpreises mit folgenden Worten: "Bis heute bezieht Herr Schmidt als international geachteter Wirtschaftsexperte in aktuellen Diskussionen Stellung, kommentiert die Themen der Zeit und sorgt für wirtschafts- und gesamtpolitische Denkanstöße. Dabei scheut er sich auch nicht, auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Verantwortung der Banken hinzuweisen." Deshalb freue sich die ING-DiBa über das nachhaltige Engagement, mit dem Helmut Schmidt den Wirtschaftsjournalismus in Deutschland stärke.

Für die Preisträger und das Publikum des Helmut Schmidt Journalistenpreises ist der Auftritt des Alt-Bundeskanzlers stets ein Höhepunkt der Veranstaltung: Wenn der Redekünstler sich zum Gespräch auf die Bühne begibt, herrscht eine ganz besondere Atmosphäre im Festsaal. Dann lauscht die Elite des deutschen Wirtschaftsjournalismus mit einer Mischung aus Amüsement, Neugier und Respekt. Helmut Schmidt, der bis auf wenige Ausnahmen seit 20 Jahren bei der jährlichen Preisvergabe zugegen ist, scheinen die großen Auftritte ebenfalls zu gefallen. Wie bemerkte er einmal launig: "Unser Gewerbe ist doch wie das der Schauspieler, ohne Zustimmung von draußen gehen wir ein."


Sehen Sie hier ein "Best of Schmidt" aus 20 Jahren Helmut Schmidt Journalistenpreis.