Das Modell Ehe hat im Laufe seiner Zeit viel Gegenwind ertragen müssen. Zuletzt in den Siebziger Jahren, als die damals jungen Erwachsenen die Verweigerung zur Ehe als Machtinstrument nutzten, um gegen die eigenen Eltern zu rebellieren. Heiraten war irgendwie out, die "freie Liebe" wurde proklamiert und die Ehe galt als Symbol von Antiquiertheit. Doch nicht nur ihr Ruf schien immer wieder fragwürdig zu sein, auch in der Praxis hat die Ehe nicht immer einen guten Eindruck gemacht: Im Jahr 1985 gab es rund 179.000 Scheidungen gegenüber rund 496.000 Eheschließungen. Und auch wenn die Scheidungszahl bis 2010 nur unwesentlich auf 187.000 Scheidungen gestiegen ist, so gab es aber auch nur noch 382.000 Eheschließungen.

Zeugt es nicht von naiver Romantik, angesichts dieser Zahlen von Hoffnung und dem Sieg der Liebe zu sprechen? Nein! Denn hinter den Zahlen stehen weitere Zahlen - und die sprechen eine andere Sprache: Denn hielt eine Ehe Mitte der Achtziger Jahre nur ungefähr elf Jahre, sind es heute gute vierzehn Jahre. Besonderen Inhalt bekommen diese Zahlen jedoch, wenn man sich dazu den Wandel der Zeit anschaut:

Niemand ist heute mehr gezwungen, in einer Ehe auszuharren, von der er nicht mehr überzeugt ist. Frauen verdienen heute meist ihr eigenes Geld und sind ökonomisch unabhängig - und es ist auch durchaus nicht mehr unmöglich, Kinder und Karriere zu vereinen. Auch der gesellschaftliche Druck, der vor einigen Jahrzehnten noch den einen oder die andere zum Verweilen brachte, ist heute eher gering: Eine Scheidung ist keine Schande mehr. Und die Männer? Die haben deutlich mehr Rechte im Bezug auf die eigenen Kinder, als das noch vor rund fünfundzwanzig Jahren der Fall war. Dass auf diesem Gebiet noch einiges getan werden kann, ist ein anderes Thema. Aber der Widerstand, den es zu überwinden gilt, wenn es in der Ehe nicht mehr läuft, ist geringer geworden - und unter dem Gesichtspunkt betrachtet ist der Anstieg der Scheidungsrate beinahe zu vernachlässigen.

Auch gibt es Grund zur Freude, wenn man die trockenen Zahlen unter dem Aspekt des Kindeswohl betrachtet, denn drei Viertel der deutschen Kinder wachsen mit beiden Elternteilen auf. Überlegt man sich, dass die Beziehung der eigenen Eltern für ein Kind der erste Kontakt mit Liebe ist, und dass es Scheidungs- beziehungsweise Trennungskinder deutlich schwerer haben, später selbst eine stabile Partnerschaft zu führen, so sind dies doch die Zahlen, die wirklich interessant sind. Denn sie sagen nichts von Ehe oder Nicht-Ehe, sondern sind letztlich einfach ein Plädoyer für Zweisamkeit und Zusammenhalt - und viel wichtiger noch: Sie sprechen von der Zukunft statt von der Vergangenheit.

Denn bei aller Liebe zu Zahlen und Fakten: Ein Trauschein sagt auch heute weder etwas über die Qualität der Partnerschaft aus, noch berücksichtigen Ehe- und Scheidungsstatistiken die Vielfalt der Liebe, die sich besonders seit den Siebziger Jahren in mannigfaltigen Modellen ausdrückt. Liebe lässt sich nicht benennen noch greifen. Aber sie macht alles möglich. Und wenn sich zwei Menschen füreinander entscheiden und glückliche Kinder großziehen, dann ist es weder wichtig, ob sie Mann und Frau sind oder gleichgeschlechtlich, ob alt oder jung - oder ob sie in wilder Ehe leben oder einen Trauschein haben. Denn letztlich gilt: Lieber wild und glücklich als traditionell und unglücklich.

von Lea-Patricia Kurz