Küssen im Zeitalter von Globalisierung und Internet
Einsamkeit macht erfinderisch! Nur so ließe sich die neueste Erfindung als Kind der globalisierten Liebe beschreiben - der "Kissenger" ist da! Aber macht das Küssen einer Attrappe wirklich weniger einsam?
Die Globalisierung hat viele einsame Herzen geschaffen. Zwischen Honolulu und Posemuckel, zwischen Neuseeland und Deutschland schlagen die Herzen doppelt und doch allein. Nicht immer treffen sich zwei Menschen an ihrem Lebensmittelpunkt und nicht immer sind sie in der Lage, diesen zusammenzulegen. Berufliche Flexibilität und höhere Mobilität sorgen dafür, dass Verliebte oft allein ins Bett gehen und einsam aufwachen. Zwar gibt es Telefon, Handy und Internet und tolle Erfindungen wie SMS und Videochat, doch die reale Nähe, der Geruch des anderen und vor allem seine Berührungen lassen sich damit noch nicht ersetzen.
Das wollte ein chinesischer Forscher nun wenigstens teilweise ändern - und erfand kurzerhand einen kleinen rosafarbenen Kopf mit exzentrisch großen Lippen. Der in Singapur lebende Wissenschaftler Hoonam Samani glaubt, dass seine Erfindung mehr Schwung in eine Fernbeziehung bringen und Distanzen weniger schmerzlich erscheinen lassen kann. Denn der "Kissenger" ist eine kleine Revolution. Wo Gefühlskino und Beam-Technologie noch ferne Gedankenspielereien sind, hat diese Erfindung einen großen Vorteil - es gibt sie schon. Und ihr Prinzip ist ganz einfach: Mit einem USB-Kabel wird der kleine Kopf an einen Computer angeschlossen. Küsst man nun die Silikonlippen, so werden der Druck und die Vibration mit Hilfe von Sensoren auf einen zweiten "Kissenger" übertragen. Praktisch - aber auch praktikabel?
Denn eines lässt sich nicht leugnen: Die ganze Angelegenheit klingt bizarr - und irgendwie ist sie es auch. Denn die Digitalisierung der Welt macht sich nun auf, auch die intimen Bereiche der Menschlichkeit zu erobern. Wie weit ist es noch, bis die gute alte Gummipuppe - mit Sensoren bestückt - den Liebesakt ersetzen will? Und wer kann sich tatsächlich vorstellen, die Sehnsucht nach Liebe und Nähe und dem Menschen, den man liebt, auf diese - verzweifelt anmutende - Weise zu befriedigen? Es erscheint ja beinahe schon anmaßend, seinem Partner so etwas auch nur vorzuschlagen. Gut, aus Spaß und Spielerei vielleicht, aber doch nicht aus ernsthafter Motivation und dem Glauben heraus, damit irgendetwas an der aktuellen Situation zu ändern. Denn wer nicht nah ist, ist eben nicht nah. Fertig. Schaut man sich die kleine Kugel mit den großen Lippen an, erscheinen die vertraute Stimme und die pixeligen Bewegungen des Geliebten im Videochat dann doch wesentlich reizvoller und irgendwie "greifbarer".
Auch der Erfinder des "Kissengers" hat noch "ethische Bedenken", weshalb sein Produkt auch noch nicht auf dem Markt ist. Immerhin hat er erkannt, dass er sich dort auf intimes Territorium gewagt hat. Und auf einige Fragen hat auch er sicher keine Antwort: Denn was passiert eigentlich, wenn sich der "Kissenger" besser anfühlt als der eigene Partner? Wenn seine Lippen voller oder wärmer sind oder einfach glatter? Und wenn einer der Partner an diesen Lippen auf einmal mehr Gefallen findet, als an denen des Partners? Ist dies dann der Anfang einer - ernstzunehmenden - Beziehungskrise? Oder ließe sich so eine Beziehung gar nicht mehr ernst nehmen? Wahrscheinlich Letzteres - denn wenn die Vermenschlichung der Dinge sogar zu Eifersucht führt, kann es mit der Liebe nicht weit her sein - oder eben doch zu weit.
Von Lea-Patricia Kurz




