Fleischlos auf Partnersuche
Die meisten Menschen, die eine bestimmte Weltansicht, Religion oder politische Einstellung vertreten, wünschen sich einen Partner, der genauso denkt und fühlt. So auch die Vegetarier.
Ansprüche haben Singles ja hohe. Und diejenigen, die auf Single-Portalen unterwegs sind oft besonders viele. Immerhin sind sie aus gutem Grund allein: Der oder die Ex war zu laut oder zu leise, zu verschwiegen oder zu jähzornig, hatte den falschen Musikgeschmack oder keine korrekte, politische Einstellung. Natürlich sollten Beziehungen nicht wegen einer geöffneten Zahnpastatube zu Bruch gehen und auch über Geschmack lässt sich gern ein bisschen streiten. Aber wenn man auf einem Single-Portal schon mal die Wahl hat und die Vorlieben ankreuzen kann: Warum nicht?
Eine neue Gruppe unter den Suchenden sind die Vegetarier und Veganer. Wenige sind es aus gesundheitlicher oder geschmacklicher Motivation, die meisten aus Überzeugung: Auf tierische Produkte zu verzichten ist eine Lebenseinstellung, die viel mit Ethik und Moral zu tun hat und umso wichtiger für ihre Anhänger ist. Manch einer kann sich nicht einmal im Ansatz vorstellen, Tisch und Bett mit einem Fleischesser zu teilen. Seien es die Komplikationen, die sich beim gemeinsamen Kochen ergeben oder einfach die unterschiedlichen Werte, die einen Vegetarier von einem Nicht-Vegetarier unterscheiden - Gründe gibt es viele, sich explizit nach Gleichgesinnten umzuschauen.
Denn schauen wir genauer hin, so muss man sagen, dass ein Musikgeschmack auch etwas anderes ist, als ein ethischer Grundsatz. Musik muss man nicht gemeinsam hören, sie lässt sich ausblenden, über Kopfhörer konsumieren und auch Konzerte werden nicht täglich besucht. Hinter einem ethischen Grundsatz hingegen verbirgt sich oft ein kompliziertes Geflecht an Lebenseinstellungen, die weit über die Definition "Vegetarier" oder "Veganer" hinausgehen. Viele Menschen, die auf tierische Produkte verzichten, verfügen auch in anderen Bereichen über eine gewisse Empathie für das Leben selbst: Sie sind im Tierschutz engagiert oder für die Umwelt aktiv und denken nachhaltiger und globaler.
Man muss natürlich nicht Vegetarier sein um dies zu tun, aber bei einem fleischlos lebenden Menschen kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass ihm das ethische Tun und Handeln seines Partners nicht unwichtig ist. Die Unterschiedlichkeit in der Sicht auf und dem Umgang mit dem Leben stellen also eine tiefe, ethische Verletzung dar, die zum einen natürlich herausfordern kann, zum anderen aber schwer Tag für Tag zu ertragen ist.
Zudem ist es auch rein taktisch klug, sich nach einem Partner umzusehen, der nicht nur die Liebe und das Leben mit einem teilt, sondern ähnliche Ansätze vertritt und eine ähnliche Lebensphilosophie lebt, wie man selbst: Studien haben bewiesen, dass Werte und Grundeinstellungen das Fundament langer und glücklicher Beziehungen sind. Stellt man sich nur einmal vor, welche Konflikte sich damit allein bei der Kindererziehung vermeiden lassen, wenn beide Eltern die gleichen Werte vermitteln wollen, dann leuchten diese Studienergebnisse ein.
So gibt es inzwischen auch Partnervermittlungen, die sich auf Veganer und Vegetarier spezialisiert hat. Ebenfalls schlau, sich dort umzusehen - denn waren sie in den Neunzigern noch rar gesät und verlacht, gibt es heute geradezu einen Trend zum Vegetarismus. Und die Tatsache, dass jeder Anspruch an den anderen auch den Kreis potentieller Partner verkleinert, ist ein guter Grund, etwas genauer im gewünschten "Feld" zu wildern.
Von Lea-Patricia Kurz




