Sind binationale Paare auch doppelt glücklich?
Multikulturelle Paare sind längst mehr, als das Ergebnis von Toleranz. Sie sind der lebende Ausdruck der Globalisierung. Und ihre Partnerschaften sogar stabiler als die von gleichsprachigen Paaren.
Die Globalisierung macht es möglich: Immer mehr Menschen finden ihr Glück weit über ihre eigenen sozialen und kulturellen Grenzen hinaus und verlieben sich in einen Menschen aus einem anderen Land. Für Außenstehende ist das oft ein Grund zum Staunen, denn nicht selten verständigen sich solche Paare in einer Sprache, die keinem der beiden in die Wiege gelegt wurde. Für viele einsprachige Paare kaum vorstellbar - nähren doch bereits die Streits in der gemeinsamen Muttersprache ihr Übel meist aus den Wurzeln sprachlicher Missverständnisse. Wie muss es da erst in Diskussionen und Auseinandersetzungen sein, in die nicht nur sprachliche sondern zudem noch kulturelle Unterschiede hineinspielen?
Es überrascht, aber die Scheidungsrate bei binationalen Paaren ist leicht geringer als die von Paaren gleicher Nationalität. Und um die Überraschung perfekt zu machen: Partnerschaften, die sich aus verschiedenen Kulturkreisen zusammensetzen, weisen ein großes Potential zur Stabilität auf.
Aber wieso ist das so? Müssten die sprachlichen Fettnäpfchen und Verwirrungen nicht eigentlich viel größer sein, als bei "normalen" Paaren - und die Harmonie der Beziehung deshalb zu einem Balanceakt der Unmöglichkeit degradieren? Nein, denn das, was scheinbar zur Instabilität beitragen müsste, ist der Grund, warum es zwischen binationalen Paaren so gut klappt: Die Partner sprechen nicht dieselbe Sprache, so wie es - auf anderen Ebenen - eigentlich kein Paar spricht. Denn Zwischenmenschlichkeit wird immer da zu einer Herausforderung, wo die eigenen Grenzen verlassen, und die eines anderen Menschen erreicht werden. Wahrnehmung und Wertesystem sind eben eine individuelle Angelegenheit. In Beziehungen, deren Partner aus demselben Kulturkreis kommen, wird dies oft vergessen oder verdrängt. Dort wird wie selbstverständlich von der gleichen Sicht der Dinge ausgegangen, wohingegen binationale Paare förmlich gezwungen sind, zu kommunizieren - schließlich wird ihnen durch die unterschiedliche Sprache immer wieder verdeutlicht, dass der andere eben ein "anderer" - und somit anders - ist. Hier müssen Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden, die nicht in Übersetzungsfehlern oder fehlendem Vokabular liegen, sondern zudem kulturell bedingt sein können. Man denke nur mal an die Irrungen der Geste, wenn Daumen und Zeigefinger zu einem "O" gebildet werden. In westeuropäischen Ländern eine durchaus positive Geste, wird sie zum Beispiel in Japan mit finanziellen Themen assoziiert und hat in islamischen Ländern sogar eine unanständige Konnotation. Und wir sprechen hier nur von der non-verbalen Ebene! Sprachlich kann es da zu ebenso weitreichenden - zusätzlichen - Unterschieden kommen. Die Bemerkung, jemand hätte zugenommen ist in Europa eine Beleidigung, während es in Teilen von Afrika ein Kompliment ist, das die gute Gesundheit der Person betonen soll.
Dass solche Missverständnisse erst einmal geklärt werden müssen, ist klar. Hier hilft also nur sprechen, sprechen, sprechen. Die Antennen müssen sehr sensibel eingestellt werden, um auch ja keine sprachliche Missdeutung zu verpassen. Und auf welche Weise könnte man sich besser kennenlernen und intensiver austauschen, als mit großer Aufmerksamkeit und viel Spaß und Lust an der Kommunikation? Austausch und Bemühen schweißt zusammen - und genau das geht vielen gleichsprachigen Paaren mit der Zeit verloren. Binationale Paare können sich das nicht leisten - und wollen es auch gar nicht. Und auch die Zahlen sprechen für die Misch-Liebe: Im Jahr 2010 war jede achte Ehe eine binationale. Es hat eben auch seine Vorteile, wenn man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen kann.
Von Lea-Patricia Kurz





