Der Helmut Schmidt Journalistenpreis jährt sich zum 20. Mal. Viele von Ihnen sind langjährige Jurymitglieder. Welche Veränderung beziehungsweise Weiterentwicklung haben Sie im Verlauf miterleben können?

Uwe Vorkötter: Die auffälligste Veränderung ist, überspitzt gesagt, der Wandel von einem Verbraucherjournalismus-Preis zu einem Investigativ-Preis. Während früher die Erläuterung ökonomischer Zusammenhänge und der Nutzwert der Berichterstattung im Vordergrund standen, sind heute tiefe Analyse und intensive Recherche die vorrangigen Kriterien für die Vergabe des Preises.

Berthold Morschhäuser: Die Anforderung "verbraucherfreundliche Berichterstattung" ist bis heute geblieben. Das inhaltliche Spektrum ist aber deutlich breiter geworden. Heute kommen vermehrt allgemeine verbraucherund gesellschaftspolitische Themen zum Zuge und führen zu einer allmählichen Gewichtsverlagerung. Die Jury hat diese Entwicklung wiederholt diskutiert und sich für eine solche Erweiterung der Inhalte ebenso offen gezeigt wie für die Berücksichtigung neuer Darstellungsformen des Online-Journalismus.

Hermann-Josef Tenhagen: Auffällig ist zudem, dass wir immer häufiger Teamarbeiten auszeichnen. Tatsächlich schafft Teamarbeit heute weit bessere Voraussetzungen für eine preisgekrönte Arbeit. Mehrere Journalisten tragen mit unterschiedlichen handwerklichen Fähigkeiten, Qualifikationen und Perspektiven zu herausragenden Arbeiten bei. Eine preisgekrönte Recherche zu Steueroasen kann heute kaum das Werk eines Einzelkämpfers sein.

Arno Balzer: Mir fällt auf, dass die Dominanz von Print bröckelt. Vor allem das Fernsehen hat qualitativ deutlich aufgeholt; das gilt insbesondere für die Disziplinen Originalität und Tiefgang der eingereichten Beiträge.

Clarissa Ahlers: Auch ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren die TV-Formate mehr in die erste Reihe rücken. Das freut mich als Fernsehredakteurin sehr.

Haben ihre Wahl getroffen: Die Jurymitglieder Hans Leyendecker (li.) und Ulrich Wickert

Was ist das Besondere daran, in der Jury des Helmut Schmidt Journalistenpreises zu sitzen?

Arno Balzer: Es ist eine große Ehre, in der Jury dieses inzwischen wohlbekannten Journalistenpreises sitzen zu dürfen. Der Mix an Kompetenzen, den die Kollegen mitbringen, sorgt für sehr gute Diskussionen in der Jury.

Claudia Mast: Die Bandbreite und Qualität der Einreichungen ist jedes Jahr aufs Neue beeindruckend. Dennoch überrascht es mich immer wieder zu erleben, wie eindeutig die Sieger von der Jury identifiziert werden – wahre Meisterleistungen des Journalismus. Diese Bewertungen zusammen mit Topjournalisten in der Jury vorzunehmen und dabei über die Vergabe dieses wichtigen Preises für Wirtschaftsjournalisten zu entscheiden, ist für mich nicht nur spannend, sondern auch lehrreich und äußerst inspirierend.

Frank Werner: Interessant ist das zweistufige Verfahren: Neben einer ersten schriftlichen Beurteilung durch jedes Mitglied gibt es eine Sitzung, in der wir uns über Beurteilungen und Rangfolgen austauschen. Es kann sich also niemand leisten, die Beiträge nicht gelesen, angeschaut oder gehört zu haben. Das stellt die Qualität der Juryarbeit sicher.

Im deutschsprachigen Raum werden 33 Journalistenpreise zum Thema Wirtschaft und Finanzen vergeben. Was macht für Sie einen guten Journalistenpreis aus, bei dem sich die Preisträger geehrt fühlen können?

Ulrich Ott: Für mich sind es in erster Linie das Renommee und die Qualität der Jury, die den Wert eines Journalistenpreises ausmachen. Und da muss sich unsere gewiss in keiner Hinsicht verstecken.

Hermann-Josef Tenhagen: Dem kann ich nur beipflichten. Das Besondere ist die Zusammensetzung der Jury: die klugen Kolleginnen und Kollegen mit ihren unterschiedlichen Zugängen zum Wirtschaftsjournalismus, die sich erfreulich einig sind über wirkliche Qualität – jenseits von Genreund Mediengrenzen.

Hans Leyendecker: Einen guten Journalistenpreis, bei dem sich die Geehrten geehrt fühlen können, macht tatsächlich auch die Jury aus. Wenn in diesem Gremium viele Journalisten sitzen, die sich um ernsthaften, ergebnisoffenen Austausch bemühen oder in ihrer aktiven Zeit bemüht haben, gewinnt ein solcher Preis auch dadurch an Bedeutung. Auch finde ich die Kategorien des Preises gut. Wichtig ist zudem, dass es drei Preisträger in den Kategorien gibt. Die Zuspitzung auf einen einzigen Preisträger bringt manchmal auch Kungeleien mit sich. Das weiß ich aus eigener Juryerfahrung in anderen Gremien.

Ulrich Wickert: Ich glaube, dass die Findung der Preisträger unabhängig sein muss. Und zwar unabhängig von den Preisgebern. Und hier gibt die ING-DiBa den Preis aus, eine Bank, und trotzdem werden immer wieder Einreichungen über das Fehlverhalten von Banken ausgezeichnet. Dies zeichnet für mich einen ehrwürdigen Preis aus.

Clarissa Ahlers: Dem Helmut Schmidt Journalistenpreis gelingt es, mit richtungsweisender Gesprächs-Gala den Preisträgern einen unvergesslichen Rahmen zu verschaffen. Die Ausschreibung lässt es zudem zu, dass eine große Auswahl von Arbeiten angesehen wird und damit viele Beiträge eines Jahres von einer erfahrenen Jury gesichtet werden.

Ich glaube, dass die Findung der Preisträger unabhängig sein muss. Und zwar unabhängig von den Preisgebern. Und hier gibt die ING-DiBa den Preis aus, eine Bank, und trotzdem werden immer wieder Einreichungen über das Fehlver halten von Banken ausgezeichnet. Dies zeichnet für mich einen ehrwürdigen Preis aus.
Ulrich Wickert - Fernsehjournalist und Autor

Auf welche Weise prägt Helmut Schmidt als Altbundeskanzler und Person den Preis?

Arno Balzer: Helmut Schmidt lebt einen hohen Anspruch in den Disziplinen Tiefgang, Meinungsfreude und Rhetorik vor. Auch daraus leite ich einen hohen Anspruch an die Siegerbeiträge ab.

Claudia Mast: Helmut Schmidt ist mehr als ein Namensgeber. Und er ist bei den Preisverleihungen anwesend und prägt sie. Denn Helmut Schmidt steht für Orientierung, Klarheit und Entschiedenheit – in den kleinen Fragen des Alltags genauso wie in den großen Linien. Das Vorbild von Helmut Schmidt kann deshalb Journalisten inspirieren. Seine außergewöhnliche Person und seine Lebensleistung sollen mit der Auszeichnung von herausragenden Leistungen des Wirtschaftsjournalismus verbunden werden. So verstehe ich den Preis.

Hans Leyendecker: Der Helmut-Schmidt-Preis gehört zu den wenigen Preisen der Republik, die zählen. Nicht wegen der tollen Jury, nicht wegen der Bank, sondern weil es der Helmut Schmidt-Preis ist. Der Exkanzler ist eine der großen Persönlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte, eine historische Figur. Das macht den Preis so strahlend und wichtig.

Was muss ein Beitrag erfüllen, um überhaupt in die engere Wahl zu kommen?

Frank Werner: Relevanz und gutes Handwerk.

Ulrich Wickert: Ausgezeichnetes Handwerk! Als Erstes aber muss das Thema originell sein. Das hat damit zu tun, dass ein Journalist ein Thema findet, welches andere bisher noch nicht in dieser Art und Weise behandelt haben.

Hans Leyendecker: Dabei sollte es sich nicht nur um eine möglichst vollständige, das heißt alle relevanten Möglichkeiten ausschöpfende Informationssuche handeln, sondern um eine Recherche, die manchmal auch gegen Barrieren und Widerstände erfolgt. Missmanagement, Amts-und Funktionsmissbrauch, Filz und Vetternwirtschaft, bürokratische Willkür, Steuerbetrug, Bestechung und Korruption sind übliche Themenfelder. Wichtig ist aber auch die Thematisierung von bisher nicht bekannten oder zur Kenntnis genommenen Problemen und Gefahren.

Berthold Morschhäuser: Die herausragende Leistung eines Autors oder eines Autorenteams kann hier ganz unterschiedliche Ausprägungen haben. Sie kann beispielsweise in dem Aufbau und der Pflege eines guten Netzwerkes bestehen, das Informationen und Einblicke in Strukturen generiert, die ansonsten so nicht möglich wären. Sie kann in der akribischen Recherche und einer mühsamen Auswertung von Dokumenten liegen, die dem Mainstream und vielen Widerständen zum Trotz neue Sachverhalte und Einsichten zutage fördern. Und sie kann in der kreativen Verknüpfung von Zusammenhängen liegen, die auf die Arbeit vieler Medien zu einem aktuellen Thema zurückgreift und größere Transparenz schafft.

Welche maßgeblichen Kriterien bei der Bewertung der eingereichten Beiträge setzen Sie dann in der Folge an?

Frank Werner: Informationsgehalt, Nutzwert, Dramaturgie und Sprache.

Hermann-Josef Tenhagen: Wir prüfen darüber hinaus: Hat dieser Beitrag das Thema auf die Tagesordnung gesetzt? Hat der Beitrag Wirkung entfaltet, pathetisch gesprochen: die Welt verändert?

Claudia Mast: Die Jury legt Wert darauf, dass die Beiträge Gesprächs-und Diskussionsstoff liefern – oder sogar die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft dazu bewegen, etwas zu ändern. Es fällt auch positiv ins Gewicht, wenn herausragende Analysen Verbraucher, Bürger, Steuerzahler, Arbeitnehmer oder Selbstständige im Alltag entscheidungsfähiger machen. Es geht also darum, dass die Beiträge nicht nur beeindrucken, sondern auch etwas bewirken.

Berthold Morschhäuser: Sind wie im Regelfall mehrere Stücke im Rennen, können verschiedene Kriterien den Ausschlag geben. Das kann die schon erwähnte alles überragende Relevanz des Themas sein. Es kann eine Entwicklung sein, die Neuland darstellt und in der öffentlichen Diskussion bisher keine Rolle spielte, für die Zukunft aber sehr wichtig werden kann. Und/ Oder es kann die exzellente Form der Darstellung sein – sei es als Film-, Text-, Hörfunk- oder Online-Beitrag.

Streiten Sie auch mal bei der Bewertung und wie findet sich am Ende ein Konsens?

Clarissa Ahlers: Wir streiten heftig – und einigen uns immer erst nach zäher Überzeugungsarbeit.

Frank Werner: Zumindest streiten wir uns hin und wieder sehr engagiert. Als Jurymitglied ist man also nicht nur Stimmvieh, sondern kann die Meinungsbildung aktiv beeinflussen. Auch deshalb ist es etwas Besonderes, in dieser Jury zu sitzen.

Ulrich Wickert: Jedes Jurymitglied vergibt Punkte schon im Vorfeld vor der Jurysitzung an die seiner Meinung nach würdigsten Einreichungen. Diese Punkte werden dann addiert. Das bedeutet aber nicht, dass derjenige Beitrag mit den meisten Punkten auch den Preis bekommt, sondern dann wird auf der Jurysitzung selbst heftig diskutiert. Dabei führen wir dann weitgehend eine Diskussion über die Qualität von Journalismus.

Uwe Vorkötter: Die Debatte führt regelmäßig dazu, dass einzelne der vorab gegebenen Voten revidiert werden. Und in der Regel führt der Austausch der Argumente zu einem Konsens, den alle Beteiligten mindestens mittragen können.

Wir streiten hin und wieder sehr engagiert. Als Jurymitglied ist man also nicht nur Stimmvieh, sondern kann die Meinungsbildung aktiv beeinflussen. Auch deshalb ist es etwas Besonderes, in dieser Jury zu sitzen.
Dr. Frank-B. Werner - Chefredakteur, Verleger, Geschäftsführer

Wie schafft man es, bei den eingereichten Beiträgen unabhängig von der Medienart (Anm. der Red.: Print/Hörfunk/TV/Onlinemedien) eine Vergleichbarkeit herzustellen?

Ulrich Wickert: Es ist die Kunst einer guten Jury, abwägen zu können. Ich muss gestehen, das ist nicht immer leicht. Aber am Ende einer jeden Jurysitzung sind wir immer einer Meinung – und mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Hermann-Josef Tenhagen: Ein Film kann genauso ein Thema auf die Tagesordnung setzen wie ein Zeitungsartikel oder eine Hörfunkreportage oder ein Online-Feature. Online-Formate können einen neuen Zugang genauso bieten wie Texte, Bilder oder Töne. Und unsere Jury ist so herausragend besetzt, dass jenseits beeindruckender Bilder, Sätze oder Zahlen auch immer ein Handwerker nüchtern urteilen kann.

Clarissa Ahlers: Auch ich finde: Qualität kennt kein Medium.

Uwe Vorkötter: Eine Vergleichbarkeit herzustellen, gelingt meiner Meinung nach gar nicht. Radio fällt fast immer durch, warum auch immer; eigentlich müsste es auch preiswürdige Hörfunkbeiträge geben. Mindestens so schwierig wie zwischen den Gattungen zu vergleichen, ist der Vergleich innerhalb der Printgattung: Eine Titelgeschichte im SPIEGEL entsteht unter völlig anderen Voraussetzungen als der Hintergrundbericht in der Regionalzeitung. Zu lösen ist das Dilemma nur mit der Erfahrung und dem Fingerspitzengefühl der Jury.

Berthold Morschhäuser: Eine völlig objektive Vergleichbarkeit herstellen zu wollen, ist illusorisch. Aber es war und ist in der unterschiedlich besetzten Jury immer eine Bereitschaft zu spüren, allen Medien eine faire Chance zu geben.

Arno Balzer: Egal, ob Print, TV oder Radio – entscheidend für mich ist, wie sehr ein Beitrag mich packt und bewegt.

Hat sich die Qualität der Wettbewerbsbeiträge oder der journalistischen Arbeit allgemein verändert – und, wenn ja, warum?

Arno Balzer: Es gibt sicherlich mehr "gute" Beiträge, die Professionalisierung in der Breite hat zugenommen. Die Zahl der "sehr guten" Beiträge hält da leider nicht mit. Brillant strukturierte, recherchierte und geschriebene Artikel bleiben Mangelware.

Hans Leyendecker: Der Spardruck bei den Verlagen und Sendern bringt beides: ganz schlechten Journalismus ohne eigene Recherche und viel besseren Journalismus mit intensiver Recherche. Es gab noch nie so viele investigative Teams bei Sendern und Verlagen wie heute. Der Grund ist bei den Verlagen klar: Nur wer Besonderes liefert, wird überleben.

Claudia Mast: Ich habe weniger Veränderungen bei der Qualität festgestellt als vielmehr bei den Perspektiven des Wirtschaftsjournalismus. Für die meisten Redaktionen werden die Menschen als Medienkonsumenten und "Kunden" wichtiger als der Binnenablauf von Unternehmen. Die Zeiten, in denen einzelne Zahlen, Statistiken oder Modelle aus der Unternehmenswelt im Vordergrund standen, gehen zu Ende. Stattdessen rücken immer mehr die Wünsche und Sorgen des Publikums in den Blick der Redaktionen.

Der Spardruck bei den Verlagen und Sendern bringt beides: ganz schlechten Journalismus ohne eigene Recherche und viel besseren Journalismus mit intensiver Recherche. Es gab noch nie so viele investigative Teams bei Sendern und Verlagen wie heute. Der Grund ist bei den Verlagen klar: Nur wer Besonderes liefert, wird überleben.
Hans Leyendecker - Leiter Investigativressort Süddeutsche Zeitung

Welcher Gewinnerbeitrag/Preisträger ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Ulrich Ott: Das ist vor allem Ranga Yogeshwar, dessen Auszeichnung im Jahre 1998 die erste Veranstaltung war, für die ich verantwortlich war. Unvergesslich, mit welcher Begeisterung er und sein Team damals das Publikum unterhielten und über die Entstehungsbedingungen ihrer Siegerproduktion "Die Börse–einfach erklärt" informierten.

Hermann-Josef Tenhagen: Klaus Sterns Film über den Versicherungsvermittler Mehmet Göker. Stern erzählt ganz unpathetisch aus dem Leben des Chefs einer Drückerkolonne. Der Autor lässt den Zuschauer den Makler und das System, das dieser perfekt beherrscht, verstehen.

Claudia Mast: Mich persönlich hat die Analyse von Gabor Steingart "Weltkrieg um Wohlstand" aus dem Jahr 2007 besonders beeindruckt, denn sie gewinnt täglich weiter an Brisanz und ist heute aktueller denn je: nicht nur über Globalisierung reden, sondern ihre Tragweite erkennen. Der Beitrag macht dem Bürger bewusst, was dieser Prozess für ihn bedeutet, wie sehr Wohlstand und Arbeitsplätze davon abhängen und wie wir weiterhin davon profitieren können. Dieser Magazinbeitrag dokumentiert auf exzellente Weise, dass guter Verbraucherjournalismus sich eben nicht nur auf Ratgeber- und Servicethemen beschränkt, sondern auch die Folgen globalen Wirtschaftens für den Konsumenten ausleuchtet.

Clarissa Ahlers: Für mich sind es nicht zwingend die Erstplatzierten. Mich beeindruckte der ausgestiegene Investmentbanker im menschenleeren Bankgebäude in dem Film "Master of the Universe" von Marc Bauder, der 2014 den zweiten Platz holte.