Heiraten ist immer noch in
Zeitweilig sah es danach aus, dass die Ehe veraltet und überholt sei. Aber dann kam es anders: Heiraten ist beliebt wie nie. Geändert hat sich nur das Warum.
Streng genommen hat der Heiratsantrag seine besten Zeiten schon gesehen. Die Frauen versorgen sich selbst, der Anstand gebietet inzwischen andere Dinge, und um der Versuchung körperlicher Leidenschaft zu erliegen braucht es auch keine rechtliche Grundlage mehr. Liebe hat heute nicht mehr zwingend die Ehe zur Folge.
Und doch heiraten die Menschen weiterhin. Oder sollte man sagen wieder - war doch das Nicht-Heiraten zeitweise eine politische Aussage und die "Wilde Ehe" die Antwort der 68er-Bewegung auf den "Muff" verkrusteter Gesellschaftsstrukturen. Als spießig und langweilig galt diese Form der Verbindung - aber auch das ist vorbei.
Heute ist die Zeit wieder eine andere und die Hochzeit erfreut sich großer Beliebtheit. Geändert hat sich dennoch vieles. War die Ehe früher eine Art Vertrag zwischen zwei Familien, eine Zusammenführung von Besitzverhältnissen, eine Sicherung des Erbes und der Weg, Name und Stammbaum zu erhalten, so ist das Eheversprechen in unseren Breitengeraden heute eine gänzlich individuelle und vor allem intime Sache. Es geht nicht mehr darum eine Familie zu versorgen oder die Wünsche der Eltern zu befolgen.
Haben früher die Eltern über die Zukunft der Kinder verhandelt oder der Mann beim Schwiegervater in spe um die Hand der Tochter angehalten, machen die Liebenden diesen Moment, in dem die Frage aller Fragen gestellt wird, zu ihrem ureigenen. Kreativität ist wichtig - und Authentizität. Vor allem aber soll der Antrag originell sein, er soll widerspiegeln, welchen Stellenwert die Liebenden füreinander haben - und das ist manchmal eine fast unlösbare Aufgabe. Zumindest dann, wenn man sich an den Anträgen orientiert, die durchs Internet geistern und eine wahrlich exponierte Stellung in der Messlatte der Kreativität einnehmen: Ob ein Flug mit dem Helikopter, ein Transparent am Himmel oder der berühmt gewordene "Live Lip-Dub Proposal" auf Youtube, in dem der Antrag von Freunden und Familie getanzt wird - wer glaubt, auffallen zu müssen um Eindruck zu schinden, wählt eventuell den falschen Weg.
Ein Heiratsantrag ist ein Ritual, das vor allem eines machen soll: Einen Unterschied. Wer seine schüchterne und menschenscheue Freundin vor die Kameras von Kai Pflaume zerrt oder als notorischer Stotterer vor versammelter Verwandtschaft einen Antrag plant, kann nur verlieren. Es müssen aber auch nicht immer rote Rosen und Kerzenschein sein. Ein Antrag muss passen - und zwar für beide. Er sollte widerspiegeln, was zwei Menschen miteinander verbindet; er darf die eigene Geschichte aufgreifen und sie fortschreiben - und manchmal wird auf diese Weise die kleinste Geste zur Heldentat und das leiseste Wort zu einem Schlachtruf.
Wer heute heiratet, möchte ein Zeichen setzen. Es ist ein Bekenntnis zur Liebe und ein Ja zu der Verantwortung für den anderen. Statt einer Mitgift gibt es warme Worte der Schwiegereltern und statt kirchlichem Korsett auch mal nackte Füße in einer Blumenwiese.
Interessant hingegen ist, dass es fast immer noch der Mann ist, der den Antrag macht. Ein Relikt alter Zeiten? Ein Hauch Nostalgie? Oder eine Romantik, die als gelebtes Stück Kultur irgendwie auch immer verdeutlicht: Wir können es anders machen. Wir müssen es aber nicht.
Von Lea-Patricia Kurz





